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Rang I | Beitrag vom 28.09.2019

"BRD-Trilogie" am Theater Münster Ein Kaleidoskop der Wirtschaftswunder-Zeit

Frank Behnke im Gespräch mit Janis El-Bira

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Links im Bild: Rose Lohmann, Ilja Harjes, Carola von Seckendorff, Sandra Schreiber, Julia Stefanie Möller, Christian Bo Salle, Jonas Riemer, Louis Nitsche, Joachim Foerster, Gerhard Mohr, Bernward Bitter, Tina Schmincke, Martin Speight Band. ( Marion Bührle)
Was der Regisseur Rainer Werner Fassbinder einst als Film drehte, kommt nun ins Theater. Die "BRD-Trilogie" feiert in Münster Premiere. ( Marion Bührle)

Rainer Werner Fassbinders "BRD-Trilogie" kommt am Theater Münster auf die Bühne. Für den Regisseur Frank Behnke besteht in der Krisenerfahrung, aus der heraus einst die Filme entstanden, eine wichtige Parallele zur Gegenwart.

"Die Ehe der Maria Braun", "Lola" und "Die Sehnsucht der Veronika Voss" - mit diesen Filmen ging der Regisseur Rainer Werner Fassbinder zwischen 1979 und 1981, also wenige Jahre vor seinem frühen Tod, endgültig in die Kinogeschichte ein. Drei Frauenschicksale aus dem Deutschland der Nachkriegszeit. Geschichten um die Käuflichkeit der Liebe in einem Land zwischen Trümmern und Aufbruch. Berühmt geworden sind die Filme als "BRD-Trilogie"und nun kommen alle drei in der Regie von Schauspieldirektor Frank Behnke am Theater Münster auf die Bühne. Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur sagt Behnke über die Entstehungsgeschichte der Trilogie:

"Dahinter steht ein ganz großes Vorhaben, wenn man Fassbinder glauben darf: Er wollte, ausgehend von der Krise der Demokratie am Ende der 70er-Jahre, ganz viele Filme drehen über die Bundesrepublik. Er wollte sozusagen von der Stunde Null bis in seine Gegenwart die Geschichte der Bundesrepublik erzählen, um, wie er selber gesagt hat, dieses seltsame Gebilde Bundesrepublik besser zu verstehen. Er sagt: Man muss die ganze Geschichte verstehen, um die Gegenwart zu verstehen – also diese Frage: Wieviel Vergangenheit steckt in der Gegenwart? Welche Kontinuitäten gibt es?"

Mutter Courage der Nachkriegszeit

Das Großprojekt wurde jedoch durch Fassbinders Tod im Jahr 1982 auf eine Trilogie beschränkt, deren Figuren ein Kaleidoskop der Widersprüche und Ambitionen der Wirtschaftswunderzeit abbildeten:

"Zum Beispiel Maria Braun, sozusagen eine Ikone des Wiederaufstiegs, des wirtschaftlichen Erfolges, des Wirtschaftswunders"; sagt Behnke. "Für mich ist diese Figur so eine Art Mutter Courage der Nachkriegszeit. Und wenn Sie sich erinnern an Mutter Courage – also welchen hohen Preis diese Frau zahlt, um mit dem Krieg Geschäfte zu machen. Sie verliert alle ihre Kinder. Und genauso ist es bei Maria Braun. Sie setzt auf ein Modell, nämlich auf Amerika, auf den Kapitalismus, sie glaubt nur noch an diesen wirtschaftlichen Erfolg und an die Karriere und sie verliert dabei ihre Seele und ihre Liebe. Und ist es am Ende zerstört. Das ist natürlich eine wahnsinnig starke Metapher, wo sozusagen eine persönliche Geschichte, eine emotionale, auch Liebesgeschichten nun mit diesem Wirtschaftsthema verquickt werden. Es geht bei Fassbinder immer um diese Ausbeutung der Gefühle. Alle Beziehungen unterliegen dem Tauschhandel und werden vertraglich vereinbart."

Blick hinter die Kulissen des Mythos

Fassbinders BRD-Trilogie bezog sich zwar auf die Nachkriegszeit, war aber zugleich gezeichnet von den Erfahrungen des RAF-Terrors und des Deutschen Herbstes. Für Behnke besteht in dieser Krisenerfahrung, aus der heraus die Filme entstanden, eine Parallele zur Gegenwart – und eine Motivation, den Stoff genau jetzt in Münster ans Theater zu holen:

"Natürlich könnte man sagen, dass wir im Moment vielleicht die zweitgrößte Krise dieses Landes oder unseres Systems haben. Die großen Erzählungen von Demokratie und Freiheit haben ja nun leider für viele Menschen an Glanz verloren. Und deswegen ist es natürlich wahnsinnig spannend, da jetzt zu fragen: Was war denn da eigentlich los? Und das Andere ist: Ich habe das Gefühl, wir sind ja im Moment vielleicht an einem Punkt, wo diese alte Bundesrepublik tatsächlich gerade nochmal eine komplette Veränderung durchläuft. Die großen Volksparteien lösen sich auf und auch die Mythen der Nachkriegszeit, also der 50er-Jahre, werden plötzlich nochmal ganz neu hinterfragt. Die Aufarbeitung dieser 50er-Jahre, der Blick hinter die Kulissen dieses Mythos. Also auch dieser Mythos, dass allein die Deutschen das geschafft haben und dass sie allein durch ihren Fleiß und Ehrgeiz einzigartig sind."

Für Behnke liegt in diesem Vertrauen in die Antriebskraft des wirtschaftlichen Wachstums auch ein Grund für die globale ökologische Krise unserer Zeit, die er in seiner Theateradaption in Münster mitreflektieren möchte. Da führe für ihn durchaus auch ein Weg von Fassbinder zu Greta Thunberg.

Das Stück feiert heute Abend am Theater Münster Premiere.

 

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