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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 20.12.2018

Brieftauben kein nationales KulturgutArme Taube, leckere Gans

Ein Kommentar von Florian Werner

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Brieftauben fliegen in den Himmel (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Schön anzusehen, aber kein nationales Kulturgut: Brieftauben. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Brieftauben sind kein immaterielles Kulturgut: Mit dem Hinweis auf den Tierschutz wies die UNESCO-Kommission den Antrag ab. Ist es vernünftiger, eine Gans zum Schlachten durch halb Europa zu schicken, als eine Taube auf Reisen? - fragt Florian Werner.

Die Taube ist ein zwiespältiges Wesen. Einerseits gilt sie, vor allem in ihrer weißgefiederten Form, als Inbegriff des Friedens: Der Vogel, den der Stammvater Noah am Ende der Sintflut aussandte, brachte bekanntlich einen Ölzweig als himmlische Kurznachricht wieder und begründete damit den neuerlichen Bund zwischen Gott und den Menschen.

Andererseits ist gerade die Brieftaubenzucht seit Jahrtausenden eng mit dem Kriegshandwerk verbunden: Bereits in der Antike wurden Tauben als Boten eingesetzt, um Nachschub zu ordern oder über Schlachten zu berichten.

Im Ersten Weltkrieg waren auf deutscher Seite 120.000 Militärtauben im nachrichtendienstlichen Einsatz. Und während des Zweiten Weltkriegs versuchte der Psychologe B. F. Skinner, besonders begabte Tiere auf die Steuerung von Fliegerbomben zu dressieren.

Jede vierte Taube bleibt wohl auf der Strecke

Der Konflikt, der nun vor der UNESCO-Kulturerbekommission ausgetragen wurde, ist da vergleichsweise harmlos. Der Verband der Deutschen Brieftaubenzüchter hoffte auf eine Aufnahme seines "Sports" in das immaterielle Kulturerbeverzeichnis und einen damit verbundenen Image-Aufwind: In den letzten Jahren hat der Verband um die 10.000 Mitglieder verloren, die Zahl der registrierten Brieftauben ging auf 1,7 Millionen zurück.

Tierrechtsorganisationen wie PETA hingegen wiesen darauf hin, dass bei Taubenwettflügen immer wieder gegen das Tierschutzgesetz verstoßen wird. Brieftauben legen Hunderte Kilometer zurück, um so schnell wie möglich wieder bei ihrer Brut oder ihrem im Schlag verbliebenen Partner zu sein: Nest- beziehungsweise Witwerschaftsmethode nennt man diese sozialbrachiale Strategie. Jedes vierte Tier bleibt Schätzungen zufolge auf der Strecke – sei es, weil es an Erschöpfung stirbt oder in den Fängen eines Raubvogels endet.

Zeugt die Entscheidung von Standesdünkel?

Ironie der Geschichte: Die Falknerei, als traditionelles Hobby der Adligen, steht seit 2014 auf der Kulturerbeliste, obwohl auch die Haltung dieser Vögel tierrechtlich umstritten ist, und das erklärte Ziel der Falkenbeiz bekanntlich nicht die Erziehung zum Vegetarismus, sondern die Tötung von Kleintieren ist. Falke schlägt Taube: Möglicherweise flattert auch bei den Entscheidungen der UNESCO-Kommission ein gewisser Habitus und Standesdünkel mit. Nicht von ungefähr sind die deutschen Brieftaubenzüchter in einem schnöden "Verband" organisiert – die Greifvogelfreunde hingegen im "Deutschen Falkenorden".

Wie auch immer: Die proletarische Brieftaube – das "Rennpferd des Bergmanns", wie man sie im Ruhrgebiet nannte – kommt erst einmal nicht unter die Fittiche der UNESCO. In der Bewerbung, so die Begründung, finde keine Reflektion "über eine zeitgemäße Mensch-Tier-Beziehung" statt. Dies ist nun eine Botschaft, die man sich, ganz unabhängig von den Tauben, zu Herzen nehmen sollte. Schließlich stellen die bevorstehenden Jahresendfeierlichkeiten einen traurigen Höhepunkt im bundesdeutschen Kadaverkonsum dar.

Durchschnittlicher Fleischkonsum: 60 Kg pro Jahr und Person 

Kein Heiligabend ohne Würstchen, kein erster Weihnachtstag ohne Gans. Um die 60 Kilogramm Fleisch isst der Durchschnittsdeutsche pro Jahr, Geflügel steht nach Schweinefleisch auf dem zweiten Platz. Wenn die armen Mastgänse ahnten, was auf sie zukommt, würden sie ohne zu Zögern ihre Verwandten, die Skinner'schen Kampftauben zur Hilfe rufen.

Die einleitenden Worte des Deutschen Tierschutzgesetzes tönen vor diesem Hintergrund so blechern wie ein Zimbelstern: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen", heißt es in Paragraf eins.

Ist es vernünftiger, eine Gans zur Schlachtung durch halb Europa zu karren, als eine Taube für Wettbewerbe auf Reisen zu schicken? Ist es schmerzvoller, in den Fängen eines Wanderfalken zu sterben, als auf dem Fließband einer Fleischfabrik? Und wie lautet nochmal die Kernbotschaft des menschenähnlichen Geflügels, das derzeit überall herumflattert, der Engel und Putten? Ach ja, genau wie zu Papa Noahs Zeiten: Frieden.

Der Schriftsteller Florian Werner liest am 30.05.2015 in Köln auf der 3. phil.COLOGNE, das Internationale Festival der Philosophie. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Florian Werner (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Florian Werner ist Autor von Sachbüchern und Prosa, spielt Fußball in der Deutschen Autorennationalmannschaft, lehrt als Gastdozent an verschiedenen Hochschulen und arbeitet für den Hörfunk. Zuletzt erschienen ist sein Wanderbuch "Der Weg des geringsten Widerstands" (Nagel & Kimche).

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