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Lesart | Beitrag vom 14.01.2020

Briefwechsel des SchriftstellersHermann Hesses inniges Verhältnis zu seinen Söhnen

Silver Hesse im Gespräch mit Frank Meyer

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Der Schriftsteller Hermann Hesse sitzt in einem Zimmer und raucht Zigarre.  (imago images / Sven Simon)
Die Beziehung zu seinen Söhnen war sehr vertraut, das geht aus Briefen des Schriftstellers Hermann Hesse - hier vermutlich im Jahr 1958 - hervor. (imago images / Sven Simon)

Obwohl die Voraussetzungen nicht die besten waren, hatte Hermann Hesse ein sehr nahes Verhältnis zu seinen Söhnen. Das geht aus dem bislang unveröffentlichten Briefwechsel hervor. Hesses Enkel erzählt, dass es aber durchaus auch Konflikte gab.

Frank Meyer: Ich möchte Ihnen etwas vorlesen aus einem Brief von Bruno Hesse an seinen damals schon sehr berühmten Vater, den Schriftsteller Hermann Hesse. Bruno Hesse schreibt da: "Ich möchte probieren, Dir auch aus der Ferne in einem Brief ganz nah sein zu können." Wenn man das hört, da klingt ja eine große Nähe an zwischen einem Sohn und seinem Vater oder zumindest der Wunsch nach dieser Nähe.

Es gibt jetzt ein Buch mit den Briefwechseln zwischen Hermann Hesse und seinen Söhnen Bruno und Heiner. An dieser neuen Briefausgabe war auch Silver Hesse beteiligt, einer der Enkel von Hermann Hesse. Der ist jetzt in Zürich für uns im Studio.

Herr Hesse, diese Briefe, die sind ja auch für Sie oder für Sie sind die eine Wiederbegegnung einmal mit Ihrem Vater, mit Ihrem Onkel, mit Ihrem Großvater. Seit wann kennen Sie diese Briefe denn eigentlich?

Hesse: Ja, das ist eine Wiederbegegnung. Ich kenne diese Briefe seit dem Tod meines Vaters 2003. Da habe ich seinen Nachlass durchgesehen und habe gesehen, dass da hunderte von Briefen sind, und zwar insgesamt über tausend an den Vater und vom Vater an ihn. Meinem Vetter Simon Hesse, mit dem Onkel Bruno, mit seinem Vater, ist genau dasselbe passiert. Wir mussten natürlich diese über 2000 Briefe zuerst einmal lesen und für uns einordnen. Da haben wir wirklich unsere Väter ein bisschen von einer anderen, näheren Seite kennengelernt.

Meyer: Das kann ich mir vorstellen, und das würde ich mir gerne ein bisschen anschauen mit Ihnen gemeinsam. Ich habe ja gerade schon diesen einen Satz vorgelesen aus dem Brief von Bruno Hesse, also Ihrem Onkel, an seinen Vater Hermann Hesse. Ich muss sagen, ich habe bei vielen dieser Briefe, gerade von Bruno Hesse, gestaunt, wie intim er eigentlich schreibt an seinen Vater und wie viel Nähe er sucht zu seinem Vater. Hat er diese Nähe denn gefunden, war das eine besonders vertraute Vater-Sohn-Beziehung zwischen Bruno und Hermann Hesse?

Hesse: Ich denke schon, wobei ich über Bruno weniger sprechen kann, weil er natürlich mein Onkel ist, den ich nicht sehr gut gekannt habe, aber generell war das Verhältnis der Söhne recht intim mit ihrem Vater im Laufe des Lebens und des Älterwerdens natürlich immer intimer. Da wurden auch die Familien einbezogen. Diesbezüglich muss ich sagen, da war ein unglaublich gutes, angenehmes Verhältnis innerhalb der Familien. Deshalb konnten wir ja auch ohne Probleme diesen Briefwechsel herausbringen.

