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Länderreport | Beitrag vom 29.05.2018

BraunsbachWie im Horrorfilm

Von Uschi Götz

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Zwei Autos sind in eine Hauswand gekracht. (dpa / Franziska Kraufmann)
Braunsbach nach der Flutkatastrophe vom 29. Mai 2016 (dpa / Franziska Kraufmann)

Am 29. Mai 2016 erlebte Braunsbach nach sintflutartigen Regenfällen eine Katastrophe: Unvorstellbare Wassermassen und Geröll überschütteten die kleine Gemeinde in Baden-Württemberg. Zwei Jahre später ist der gewaltige Schaden noch immer sichtbar.

Jeder in Braunsbach hat seine Geschichte zu diesem letzten Sonntag im Mai 2016.

− "Wir waren an dem Tag wandern und haben noch davon gesprochen, dass wir immer so Glück hatten mit dem Wetter."
− "Wir hatten eine Theaterprobe, wo ich auch Mitglied bin. Und nach dieser Theaterprobe bin ich noch kurz ins Rathaus gefahren, um da noch ein paar Erledigungen zu machen. Am Abend der Katastrophe war ich im Rathaus."
− "Wir haben nur von der Ferne immer gehört, wie durch Megaphone gerufen wurde: 'Bitte verlassen Sie ihre Häuser!' Und haben schweres Gerät gehört."
− "Dass da niemand ums Leben gekommen ist, das ist für mich schon ein Wunder."

Am 29. Mai 2016, einem Sonntag, regnet es mancherorts in Baden-Württemberg sintflutartig. Auf der Hochebene bei Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall kann das Wasser auf den Feldern nicht mehr versickern. Unvorstellbare Wassermassen stürzen das Tal hinab. Geröll, Baumstämme, Autos − alles was im Weg ist, wird mitgerissen.

Die meterhohe Wasserwalze schießt unten im Tal in Braunsbach durch Häuser, reißt Straßen auf und lässt am Ende 50.000 Tonnen Schlamm- und Geröllmassen zurück. Später wird der Gesamtschaden auf rund 104 Millionen Euro geschätzt.

Bis heute wird Braunsbach, zu dem mehrere Teilorte gehören, wieder aufgebaut. Einige Nebenstraßen sind noch gesperrt, seit kurzem ist die Straße im Ortskern wieder befahrbar.

Komplett neue Infrastruktur

Der rund 1.000 Einwohner zählende Kernort bekam in den vergangenen zwei Jahren eine neue Tiefbauinfrastruktur: Kanalisation, Nahwärme, Wasser, Abwasser, Strom, alles musste unterirdisch neu verlegt werden. Längst haben sich die Bewohner an gesperrte Straßen und Umleitungen gewöhnt:

"Es ist ständig alles Baustelle. Wir wohnen eine Straße drüber, und haben jetzt natürlich auch die zwei Jahre den Krach."

Anhänger, E-Bikes, alles, was in einer Garage abgestellt war, wurde von den Wassermassen mitgerissen, berichtet diese Braunsbacherin:

"Und wir haben das von der Versicherung auch ersetzt bekommen."

Helfer bilden am 04.06.2016 in Braunsbach (Baden-Württemberg) eine Menschenkette, um möglichst viel Schlamm mit Eimern aus einem Haus im Ort zu bekommen, während davor ein Auto auf dem Dach liegt. (dpa)Aufräumarbeiten nach dem Unwetter in Braunsbach in Baden-Württemberg. (dpa)

Viele waren nicht versichert oder kämpfen bis heute um ihr Geld. Wie in einem Horrorfilm sehe der Ort aus, sagte Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Besuch in der verwüsteten Gemeinde und forderte eine Pflichtversicherung für Elementarschäden. Die Ministerpräsidentenkonferenz folgte seinem Vorschlag, allerdings ist die Umsetzung aus verfassungsrechtlichen Gründen momentan nicht möglich.

