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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.07.2017

Breitband-Ausbau in Sachsen-AnhaltWenn das "schnelle" Internet auf sich warten lässt

Von Christoph Richter

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Im Vordergrund ein Router für das Internet, im Hintergrund Kühe auf einer Weide, aufgenommen bei Bücheloh. Der Ausbau der Breitbandversorgung auf dem Land läuft nur schleppend. Schnelles Internet ist oft nur in Ballungsgebieten verfügbar. (picture alliance / dpa / Michael Reichel)
Der Ausbau der Breitbandversorgung auf dem Land läuft nur schleppend. (picture alliance / dpa / Michael Reichel)

Bundesweit hinkt Sachsen-Anhalt beim Breitband-Ausbau hinterher. Das erklärte politische Ziel, bis 2018 landesweit schnelle Internet-Verbindungen anbieten zu können, ist kaum noch zu erreichen. Einige Betroffene sind inzwischen selbst aktiv geworden.

Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bauzeichnungen: darüber gebeugt sitzt der Heizungsbauer Wolfgang Barnick. Sein kleiner Handwerksbetrieb mit zwei Mitarbeitern residiert in Uetz bei Tangerhütte in der Altmark. Also mitten im Niemandsland, in idyllischer Elb-Nähe, auf halber Strecke zwischen Berlin und Wolfsburg.

Wolfgang Barnick: "Wir bekommen jetzt keine Zeichnungen per Post, sondern die ganzen Zeichnungen für Bauvorhaben – wir sind im öffentlichen Bereich tätig – da kommen riesige Zeichnungen, mit einem riesigen Datenvolumen. Die bekommen wir per E-Mail und die müssen wir auch wieder versenden."

Und da genau beginnt das Problem. Denn die Internet-Versorgung ist in der Altmark ein echtes Trauerspiel, sagt Klempner Barnick. Man fühle sich zuweilen wie im fernen Kongo, der 56-Jährige lacht. Denn: E-Mails könne man gerade noch so empfangen, aber wenn man etwas verschicken will, geht gar nichts. Online-Bankgeschäfte sind tagsüber völlig unmöglich, das geht nur nachts, erzählt er:

"Das ist unser ganz großes Problem, was wir haben. Und wenn ich jetzt bei einer Heizung etwas machen will, eine Reparatur habe, an den Kessel muss. Dann geht das heute nur noch über Laptop. Und wenn ich da keinen Empfang habe, habe ich auch Probleme."

Nachteil für den Wirtschaftsstandort - Warum es in vielen Ecken Deutschlands so lange mit dem Breitband-Ausbau dauert, erläutert der Netz-Experte Philip Banse im "Länderreport"-Interview.

Dank Selbsthilfe wirtschaftlich überlebt

Der 1,90 m Mann Wolfgang Barnick schüttelt den Kopf. Seine Auftraggeber sitzen im gesamten Bundesgebiet. Derzeit ist er viel im Rheinland unterwegs. In Euskirchen saniert Barnick beispielsweise eine Bundeswehr-Kaserne, in Köln bringt er eine Grundschule heizungstechnisch auf Vordermann. Große Bau-Projekte. Daher müssen die permanent aktualisierten, mittlerweile höchst komplexen Baupläne - in die auch Bilder oder Filme integriert sind - zwischen ihm, seinen Monteuren und anderen Gewerken ständig hin-und her geschickt werden:

"Es geht schon in den Giga-Bereich rein, was da hin und her geschickt wird."

Ohne vernünftiges Internet völlig unmöglich. Weshalb es mit dem Heizungsbetrieb Barnick aus dem altmärkischen Uetz wegen des fehlenden Internets fast zu Ende war.

Glücklicherweise – so Barnick - kam man dann allerdings auf eine trickreiche Idee und half sich selbst, um weiter zu existieren. Indem man 2016 einen Verein gründete, um darüber eine Internet-Richtfunklösung zu finanzieren. Das heißt, das Internet kommt nun – wenn auch etwas wacklig - über ein Funknetz bis ins ländliche Uetz bei Tangerhütte.

