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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2014

BriefwechselEr durfte im Feuermeer sterben

"Eine Familie im Krieg. Leben, Sterben und Schreiben 1914-1918"

Von Arno Orzessek

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 Französische Soldaten klettern während der Schlacht um die ostfranzösische Stadt Verdun zu einem Angriff aus ihren Schützengräben (Archivfoto von 1916). Bei der Schlacht um Verdun sind von Februar bis Dezember 1916 rund 700.000 Menschen umgekommen. Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajevo brach im August 1914 der große Krieg (später als 1. Weltkrieg bezeichnet) aus. Es kämpften die Mittelmächte, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn sowie später auch das Osmanische Reich (Türkei) und Bulgarien gegen die Tripelentente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Russland sowie zahlreichen Bündnispartnern. Die traurige Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste. (picture alliance / AFP)
Szene aus der Schlacht um Verdun 1916. Für den Frontsoldaten Otto Braun war das "so wunderbar schön, schön, schön". (picture alliance / AFP)

Ungewöhnliche Kriegskorrespondenz enthält eine Briefsammlung des Ehepaars Lily und Otto Braun. Alle vier Schreiber halten den Ersten Weltkrieg für einen Gewinn und versuchen, jedem Ereignis einen idealistischen, teils verblasenen Sinn zu geben.

"Ei­ne Familie im Krieg" ist ein Buch, das körperliche Reaktionen provoziert. Man schüttelt den Kopf und murmelt "Das gibt's doch gar nicht". Denn die Fa­milie Braun samt Hausfreundin Julie Vogel­stein er­lebte den Ersten Welt­krieg in einer Ver­fassung, die aus heutiger Sicht fremd, selt­sam und oft auch bizarr er­scheint. An­hand der Kriegskor­respondenz (etwa 2.000 Brie­fe) ent­fal­tet die His­to­ri­kerin Dorothee Wierling ein kom­plexes, intimes Psy­cho­gramm der vier Pro­ta­go­nis­ten, das zugleich ungewöhnliche Innenan­sich­ten des Krieges bietet.

Die Konstellation erscheint romanhaft. Lily Braun (geboren 1865) war Sozial­de­mo­kra­tin und Feministin, hatte neben ihrem Mann den ita­lie­nischen Lieb­haber Tan­cre­di, gab sich stets klug, gebildet, progres­siv − und war zu­gleich nationalis­tisch, an­ti­se­mi­tisch, ir­re kriegs­verliebt, so­bald die Waffen sprachen, und fanatisch genug, um trauernden Soldatenmüttern zu dik­tieren: "Für all die Hirne, die die Kugeln durchbohren, schafft andere Hirne, viele kleine Kin­der­hirne." Lilys Mann, Hein­rich Braun (geboren 1854), unt­er­stützte ihre Pro­jekte und ihre Liebschaft, litt an Geld­sorgen und wurde angesichts seines Schei­terns in­ der SPD und als Zeitschriften-Her­ausgeber depressiv. Wo­ran auch seine Be­zie­hung zur viel jün­geren Ju­lie (geboren 1883), einer Kunst­hist­o­rikerin mit schrulliger Antikenfaszination, we­nig än­der­te.

Al­le drei hat­ten einen Fetisch: Otto, den hoch­be­gab­ten, altklu­gen Sohn (geboren 1898), der pas­sabel dich­tete, Stefan George verehrte und 1914 freiwillig an die Front ging. Seine Erlebnisse als Soldat  sind der chronologische Faden des Buches. "Ein Mensch wie Gott sich ihn er­träumt und er ihm nur dies eine Mal ge­glückt!" schwärmte Julie. Sie ging mit den El­tern davon aus, dass Otto nach dem Krieg einer der Gestalter Deutschlands werden würde. Aber im April 1918 zerriss ihn eine Gra­nate. Das Phantasma seiner Unsterblichkeit war dahin − verklärt wurde er umso mehr.

"Leben im Tod für's Vaterland" 

Alle vier Briefschreiber halten sich selbst für bedeutend und den Krieg, trotz Leid und Leichen, für einen per­sön­lichen, kul­turellen und nationalen Gewinn. Sie versuchen jedem Ereignis einen idealistischen, teils verblasenen Sinn zu geben. Als etwa ein Freund Ottos fällt, jubelt Julie: "Statt zu ver­sanden, durfte er nun im Feu­er­meer sterben. Das Griechentum stieg einmal aus seinen Büchern und ward Leben statt Pa­pier, Leben im Tod für's Vaterland." Und alle können auf ihre Weise gut formulie­ren. So gut, dass Wierlings Erläuterungen teils redundant und banal wir­ken, zumal sie nicht die poli­tisch-ge­sellschaftliche Situation in den Kriegsjahren aufblendet, son­dern stets im Privaten bleibt. 

Über die Deutschen im Krieg sagt das oft packende, in den Wierling-Passagen manchmal nervige Buch wenig aus. Das Indi­vi­du­el­le übertrumpft das All­ge­meine bei weitem. Gleichzeitig liegt darin der Reiz. Objektive Infor­mationen über den Ersten Weltkrieg gibt's genug. Wierlings Buch erlaubt es, ihn aus einer ra­di­kal sub­jektiven Perspektive nachzuerleben − und die immense Distanz zu spüren, die man heute zu den Protagonisten hat. Als Otto 1915 im Schüt­zen­graben ankommt und ihm zersprengte Leiber um die Ohren flie­gen, schreibt er: "Es ist eben so wunderbar schön, schön, schön, trotz des Grauenhaften, was ich gerade hier sah." Kaum nötig zu sagen: Die Unterstreichungen stammen von Otto selbst.

Dorothee Wierling: Eine Familie im Krieg. Leben, Sterben und Schreiben 1914-1918
Wallstein Verlag, Göttingen 2013
415 Seiten, 24,90 Euro
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