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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 14.12.2015

Braunkohleabbau in Brandenburg Das Elend von Horno

Von Vanja Budde

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Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Brandenburg) (Aufnahme von 2015) (picture alliance / dpa / Foto: Patrick Pleul)
Blick aus östlicher Richtung vom Dorf Grießen auf den Braunkohletagebau der Vattenfall AG und dem Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Brandenburg). (Aufnahme von 2015) (picture alliance / dpa / Foto: Patrick Pleul)

Im Süden Brandenburgs verschwanden in den letzten 100 Jahren rund 130 Dörfer vom angestammten Erdboden, etwa 30.000 Menschen wurden umgesiedelt. Der Braunkohleabbau in der Region hat in der Landschaft und bei den Menschen tiefe Spuren hinterlassen.

Wie ein gigantisches Raumschiff kauert die größte bewegliche Maschine der Welt am Grund der Grube: 650 Meter lang ist die Förderbrücke F60 und 30 Meter hoch: Der "liegende Eifelturm", ein Meisterwerk der DDR-Ingenieurskunst aus grauem Stahl. Die Kohlebagger im Tagebau Jänschwalde bei Cottbus wirken winzig neben dem mächtigen Mutterschiff. Die F60 kriecht auf Schienen langsam durch den Tagebau und befördert mit mächtigen Schaufeln den Abraum aus der Tiefe über 15 Förderbänder hinauf an den Rand der Grube.

Auf acht Monitoren überwacht Sabine Fassmann die 15 Förderbänder. Auf den Bildschirmen rieselt der Abraum: Im Tagebau bleibt kein Korn märkischer Sandboden auf dem anderen.

"Wir legen die Kohle frei, dass die Grubenbagger dann die Kohle unten auf die Bandanlage werfen."

90 Meter tiefe Grube des Tagebaus

Sabine Fassmann blickt aus den Fenstern ihres Leitstandes wie ein Kapitän auf hoher See. Ihre Aussicht: Die mehrere Kilometer lange und bis zu 90 Meter tiefe Grube des Tagebaus. Von Horno ist nichts mehr zu sehen. Das Dorf musste vor zehn Jahren nach zähem Widerstand dem Tagebau Jänschwalde weichen.  Bernd Siegert war damals Bürgermeister. Er ist mit dem Großteil der Bevölkerung ins zehn Kilometer entfernte Neu-Horno am Stadtrand von Forst gezogen. Bernd Siegert hat es abgelehnt, sich an der Aussichtsplattform am Rand des Tagebaues zu treffen.

"Ich glaube, das kann man irgendwo nachvollziehen, also wenn Sie sich das Elend dort ansehen, jetzt wo Horno mal war. Das ist 30 Meter tiefer, als der alte Ort mal stand, also im Prinzip guckt man ins Loch rein und das wird auch so bleiben. Der Ort stand auf einer Endmoräne, so dass wir eigentlich rund rum in die Täler gucken konnten und jetzt ist der Berg weg."

Bernd Siegert hat nach der verlorenen Schlacht die Entschädigung genommen und sich am Rand des neuen Horno ein neues Haus gebaut. Eine seltsam saubere Reißbrett-Siedlung ist das geworden: Moderne Häuser mit Solarzellen auf den Dächern stehen ordentlich in Reih und Glied.

"Wir haben eigentlich die Dorfaue so gestaltet, wie sie in Horno war. Wir haben genau die gleiche Anzahl von Bäumen gepflanzt, die Arten der Bäume wieder die gleichen genommen, die Kirche mitten ins Dorf gemacht – aber man kann aus einem neuen Haus kein altes machen, das geht einfach nicht. Und deswegen wirkt alles steril."

Die 500 Jahre alte Feldsteinkirche von Horno hat Vattenfall gesprengt, den Friedhof umgebettet. Die meisten Hornoer sind zusammen umgezogen, ihre Dorfgemeinschaft sei einigermaßen intakt geblieben, sagt Siegert. Doch die Heimat sei verloren und kein Geld der Welt könne sie ersetzen. Denn was macht Heimat aus? Orte voller Erinnerungen, ein bestimmtes Licht, Gerüche, eine innere Landschaft, die nicht rekultiviert werden kann?

"Vor allen Dingen sind wir geschichtslos geworden. Die ganze Geschichte ist ja weg. Das, was Generationen über Jahrzehnte, Jahrhunderte aufgebaut haben, ist alles verschwunden."

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