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Im Gespräch | Beitrag vom 29.09.2020

Brigitte Meese managt Künstler Jonathan Meese"Mami" hält den Laden am Laufen

Moderation: Susanne Führer

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Brigitte und Jonathan Meese (Maler und Aktionskünstler) spiegeln sich im Ausstellungsraum  in einem Schaukasten. Im Hintergrund sind Gemälde von Jonathan Meese zu sehen. (picture alliance / dpa / Lino Mirgeler)
Nicht immer so ein Herz und eine Seele: Brigitte Meese und ihr Sohn Jonathan. (picture alliance / dpa / Lino Mirgeler)

Als Fremdsprachenkorrespondentin, Büroleiterin und Mutter von drei Kindern in Tokio, Hamburg und Berlin musste aus Brigitte Meese zwangsläufig ein Organisationstalent werden. Heute managt die 90-Jährige ihren Sohn, den Künstler Jonathan Meese.

Im denkmalgeschützten alten Pumpwerk im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg sitzt Brigitte Meese inmitten der Bilder ihres Sohnes Jonathan Meese. Der Künstler, der dort sein Atelier hat, ist selbst nicht anwesend, was auch besser so sei, erklärt seine Mutter, weil er ihr immer dazwischen quatschen würde.

Obwohl sie dessen künstlerisches Schaffen von Beginn an begleitet und über Jahrzehnte als Managerin, Verwalterin, Beraterin und Bürokraft betreut hat, bewahrt sich Brigitte Meese eine kritische Distanz zur Arbeit ihres Sohnes: "Vieles davon gefällt mir, manches gefällt mir nicht, und dasselbe sage ich auch von der zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen."

Gemeinsam entdeckten sie die Welt der Kunst

Als Anfang der 90er-Jahre alles losging, hätten Mutter und Sohn überhaupt keine Ahnung vom Kunstbetrieb gehabt: "Er kannte keinen zeitgenössischen Künstler. Wir waren beide überzeugt, dass Picasso ein zeitgenössischer Künstler war, und wir wussten nicht, dass es Kunstakademien gibt. Wir wussten also im Grunde gar nichts."

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Aber es gab den klaren Wunsch zu malen. Brigitte Meese war froh, dass der sonst so ruhige, zurückgezogene Sohn etwas gefunden hatte, was ihn wirklich interessierte. Zusammen entdecken die beiden die Welt der Kunst. "Ich machte alles mit."

Dank ihrer Erfahrung als Büroleiterin sorgt "Mami", wie Jonathan sie nennt, für die ersten Ordner am Anfang bis zum Kunstmanagement mit Steuerberater, Banker und eigenem Büro in den späteren Jahren. "Dadurch, dass ich um ihn herum alles in Ordnung gehalten habe, konnte er sich absolut und total auf die Kunst konzentrieren."

Siebzehn Jahre lebte sie in Japan

Sich selbständig um alles zu kümmern, hat Brigitte Meese schon sehr früh gelernt. Bereits im Alter von sieben Jahren kam sie in ein Internat. Nach herben Schicksalsschlägen zum Ende des Zweiten Weltkriegs studierte sie dank einer kleinen Vollwaisenrente Fremdsprachen. "Ich war schon seit dem Abitur jemand, der bestrebt war, nach außen zu gehen."

Ihr Sprachstudium führt sie nach Spanien, Heidelberg, Paris und London. Im Anschluss arbeitet sie als Fremdsprachensekretärin bei Bayer-Leverkusen, "was nicht wahnsinnig spannend war", wie sie sagt. Da kommt die Einladung der Schwester nach Japan gerade recht.

Brigitte Meese im Gespräch mit Susanne Führer im Atelier von Jonathan Meese. (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)Brigitte Meese im Gespräch mit Susanne Führer (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)

Aus dem Besuch wird ein 17-jähriger Aufenthalt in Tokio. Dort heiratet Brigitte Meese und bekommt drei Kinder. Um diesen eine deutsche Schulausbildung zu ermöglichen, zieht sie 1973 allein mit ihnen nach Hamburg - ebenfalls nur eine Frage der Organisation, wie man ihren Worten entnehmen kann. Die großen Kinder passen am Nachmittag auf den kleinen "Johnny" auf, mittags kommt sie zum Kochen nach Hause. "Gut, es war viel Arbeit, aber ich hatte mir das ja auch selber ausgesucht."

"Wir streiten uns viel"

Dass sie ihrem jüngsten Sohn auch jetzt noch organisatorisch unter die Arme greift, hat sich Brigitte Meese auch selbst ausgesucht. Allerdings läuft es nicht immer komplett harmonisch ab zwischen Mutter und Sohn: "Wir streiten uns viel, nicht so, dass wir uns schlagen, aber wir sind oft getrennter Meinung. Oft verlangt er Dinge von mir, die mich ermüden. Dann sagt er jedes Mal: ‘Stell dich nicht so an, das tut dir gut’."

Und damit habe er ‘unglücklicherweise’ recht, meint sie: "Dass ich noch so mobil bin, hat auch damit zu tun, dass er mich peitscht."

(mah)

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