Das Braunsbacher Unternehmen Wolf im Ortskern hat es besonders schwer getroffen. Seniorchef Heinz Wolf steht im Blaumann vor seinem Haus. Klempner ist er, Sohn und Enkel haben das Familienunternehmen weiter ausgebaut und sich auf den Bereich Haustechnik spezialisiert.

Der 76-Jährige zeigt am Wohnhaus der Familie hinauf. Durch Keller, Erdgeschoss und erste Etage sei das Wasser geschossen, berichtet der Mann immer noch aufgewühlt, überall sei Schlamm gewesen:

"Da, schauen Sie her, die Dachrinnen sind jetzt noch verschmutzt."

Heinz Wolf geht ein paar Meter die Straße hinunter und bleibt vor einem Gebäude neben seinem Wohnhaus stehen.

"Meine Werkstatt, die habe ich vor 62 Jahren mitgebaut, auch vernichtet. Da schauen Sie her, das ist jetzt der Rest, den ich vollends mache. Seit zwei Jahren mache ich nichts anderes, als die Hochwasserschäden beseitigen."

Größter Einschnitt in 750 Jahren

Auf rund eine Million Euro schätzt er den Gesamtschaden für die Familie und das Unternehmen. Zwar seien die Gebäude versichert gewesen, um das Geld müsse man allerdings kämpfen, sagt Heinz Wolf. Solch eine Katastrophe habe die Familie, die seit 1780 in elfter Generation in Braunsbach ansässig ist, nie zuvor erlebt.

"Es ist sicher einer der größten Einschnitte in der Geschichte von dem Ort. Vielleicht der größte sogar in über 750 Jahren, so lange gibt es Braunsbach schon, waren die Schäden hier größer als im Krieg oder sonst wann."

Bürgermeister Frank Harsch sitzt am Besprechungstisch in seinem Amtszimmer. Der große, schlanke Mann strahlt Ruhe aus. Seit 2004 ist er in Braunsbach Rathauschef. Der Ort hat eine lange jüdische Tradition. Ende der 1970er Jahre wurde die Gemeinde außerdem für die im Teilort Geislingen gelegene Kochertalbrücke, die höchste Talbrücke Deutschlands, bekannt.

Seit Mai 2016 steht Braunsbach für eine der schwersten Naturkatastrophen in der Geschichte Baden-Württembergs.

In ihrer Not erfuhren dabei die Bewohner der Stadt eine nie dagewesene Solidarität. Bis von Bautzen in Sachsen reisten Helfer an:

"Das hätte ich nicht gedacht von unserer Gesellschaft insgesamt. Von unseren Bürgern hier im Ort schon, aber da sind auch viele Bürger außerhalb der Gemeinde gekommen. Das war eine ganz tolle Erfahrung, für mich persönlich. Ich war auch überrascht, was die Baufirmen auf die Reihe gebracht haben, das ist schon phänomenal, was die hergeholt haben, innerhalb kürzester Zeit."

Der Bürgermeister der Gemeinde Braunsbach, Frank Harsch, steht neben dem Orlacher Bach, der bei der Flut im Jahr 2016 zu einem reißenden Strom anschwoll. (dpa / picture alliance / Marijan Murat)Der Bürgermeister der Gemeinde Braunsbach, Frank Harsch, steht neben dem Orlacher Bach, der bei der Flut im Jahr 2016 zu einem reißenden Strom anschwoll. (dpa / picture alliance / Marijan Murat)

Aus dem Bürgermeister wurde ein Katastrophenmanager. Frank Harsch hat über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben. Im Sommer soll es erscheinen. "Das Wunder von Braunsbach" steht über einem der Kapitel: "Dass bei diesen Bildern, die man da auch gesehen hat, dass da niemand ums Leben gekommen ist, das ist für mich schon ein Wunder."