Ohne die Richtfunk-Lösung allerdings, erklärt Barnick, "wäre Schicht im Schacht. Ich hätte meinen Firmensitz verlegen müssen. Woandershin, damit ich da Zugang zum Netz habe."

Wo man sich auch umhört, Handwerksbetriebe und Unternehmen in Sachsen-Anhalt stöhnen über Internet-Probleme.

Unrealistisches Angebot der Telekom

Dachdecker Frank Metzner und seinem 17 Mann großen Betrieb aus Lüderitz bei Stendal erging es ähnlich. Die Telekom hat ihm mal angeboten eine Leitung zu legen, erzählt der Mit-Fünfziger. Dazu hätte man allerdings einen Vertrag zu heftigsten Bedingungen unterschreiben müssen. Die Kosten: 1000 Euro. Nicht einmalig, sondern pro Monat:

"Der Staat zwingt uns ja schon seit Jahren, das wir zum Beispiel Finanzamt, Krankenkasse. Irgendwelche neuen Programme, die sie sich ausdenken: Das läuft alles übers Internet. Alles. Das heißt, ich muss es über das Internet machen. Es fragt mich aber keiner, ob ich überhaupt Internet habe."

Lange war es gar so, dass man Geschäftspartner gebeten habe, keine E-Mails mit Anhang zu verschicken. Wenn es nicht anders ging, ist man zu Freunden gefahren – wo es eine bessere Breitband-Versorgung gab - und hat sich dort die Dateien runtergeladen.

Kein tragbarer Zustand, sagt Meister Metzner. Weshalb man sich eine mobile Lösung – eine LTE-Funk-Verbindung - organisiert hat. Also auch hier hat man sich selbst geholfen. Um den eigenen Laden am Laufen zu halten, wie es Metzner etwas salopp formuliert.

Dennoch läuft es nicht optimal, das Netz fällt immer wieder aus. Und den ganzen Tag online sein, sich Herstellervideos anschauen: Sollte man tunlichst lassen, sagt Metzner. Die versprochene Surfgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde, erreicht man fast nie. Höchst problematisch wird es gegen Ende des Monats, erzählt der Dachdecker noch. Weil die Datenmengen dann verbraucht sind, wird das Internet gedrosselt, dann könne man kaum noch etwas tun:

"Ja, wenn wir das haben, dann müssen wir die nötigen Sachen eben nachts runterladen."

Bundesweit auf dem letzten Platz

Ganz wie zu den Internet-Urzeiten, Mitte der 90er-Jahre. Ausnahmen? Mitnichten. Dazu reicht ein Blick auf die Karte im Breitband Atlas. Während sich Deutschland bis Ende 2016 bei der Verfügbarkeit von 50 Megabit immerhin auf gut 75 Prozent aller Haushalte steigerte, waren es in Sachsen-Anhalt gerade mal knapp 49 Prozent, in den ländlichen Regionen liegt man weit darunter. Damit belegt das Land bundesweit den letzten Platz.

Sachsen-Anhalts designierter Wirtschaftsminister Armin Willigmann (dpa/picture alliance)Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willigmann ist für die Digitalisierung zuständig. (dpa/picture alliance)

"Es ist nicht zu leugnen, dass wir in der Tat, auf dem Weg zu Ziel bis Ende 2018 die weißen Flecken zu beseitigen, 50 Mbit in den privaten Haushalten, 100 Mbit in den Gewerbegebieten, für die Unternehmen, dass wir da noch ein Stück entfernt sind", gesteht SPD-Wirtschafts- und Digitalisierungsminister Armin Willingmann.

Bis vor kurzem war der ausgebildete Jurist noch der Rektor der Hochschule Harz in Wernigerode:

"Das ist der Fluch der guten Tat. Ziel der letzten Landesregierung war es, die diesen Plan angelegt hat, die Kommunen weitestgehend zu entlasten."

Denn nur zu 10 Prozent sollten sie sich an den Ausbaukosten beteiligen. Den Rest sollten sich die Kommunen aus Fördertöpfen von EU, Bund und Land holen. Klappt nicht so richtig, da die Verfahren nicht harmonisiert sind. Weshalb es so lange dauert, betont Willingmann. Denn erst wenn alle ihre Zusage machen, dürfe losgebaut werden.

