Montag, 21.10.2019
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 24.06.2016

Brexit - Folgen für die Wirtschaft "Schwere Zeiten für die Briten"

Markus Kerber im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die Luftaufnahme von London zeigt unter anderem die Tower Bridge, den Finanzdistrikt und die Themse.  (picture alliance / dpa / Dominic Lipinski)
Erste Auswirkungen des Brexit-Votums bekam der Finanzplatz London zu spüren (picture alliance / dpa / Dominic Lipinski)

BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber erwartet nach dem Brexit-Votum wirtschaftlich schwierige Zeiten für Großbritannien. Das Land müsse sich jetzt entscheiden, nach welchem Modell es jetzt mit der EU Handel treiben wolle.

"Es ist leider Gottes ein ziemlich tragisches Ereignis, dass sich da vor unseren Augen abgespielt hat", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber, im Deutschlandradio Kultur. Jetzt gehe es darum, dass zwei tief miteinander verflochtene Handelsregionen ihre Wirtschaftsbeziehungen neu regeln müssten. Kerber erinnerte daran, dass allein in Großbritannien 400.000 Briten bei deutschen Unternehmen beschäftigt seien.

Schweizer oder norwegisches Modell?

Er hoffe, dass in den nächsten zwei Jahren zügig Austrittsverhandlungen geführt würden, sagte Kerber. "Die Briten müssen uns jetzt relativ schnell signalisieren, nach welchem Modell sie denn gedenken mit uns in Zukunft wirtschaften zu wollen, denn wir bleiben ja geographisch auf einem Kontinent." Die Briten müssten deshalb entscheiden, ob sie ein Schweizer oder ein norwegisches Modell wünschten. Daran müssten die Firmen sich dann anpassen.

Einfuhren auf die Insel werden teurer

Deutsche Unternehmen wollten weiter Güter und Dienstleistungen anbieten, sagte der BDI-Hauptgeschäftsführer. "Nur Britannien muss sich das leisten können." Wenn das Pfund um zehn oder 15 Prozent abstürze, verteuerten sich alle auf die Insel gelierten Güter und Dienstleistungen um genau diesen Betrag. "Das heißt für Großbritannien und seine Bewohner, die ja auch Verbraucher und Einkäufer sind, kommen schwierige Zeiten."  


Das Interview im Wortlaut:

!Liane von Billerbeck:!! Es hat die unterschiedlichsten Berechnungen gegeben, was ein Austritt der Briten aus der EU kosten würde. Erst mal die Briten selbst, George Osborne, der Finanzminister, hatte von Steuererhöhungen und Absenkungen von Sozialstandards gesprochen, und immer wieder hatte es aber auch geheißen, dass Deutschland, das Land, das der zweitwichtigste Handelspartner der Briten ist, am meisten Miese machen würde. Welche wirtschaftlichen Folgen der britische Austritt haben könnte, haben wird, das will ich jetzt von Markus Kerber wissen. Er ist der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie( BDI) und jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Markus Kerber: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Ist das ein Schlag ins Kontor der deutschen Wirtschaft, dieser Austritt?

Kerber: Ja, es ist leider Gottes ein ziemlich tragisches Ereignis, was sich da vor unseren Augen abgespielt hat. Denn jetzt wird es darum gehen, dass zwei tief miteinander verflochtene Handelsregionen – die Briten auf der einen und die Europäer mit Deutschland als Spitzenwirtschaft an der Spitze –, dass die ihre Wirtschaftsbeziehungen neu regeln, und das in einem Verhältnis, wo beispielsweise allein in Großbritannien bei deutschen Unternehmen über 400.000 Menschen, also Briten und Britinnen ihre Arbeit finden. Darum wird es gehen in den nächsten Monaten.

von Billerbeck: Das heißt, deutsche Mittelständler haben erfolglos kostenlose Bratwürste in Großbritannien verteilt?

Kerber: Ich glaube, ohne diese Aktion wäre es vielleicht noch schlimmer geworden. Aber jetzt heißt es: Keep calm and carry on! Ich hoffe, dass wir in den nächsten beiden Jahren jetzt zügig und klar Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich erfolgreich beginnen und dann beenden können. Die Briten müssen uns jetzt relativ schnell signalisieren, nach welchem Modell sie denn gedenken, mit uns in Zukunft wirtschaften zu wollen, denn wir bleiben ja geografisch auf einem Kontinent. Britannien muss sich jetzt entscheiden: Wollen sie ein Schweizer Modell, wollen sie ein norwegisches Modell? Und danach können dann unsere Firmen ihre Pläne jeweils adaptieren oder anpassen.