Die Landesregierung habe Wort gehalten und uneingeschränkt finanziell geholfen, lobt der Bürgermeister. Über zehn Millionen Euro Soforthilfen stellte das Land zur Verfügung. Rechnet man die Summen aus Förderanträgen hinzu, so hat Braunsbach nach Schätzungen des Bürgermeisters bislang 60 bis 70 Millionen Euro vom Land bekommen.

Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

"Wenn wir jetzt alle beieinander haben, noch einmal herzlich willkommen hier ins Braunsbach."

Auch Stefan Thaidigsman wurde von der Unwetterkatastrophe schwer getroffen. "Hohenlohe Aktivtours" heißt sein kleines Unternehmen zu dem auch ein Reisebüro im Ortskern von Braunbach gehört.

Das Reisebüro wurde durch die Flut zerstört. Er bekam 5.000 Euro Soforthilfe vom Land. Das sei hilfreich gewesen, sagt er, aber letztendlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Erst im März dieses Jahres konnte er sein renoviertes Reisebüro wieder beziehen. Viele in Braunsbach seien wirtschaftlich noch nicht über dem Berg, sagt Thaidigsman, er auch noch nicht ganz:

"Also ich hatte relativ lange kein Büro, habe mir dann übergangsmäßig mit einem Container versucht, behelfsweise ein Büro einzurichten. Ich habe letztes Jahr versucht, möglichst viel im Bereich meiner Kanutouren wieder reinzuwirtschaften."

Seine Kanutouren durch das heimische Jagst- und Kochertal sind sehr beliebt. Gleich wird er die Belegschaft eines großen Unternehmens mehrere Stunden durch den Kocher leiten.

Die Unwetterkatastrophe im Mai 2016 sei eine Folge des Klimawandels, ist der Mann mittleren Alters sicher. Er mache sich seitdem mehr Gedanken darüber, wie alle auf dieser Welt künftig leben wollten, sagt der Vater von zwei Kindern und gibt zu:

"Vorher hat man halt versucht, sein Geld zu verdienen, möglichst viel Geld zu verdienen, dass es einem gut geht. Heutzutage mache ich mir mehr Gedanken, was ist mit unseren Kindern? Wie leben die später mal? Wenn solche Katastrophen zur Normalität werden, ist ein normales Leben nicht mehr möglich."

Geröllfänge und Überflutungsflächen

Ganz oben am Berg, nicht weit vom jüdischen Friedhof in Braunsbach entfernt, wohnt Andrea Kienle. Natürlich werde darüber gesprochen, wie es zu der Katastrophe kommen konnte, sagt die parteilose Gemeinderätin:

"Mit verschiedenen Meinungen, sag ich mal. Die Leute kriegen natürlich unten im Ort … wenn es stark regnet, zweimal war es jetzt so, wie so ein bisschen Panik wieder einkehrt."

Es habe sich einiges getan, betont die Gemeinderätin. Oberhalb von Braunsbach wurden Geröllfänge angebracht, Überflutungsflächen geschaffen, und zusätzliche sogenannte Verdolungen gebaut, die größere Wassermassen kanalisieren können. Mit Blick auf künftige Unwetter auch anderswo sollte die Regierung allerdings viel mehr machen, sagt Andrea Kienle.

Ganz ähnlich denkt Jutta Niemann. Braunsbach liegt im Wahlkreis der Landtagsabgeordneten. Die Grünen-Politikerin ist auch Mitglied im Umweltausschuss. Mit Blick auf Baden-Württemberg seien die möglichen Folgen des Klimawandels beschrieben, ein Zustandsbericht mit Anpassungsmaßnahmen läge vor. Und doch:

"Insgesamt sieht man ja schon in Deutschland, dass die Klimaschutzziele von Paris im Moment definitiv nicht erreicht werden können, mit den Maßnahmen, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat. Und das sehe ich schon auch mit großer Sorge, dass da nicht alle Anstrengungen unternommen werden, um die Klimakrise zu stoppen. Und damit ist relativ klar, dass solche Extremwetterereignisse häufiger stattfinden werden in Zukunft."

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