Für die Verzögerungen macht Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Willingmann den Bund verantwortlich, der sich bei der Prüfung der Anträge zu viel Zeit lasse.

Heftige Kritik an der Förderlogik

Marco Langhof vom Vorstand des Verbands der IT- und Multimediaindustrie in Sachsen-Anhalt nennt das gesamte Prozedere eine "Kakophonie der Förderlogik":

"Wir haben dadurch, dass jede Kommune eine Entscheidung für sich treffen darf, teilweise einen Flickenteppich von verschiedenen Ansätzen. Ich wohne in Wolmirstedt. Die Stadt hat sich mittels der Telekom entschlossen, das Kupfernetz mit DSL überbauen zu lassen, während der darum liegende Landkreis gesagt hat, wir wollen die Glasfaser-Erschließung."

Also die modernste aller Lösungen. Dass einige aber immer noch den Ausbau der alten längst aus der Zeit geratenen Kupfernetze wollen, dass sogenannte Vectoring: Für den IT-Experten Langhof völlig unverständlich:

"Es ist die einfachere, aber nur kurzfristig gedachte Lösung. Nämlich: Wir nehmen ein altes Medium, die Kupferleitung und versuchen – mit ganz viel Technik - der Mumie einen Herzschrittmacher einzusetzen."

Das ist in etwa so, als würde man einen ICE mit einer Dampflokomotive ziehen. Das Mittel der Wahl sei letztlich Glasfaser und zwar bis ans Haus ran, wie eine Wasserleitung.

Kommunen und Landkreise werden aktiv

In der Altmark will man nicht mehr auf die Politik warten. Weshalb Kommunen und Landkreise dort einen sogenannten Zweckverband Breitband Altmark gegründet haben. Jedes Gehöft soll mit Glasfaser ausgestattet werden, so der kühne Plan. Dazu verlegt man Leer-Rohre durch die gesamte Region, indem künftig die Glasfaserkabel liegen sollen.

Andreas Brohm: "Insgesamtes Volumen sind 140 Millionen Euro, die hier verbaut werden. Es gibt eine Kofinanzierung, Förderanträge laufen. Klar. Und dann zahlt der Kunde über den Teledienstleister eine Pacht.

Eigentlich simpel, sagt Andreas Brohm. Und nennt es gut angelegtes Geld, Brohm ist Bürgermeister im Altmark-Städtchen Tangerhütte, Mitinitiator des Zweckverbandes Breitband Altmark. Und er schaut etwas neidisch nach Schleswig-Holstein. Dort hat man sich auf die Fahnen geschrieben, bis 2030 Glasfaser bis in die kleinsten Gemeinden zu verlegen. Für Brohm genau der Ansatz, der für Sachsen-Anhalt Vorbild sein sollte:

"Wir brauchen Datenautobahnen, sass es für ländliche Regionen neue Chancen gibt."

Davon ist man in Sachsen-Anhalt aber noch weit entfernt.

An vielen Orten nicht einmal Handy-Empfang

Die Altmark liegt gerade mal eine Zugstunde von Berlin und Hannover, zwei Stunden von Hamburg entfernt. Wenn man junge Menschen aus den Metropolen anlocken will, dann müsse man zur Modellregion des Gigabit-Zeitalters werden. Dann würde man nicht mehr von einer abgekoppelten Region sprechen, sondern von der Moderne im ländlichen Raum. Das sei Daseinsvorsorge im klassischen Sinn.

In der Werkstatt von Heizungsbauer Wolfgang Barnick in Uetz bei Tangerhütte stapeln sich die Aufträge. Doch von so manchem Auftraggeber erfährt er jedoch gar nichts, erzählt er schmunzelnd. Denn auch im Jahr 2017 gibt es in der Altmark – mitten in Deutschland – an vielen Orten so gut wie keinen Handy-Empfang:

"Das ist das nächste Problem was wir haben. Diese Erreichbarkeit über Telefon. Weil: Ein Handwerker der unterwegs ist, muss auch mal erreichbar sein. Wenn irgendwo eine Störung ist. Das ist ja das Wichtigste. Früher gab es Telefone, die hatten auch im Keller Empfang. Das gibt es heute nicht mehr."

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