Auswirkungen auf die Staatspapiere

von Billerbeck: Die ersten Auswirkungen merkt man ja schon, das Pfund ist abgestürzt wie seit 30 Jahren nicht, und der Dax, also der Deutsche Aktienindex ist um fast elf Prozent gefallen nach dem Brexit. Das sind ja Dinge, die merken auch deutsche Firmen. Also, ich glaube nicht, dass man in deutschen Unternehmen das so sportlich sieht, wie es … Ich glaube, ich habe es in der "Daily Mail" gelesen, da stand: Deutsche Firmen verkaufen den Briten jedes Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 120 Milliarden Euro, die werden uns weiter ihre Autos verkaufen wollen, also: So what?

Kerber: Wir werden weiterhin natürlich unsere Güter und Dienstleistungen anbieten. Nur, Britannien muss sich das leisten können. Denn, wenn das Pfund so wie heute zehn oder 15 Prozent abstürzt, verteuern sich ja alle auf die Insel gelieferten Güter und Dienstleistungen um genau diesen Betrag. Das heißt, für Großbritannien und seine Bewohner, die ja auch Verbraucher und Einkäufer sind, kommen schwierige Zeiten. Ich glaube auch, dass das Handelsdefizit, das die Briten haben, sich schmerzlich auswirken wird. Sie importieren mehr, als sie exportieren, das ist immer auch eine Frage des Lebensstandards und der Lebensqualität. Und worauf wir in den nächsten Wochen und Monaten noch werden blicken müssen: Die britischen Staatsfinanzen sind defizitär und leben von einem nicht unerheblichen Ausmaße davon, dass nichtbritische Investoren – also zum Beispiel Deutsche, Franzosen, Amerikaner, Asiaten – die Staatspapiere der britischen Regierung kaufen. Das wird eine sehr spannende Angelegenheit, ob dort alles so bleibt, wie es bislang war.

Risikoanalyse für den B-Day

von Billerbeck: Jetzt haben Sie alles Dinge aufgezählt, die für die Briten gelten. Was heißt denn das aber nur für die deutschen Unternehmen? Hat man denn da überhaupt – Sie sind ja beim BDI, das ist ja der Verband der deutschen Industrie –, hat man da überhaupt diese Möglichkeit in Betracht gezogen und irgendwelche Vorstellungen gehabt, was man dann tut, wenn die Briten tatsächlich austreten sollten?

Kerber: Na ja, jedes der von mir vertretenen Unternehmen hat natürlich eine Risikoanalyseabteilung. Und so sehr wir gehofft haben, dass die Briten sich für den Verbleib in der Europäischen Union entscheiden würden, haben wir immer auch durchgerechnet und durchgeplant, was müssten wir denn nach einem solchen B-Day wie heute machen? Und ich glaube, …

von Billerbeck: Und, was machen Sie dann?

Kerber: … da gibt es zwei Unternehmen, es gibt die, die exportieren, die werden sich überlegen, wie in Zukunft die Zölle und Regulierungen sind, unter denen man exportieren kann, wir werden ja zu einem neuen Zollregime kommen müssen … Ich habe das immer für eine Narretei gehalten, aber jetzt müssen wir diese Narretei begehen. Und dann gibt es die Unternehmen, die in Großbritannien produzieren. Schauen Sie sich ein Unternehmen wie Mini an, das zur BMW Group gehört, dort sind die Fragestellungen ganz andere: Kann man das Produktionslevel dort aufrechterhalten, wie ist übrigens der Fluss der Beschäftigten?

Wir haben ja bei solchen Unternehmen eine ganz erhebliche Anzahl von Beschäftigten, die dauernd zwischen Deutschland in dem Fall und Großbritannien hin- und herreisen. Wird das weiterhin einfach sein oder wird das eher schwieriger werden? Wie sieht das mit Arbeitserlaubnissen, mit Aufenthaltserlaubnissen aus? All diese Dinge müssen nun in zwei Jahren geregelt werden. Solange, die aber nicht geregelt sind, gehe ich davon aus, dass die Investitionen von uns in Großbritannien eher gemäßigt ausfallen werden. Und ob Briten dann bei uns investieren können, hängt wie gesagt von dem neuen Regime ab, das wir nun aushandeln müssen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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