Außerstande, die drei Kinder selbständig zu erziehen

Meyer: Wobei man sagen muss, die Voraussetzungen waren jetzt nicht die günstigsten für ein nahes und vertrautes Vater-Sohn-Verhältnis, denn als der Briefwechsel einsetzt, da leben Ihr Vater und sein Bruder ohne Ihren Vater und Ihre Mutter, also ohne Hermann Hesse und seine damals schon von ihm getrennte Frau. Bruno war bei einer Pflegefamilie, und Ihr Vater hat als Junge in Kinderheimen und Schulinternaten leben müssen. Warum hat denn Hermann Hesse in dieser Zeit seine Söhne nicht zu sich genommen?

Hesse: Er war außerstande. Er musste sich nach der Trennung von der Familie eingestehen, dass er als Schriftsteller, Dichter völlig überfordert ist, diese drei Kinder selbstständig irgendwie zu erziehen. Die Mutter musste ja hospitalisiert werden aus psychischen Gründen. Da hat er einfach nur Hilfe von Freunden gesucht, um die Söhne in irgendeiner Weise akzeptabel unterzubringen. Das ist teilweise gelungen, insbesondere bei Onkel Bruno Hesse. Da konnte er dann zum Maler Cuno Amiet als Pflegekind einziehen im Emmental. Das war für Bruno Hesse natürlich eine ziemlich… doch, intime familiäre Situation.

Meyer: Aber Ihr Vater hat es schlechter getroffen, der musste in Kinderheimen und Internaten leben.

Hesse: Der musste in ein Landerziehungsheim, ja. Da gab es keine andere Lösung. Ich muss sagen, das hat man später ein bisschen gemerkt, dass mein Vater wenig sozialisiert war im Sinne, dass er in einer Familie aufgewachsen wäre mit all diesen Problemen oder auch Sozialisation, die dazugehört. Ja, das hat er sich später selber zum Vorwurf gemacht.

Meyer: Es hat auch, also was Sie gesagt haben, dass es ein sehr nahes, vertrautes Verhältnis gab zwischen Hermann Hesse und seinen Söhnen. Übrigens, es sind ja drei: Martin Hesse ist der Dritte. Dessen Briefe sind jetzt nicht in diesem Band enthalten. Es gab dieses vertraute Verhältnis, auf jeden Fall auch in späteren Jahren, aber man sieht auch an den Briefen, dass es zwischen Ihrem Vater Heiner und Ihrem Großvater doch auch zeitweise ganz schön geknirscht hat. Das kann man in den Briefen nachlesen. Ihr Vater, der hat Hermann Hesse offenbar gedrängt, politisch deutlicher Position zu beziehen in der Nazizeit. Da hat Hermann Hesse ja in der Schweiz gelebt. Wie hat Hermann Hesse darauf reagiert in seinen Briefen an Ihren Vater?

Hesse: Da muss man sagen, mein Vater war natürlich in Zürich politisiert worden. Er war ein junger Mann, er war damals in den 20er-Jahren. 1933, wie das losging in Deutschland, da hat er seinen Vater dahinbringen wollen, sich deutlicher gegen Hitler und Nazismus zu äußern, und in den Briefen an meinen Vater, da wird ganz klar, warum er das nicht macht, mein Großvater, und weshalb er das grundsätzlich falsch findet, als Künstler sich anzudienen. Er hat immer deutlich gemacht, dass Kunst und Politik nicht kompatibel, nicht vereinbar sind.

Hesse drohte seinem Sohn Heiner mit Bruch

Meyer: Wobei es jetzt ja nicht darum gegangen wäre, sich etwas anzudienen, sondern gegen Unmenschlichkeit Stellung zu beziehen, und das ist ja ein Vorwurf, dem Hermann Hesse lange gemacht wurde, bis heute gemacht wird, dass er nicht deutlicher Stellung bezogen hat.

Hesse: Das ist richtig, aber der Vorwurf trifft den Falschen, weil er ebenso wie Thomas Mann in der Schweiz nicht durfte, er musste quasi neutral bleiben. Es war ihm quasi von Behördenseite ganz klar aufgezeigt, wo die Grenzen liegen. Mit Deutschland ist man sehr, sehr sanft umgegangen, und die Deutschfreundlichkeit, insbesondere in der deutschen Schweiz, war ja ganz klar.

