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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.06.2015

Briefwechsel Adorno - ScholemDie getreuen Nachlassverwalter

Von Michael Opitz

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Ein Mitarbeiter einer Verglasungsfirma entfernt am Dienstag (12.07.2005) am Denkmal des ehemaligen Arbeitszimmers von Theodor W. Adorno im Frankfurter Stadtteil Bockenheim die Dichtungen der Glasscheiben, die um das Denkmal gebaut wurden. Das Kunstwerk, das bereits dreimal durch Vandalismuss zerstört wurde, soll am Abend mit einer Wiederherstellungs-Feier unter dem Titel "A night with Adorno" erneut zur Schau gestellt werden. (picture alliance / dpa / Frank May)
Das ehemalige Arbeitszimmer von Theodor W. Adorno in Frankfurt-Bockenheim als Kunstwerk. (picture alliance / dpa / Frank May)

"Der liebe Gott wohnt im Detail" ist der Titel des kommentierten Briefwechsels zwischen dem Philosophen Theodor W. Adorno und dem Kabbala-Forscher Gershom Scholem. Darin geht es nicht in erster Linie um Philosophie, sondern um einen berühmten Freund.

Über einen Zeitraum von 30 Jahren, zwischen 1939 und 1969, schreiben der Kabbala-Forscher Gershom Scholem und der Philosoph Theodor W. Adorno einander Briefe. Sie liegen nun in einem hervorragend kommentierten Band vor, der allen sich aus dem Briefwechsel ergebenden Fragen detailversessen nachgeht.

Im Dezember 1959 fragt Scholem Adorno, ob sich der Satz "Gott wohnt im Detail" bei Hegel findet. Adorno antwortet Scholem, dass dieser Satz nicht bei Hegel, sondern bei dem Kulturwissenschaftler Aby Warburg steht. Wie kaum ein anderer würde er als "Motto für Benjamin" taugen.

Walter Benjamin (dpa / picture alliance / Heinzelmann)Walter Benjamin (1892–1940) (dpa / picture alliance / Heinzelmann)

Scholem umschreibt in einem 1965 publizierten Aufsatz mit diesem Satz das methodische Verfahren des Philosophen, Literaturhistorikers und Kunstwissenschaftlers Walter Benjamin (1892-1940):

"Dass im Kleinsten sich das Größte aufschließt, dass der liebe Gott im Detail wohnt, wie Aby Warburg zu sagen pflegte, das war in den verschiedensten Zügen für ihn grundlegende Einsicht."

Walter Benjamin ist in dem Briefwechsel der "dritte Mann", um den sich beinahe alles dreht. Scholem, der mit Benjamin seit 1915 befreundet war, und Adorno, der Benjamin 1923 kennengelernt hatte, finden über Benjamin zueinander. Bereits im ersten Brief, den Adorno an Scholem am 19. April 1939 aus New York schreibt, ist von dem gemeinsamen Freund die Rede.

Nachlassherausgabe als "Pflicht seiner Freunde"

Den Tod Benjamins teilt Adorno Scholem am 8. Oktober 1940 mit. Benjamin hatte am 25. September in dem spanischen Grenzort Port Bou Gift genommen und starb einen Tag später. Unmittelbar danach entsteht der Plan, sich um Benjamins geistiges Erbe zu kümmern. Im November 1940 schreibt Scholem an Adorno:

"Ich glaube, es ist die Pflicht seiner Freunde, in irgendeiner Weise, soweit es die jetzigen Umstände erlauben, für die Rettung seiner Papiere und die Vorbereitung eines würdigen Gedächtnisses Sorge zu tragen."

Adorno ist es zu verdanken, dass 1950 Benjamins "Berliner Kindheit" erscheint. Daraufhin hegt Scholem die Hoffnung:

"Es sollte mich freuen, wenn nun auch der Weg zur Publikation weiterer Bände frei würde."

Eine Ausgabe von Benjamins Schriften treibt Adorno voran und gemeinsam wollen sie Benjamins Briefe herausgeben. Welche Hindernisse überwunden werden müssen, um an wichtige Briefe des jungen Benjamin zu kommen, ist ein zentrales Thema in den Briefen, die zwischen Jerusalem und Frankfurt am Main hin und her gehen.

Nach dem Erscheinen der Brief-Ausgabe schreibt Adorno im Januar 1967 an Scholem:

"Mein Eindruck ist, dass die Benjamin-Briefe erhebliche Wirkung haben."

Briefwechsel dokumentiert Streit um Benjamin-Herausgabe

Wie recht er damit haben sollte, war Adorno zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Statt Zuspruch und Lob hagelt es Kritik. Heftig wird über Adornos Auswahl von Benjamins Texten und die Auslassungen in den Briefen Benjamins gestritten. In der Benjamin-Forschung kommt es zu Fraktionsbildungen.

Der Streit allerdings ist wichtig, denn 1972 wird mit der Herausgabe von Benjamins "Gesammelten Schriften" begonnen – das Zustandekommen der Ausgabe ist das entscheidende editorische Ergebnis der um die Brief-Ausgabe geführten Auseinandersetzung. Wie die beiden Herausgeber auf die Vorwürfe reagierten und welche Positionen sie vertraten, ist in diesem verlässlich dokumentierten Band nachzulesen.

Theodor W. Adorno, Gershom Scholem: "Der liebe Gott wohnt im Detail". Briefwechsel 1939-1969
Hrsg. v. Asaf Angermann
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
559 Seiten.

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