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Zeitfragen | Beitrag vom 08.09.2020

Brauchtum in der CoronakriseSchützenvereine in Not

Von Vivien Leue

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Eine Frau und zwei Männer in grünen Uniformen paradieren vor einer Wiese. Der Schuetzenverein Gleidingen veranstaltet mit dem Freien Fanfarenkorps Alt-Laatzen einen Livestream als Ersatz für das abgesagte Schuetzenfest am Pfingstwochenende.  (picture alliance / GES/Marvin Ibo Güngör)
Wegen Corona gab es in diesem Jahr beim Schützenverein Gleidingen nur ein virtuelles Schützenfest mit Livestream. (picture alliance / GES/Marvin Ibo Güngör)

Keine Schützenfeste, kein Schützenkönig, keine Parade: Die Coronakrise trifft auch das Brauchtum in Deutschland hart. Ein oder zwei Jahre aussetzen zu müssen, könnte für kleinere Schützenvereine das endgültige Aus bedeuten.

"Hier ist zunächst diese Tafel ‚Augen rechts‘, wo man dann bei der Parade die Augen rechts macht, weil da der Schützenkönig steht."

Martin Flecken, der Präsident des Neusser Bürger-Schützen-Vereins, zeigt mitten in der Innenstadt von Neuss auf den Boden. Dort, auf dem rotbraunen Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone unweit des Quirinus-Münsters, zwischen den Außentischen der Gastronomie, liegt eine Bronze-Tafel verankert: "Da steht der Schützenkönig bei der Parade."

Eigentlich wäre jetzt Schützenfest, an diesem Freitagabend Ende August hätte es begonnen, zwei Tage später dann die Königsparade – der große Umzug. 

"Die Spitze des Eisbergs des Schützenwesens"

Eigentlich. Aber in diesem Jahr der Corona-Pandemie ist vieles anders, auch für das Brauchtum in Deutschland. 

"Das Schützenfest ist, so sage ich es gerne immer, die Spitze des Eisbergs des Schützenwesens."

Nun fällt es aus. 

"Also das schmerzt schon sehr, dass man sich nicht in dem großen und spontanen Kreis treffen kann", sagt Flecken.

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Kleinere Zusammenkünfte gebe es seit ein paar Wochen wieder, aber das große Zusammensein, das gemeinsame Erleben, das laut Schützen-Präsident Flecken ein Grundstein des Schützenwesens ist, das fehle eben. 

"Unter Umständen besteht – das sehe ich jetzt zwar bei uns in Neuss nicht – aber bei kleineren Vereinen die Gefahr, dass, wenn die jetzt ein oder gar zwei Jahre aussetzen müssen, dass dann die Basis fehlt, um in drei oder vier Jahren wieder zu feiern, das ist natürlich die große Gefahr."

Kein Königs- oder Vogelschießen

Daneben müssen auch ganz praktische Fragen geklärt werden: Wenn es kein Königs- oder Vogelschießen gibt, wer ist dann im nächsten Jahr Schützenkönig? 

"Der Schützenkönig, der ist ja im letzten Jahr am Schützenfestdienstag ermittelt worden und es gibt auch in den zehn Korps, die wir haben, Korpssieger oder Korpskönige. Die verlängern aber alle um ein Jahr."

Und wie laufen solche Entscheidungen ab, wenn man sich nicht treffen darf? 

"Die haben zum Teil dann auch virtuell auch über irgendwelche Zoom-Konferenzen, Go-To-Meeting oder was es da alles gibt, stattgefunden. Und der Bürger-Schützenverein als Dachorganisation hat seine Jahreshauptversammlung immer im November, und da gucken wir mal, ob wir dann und wie wir tagen können."

Die meisten Mitglieder bleiben den Vereinen treu

Der Neusser Bürger-Schützenverein hat rund 6000 Mitglieder und arbeitet mit einem Jahresetat von knapp einer Million Euro. Zwar fallen die Kosten für die rund sechzig Musikkapellen und Tambourkorps weg, aber einige Zahlungen laufen auch weiter. 

"Ein großer Höhepunkt unseres Schützenfestes ist ja Samstagabend der Fackelumzug."

Dafür bauen die Schützen große Anhänger zu leuchtenden Wagen um. Mehr als 100 gibt es von diesen Großfackeln.

