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Buchkritik | Beitrag vom 19.07.2018

Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf"Briefe einer leidenschaftlichen Persönlichkeit

Von Verena Auffermann

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Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf" (Aufbau Verlag/dpa/picture alliance/Foto: Klaus Rose)
Im Zuge des "Bitterfelder Weges" pflegte Brigitte Reimann einen engen Kontakt zu Arbeitern. (Aufbau Verlag/dpa/picture alliance/Foto: Klaus Rose)

Der Bruder geht 1960 in den Westen, sie ist die "kommunistische Schwester", die Arbeiter in der DDR zum literarischen Schreiben anleitet. Einen Einblick in den Alltag der Autorin Brigitte Reimann geben ihre Briefe in "Post vom schwarzen Schaf".

Brigitte Reimann ist als Autorin des Romans  "Franziska Linkerhand" bekannt geworden. Er erschien 1974 in Ost-Berlin, ein Jahr nach dem Tod der Schriftstellerin und zeitgleich in einer Lizenzausgabe im Westen. Brigitte Reimann hatte zehn Jahre daran gearbeitet. Eine Ahnung vom bevorstehenden Unglück, ihrer langen Krebserkrankung und einem frühen Tod, quälte seit den frühen 60er-Jahren.

Die Schriftstellerin Brigitte Reimann im Jahr 1962 (picture alliance / dpa-ZB / Literaturzentrum Neubrandenburg)Die Schriftstellerin Brigitte Reimann im Jahr 1962 (picture alliance / dpa-ZB / Literaturzentrum Neubrandenburg)

Brigitte Reimann gehört zu den Prominenten der DDR-Literatur. Briefbände und Tagebücher sind erschienen, 1998 auch eine revidierte, um vielen zu DDR-Zeiten rausredigierten Stellen bereinigte Neuausgabe von "Franziska Linkerhand". In Neubrandenburg, ihrem letzten Wohnort, gibt es ein Brigitte-Reimann-Zentrum. Der jetzt von Heide Hampel und Angela Drescher herausgegebene 299 Briefe umfassende Band mit Geschwisterbriefen "Post vom schwarzen Schaf" (1960-1972) zeigt Brigitte Reimann als älteste von drei Geschwistern, als Tochter sorgender Eltern und als komplizierte Persönlichkeit.

Republikflucht des Bruders geht ihr "mächtig nahe"

Neben den vielen Alltagsdingen, die sich die Geschwister hin- und her schrieben, – ein Telefon hatte sie alle in den 60er-Jahren nicht –, anteilnehmend, familiär, detailliert und für den heutigen Leser ziemlich langweilig, enthalten die Briefe (damaligen) politischen Zündstoff. 1960 ging Brigitte Reimanns Bruder Lutz mit Frau und Kind in den Westen. Er kritisiert in seinen Briefen die DDR, nennt sie verlogen, wofür Brigitte jedes Verständnis fehlt. Ihr geht die Republikflucht des Bruders "mächtig nahe", und sie fürchtet, dass Lutz sich schon im ersten Jahr "so in Richtung Bundesbürger" verändern würde und spürt "persönlich" das Verhängnis der "zwei Deutschlands".

Man erfährt über FDJ-Arbeit, Arbeitseinsätze, Schwierigkeiten bei der Kleiderbeschaffung, und viel über die eklatante Wohnungsnot. Brigitte, die "kommunistische Schwester", nimmt an Parteitagen und ZK-Sitzungen teil und arbeitet im Kombinat "Schwarze Pumpe" in Hoyerswerda, wo sie einen Zirkel schreibender Arbeiter leitet.

Brigitte Reimann reist nach Prag und nach Sibirien, schreibt Hörspiele und Fernsehspiele und heiratet in dritter Ehe den Philosophen Hans Kerschek, der ebenfalls in der "Schwarzen Pumpe" arbeitet. Ihr Blick auf ihren Staat wird kritischer: "Ein Titel zählt mehr als ein Charakter", klagt sie, und sie verachtet das Geklüngel - "weil man ohne Beziehungen einfach nicht weiterkommt". 1966 schreibt sie ihrem Bruder Lutz, dass ein Schriftsteller, der ein Buch absichert, "moralisch und seelisch tot" sei.

Die Briefe sind keine literarischen Kostproben, sie verraten auch wenig über die Arbeit an der komplexen Figur der Architektin Franziska Linkerhand. Die Briefe geben Auskunft über eine starke, leidenschaftliche und leidende Künstlerpersönlichkeit. Und natürlich ist der Band wieder ein Stück DDR-Alltags- und Familiengeschichte. Und damit ein interessantes Zeitdokument.

Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe"
Herausgegeben von Heide Hampel und Angela Drescher
Aufbau Verlag, Berlin 2018
415 Seiten, 24,00 Euro

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