Meyer: Ich habe bei einem Brief gestaunt, wie weit Hermann Hesse gehen konnte, den ich mir immer als ganz sanften, humanistischen, verständnisvollen Menschen vorgestellt habe, wie weit er gehen konnte gegenüber Ihrem Vater Heiner, denn im November 1932 hat Hermann Hesse an Ihren Vater geschrieben: "Noch ein Wort mehr, dann bin ich fertig und nicht mehr für dich zu sprechen." Im selben Brief liest man: "Es ist nun bald soweit, dass ich es zwischen uns zum Brechen kommen lasse." Also das liest sich, als ob es kurz vor einem Ende der Beziehung zwischen Vater und Sohn damals stand. Was hat die beiden denn so nah an diesen Bruch herangeführt?

Hesse: Ja, da war er sehr aufgebracht. Der Grund war, dass er ja vom H.C. Bodmer ein Haus, die Casa Rossa in Montagnola gebaut erhielt …

Meyer: Das war ein Mäzen von ihm, glaube ich, der Herr Bodmer.

Hesse: Richtig, das war sein Mäzen. 1931 ist er da eingezogen, und mein Vater hat natürlich ihn besucht dort mit seiner neuen dritten Frau Ninon Dolbin, dann Hesse, und ihm ist das unglaublich unangenehm gewesen. Er sagt dann: "Nicht bei dir und in deiner Nähe, aber in deinem zu dir so maßlos schlecht passenden gutbürgerlichen Haus habe ich etwas von diesem Kulturleerlauf gespürt. Er wirkte auf mich niederdrückender als gröbster Snobismus." Da ist etwas, was den sensiblen Vater derart aufgeregt hat, dass er mit dem Bruch gedroht hat. Der Bruch ist nicht eingetreten zum Glück, und sie haben sich später, vor allem gegen Ende der 30er-Jahre, dann sehr, sehr gut verstanden, eigentlich sämtliche Söhne, alle drei Söhne mit dem Vater.

Enormes Interesse an anderen Menschen

Meyer: Ich habe es schon gesagt, der Briefwechsel mit dem dritten Sohn Martin ist nicht enthalten in diesem Buch, was sehr schön gewesen wäre, wenn man alle drei nebeneinander hätte kennenlernen können. Woran liegt das?

Hesse: Wir haben das selbstverständlich versucht, aber die dritte Erbengemeinschaft war nach anfänglicher Zusage nicht bereit, das jetzt in diesen Briefband auch unterzubringen. Leider! Wir haben das sehr, sehr schade gefunden – natürlich würde das das Ganze noch etwas deutlich und breiter machen.

Meyer: Sie haben ja Ihren Großvater Hermann Hesse selbst noch kennengelernt, also Sie hatten also eigentlich ausreichend Zeit dafür, denn als er starb, da waren Sie 20 Jahre alt. Wie haben Sie ihn denn selbst erlebt, den Großvater?

Hesse: Er war natürlich im Tessin, wir waren in der Deutschschweiz. Das waren immer Tagesreisen. Also man hat ihn nicht oft gesehen, vielleicht in den letzten fünf Jahren habe ich ihn drei, höchstens viermal getroffen bei Besuchen, immer mit der Familie, und ein einziges Mal war ich einen ganzen Tag mit ihm alleine in Montagnola unterwegs. Da habe ich ihn einfach als eine Persönlichkeit kennengelernt, wo ich mich als Jugendlicher damals – ich war 17 – wirklich erstmals von Erwachsenen ernstgenommen gefühlt habe. Das war eigentlich ein Erlebnis, eine Erinnerung, die ich heute noch mit mir trage.

Meyer: Und haben Sie ihn jetzt durch seine Briefe, durch die Auseinandersetzung mit seinen Söhnen noch einmal anders kennengelernt?

Hesse: Nicht anders. Es hat sich eigentlich bestätigt, dass dieses Interesse an anderen Menschen oder solchen, die ihm nahestehen, enorm ist und er immer bemüht war, bei seinen Söhnen, auch bei seinen Enkeln, irgendwie ihre Lebensvisionen zu kennen, da mitzuwirken, ohne irgendwie aufdringlich sein zu wollen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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