"Da haben wir Hallen angemietet, die uns round about 200.000 Euro im Jahr kosten." 

Zwar gibt die Stadt Geld dazu, aber dennoch bleiben Kosten hängen. 

"Wir haben appelliert, dass alle Mitglieder im Verein bleiben und ihren Mitgliedsbeitrag von 50 Euro zahlen, das haben auch die allermeisten gemacht."

Werden die Schützenlokale überleben?

Mehr Kopfschmerzen bereitet Flecken die Lage der Musikkapellen oder auch der Gastronomie. 

"Da habe ich gewisse Sorgen, dass unter Umständen Gaststätten nicht mehr existieren, wo die Züge auch ihre Zuglokale haben, und das wäre natürlich schade."

Das "Rheingold" ist solch eine Gaststätte. 

"Das ist jetzt, ich sage mal, hier für uns, ja, unser Wohnzimmer." 

Thomas Rheidt steht im Gastraum des Lokals, der mit dunklem Holz getäfelt ist. Seit 1870 soll es die Gaststätte schon geben. Thomas Rheidt kommt mit seinem Zug, den Nüsser Sprösslingen, schon seit einigen Jahren regelmäßig hierher. 

"Wir treffen uns alle vier Wochen hier, während der Coronazeit war das ein bisschen schwierig, das ging natürlich nicht oder geht aktuell auch nur eingeschränkt."

Ein Mann schiebt eine Kanone an einer Jahrmarktsbude vorbei. (picture alliance / Caroline Seidel/dpa)Auch die Schausteller leiden unter der Absage von Schützenfesten. (picture alliance / Caroline Seidel/dpa)

13 Züge beherbergt Gastronom Michael Schatten unter seinem Dach, viele von ihnen sind mit aufwendigen Zeichnungen an den Wänden verewigt. Das Rheingold und das Schützenwesen gehören offenbar schon lange zusammen. Nur wie lange hält Gastronom Schatten noch durch? Draußen auf der Terrasse schüttelt er den Kopf, als Thomas Rheidt nach der Lage fragt. 

"Schrecklich, es ist ja alles in der Schwebe. Jetzt bei schönem Wetter können wir noch die Terrasse benutzen, aber wie wird das im Herbst und Winter, Stichwort Aerosole..."

Vor allem die Schützen würden ihn aktuell sehr unterstützen. 

"Die haben auch zum Teil Geld gespendet oder gesagt, wir kommen jetzt öfter zu euch. Das ist schon ein wichtiger Faktor für uns."

Genauso wichtig sei das Rheingold aber auch für die Schützen und ihre Züge.

"Wir sprechen auch von Zugfamilie, und das sind eben Dinge, die wir gemeinsam hier auch unter dem Dach des Rheingolds erleben können. Und der Michael legt auch gerne dann zu später Stunde eine heiße Platte auf…"

Für viele ist das Schützenfest das wichtigste Fest des Jahres

Diese Momente und Zusammenkünfte fehlen den Schützen, das schmerzt. Gerade jetzt, wo die größte aller Zusammenkünfte ausfällt. 

"Es trifft uns hier in Neuss schon ins Mark. Für viele ist Schützenfest vielleicht sogar wichtiger als Weihnachten und Ostern zusammen. Ja, es ist hier ein großes Klassentreffen, ein Familienfest und das hat diese Pandemie uns allen genommen. Und natürlich hängen am Ende des Tages auch Existenzen da dran."

Die der bereits angesprochenen Musikkapellen, der Gastronomen, aber auch vieler anderer. 

"Es sind ja auch wirklich die Schausteller, die auch sehr eng bei den Schützen sind und wenn jetzt auch noch die Diskussionen aufkommen, dass die Weihnachtsmärkte auch wegfallen sollen, dann wird das doppelt ins Kontor schlagen. Und ich möchte gar nicht daran denken, wo die Schützen normalerweise feiern, in den Schützenzelten, die haben ja auch nichts aufbauen können."

"Es sind ja noch die Blumenhändler, die die Hörner bestücken von den Schützen allgemein, die Kostümverleiher", sagt Schatten. "Ja, also einer, weiß ich, der schließt gerade und macht im Moment seinen Ausverkauf", bestätigt Rheidt.

1831 musste das Schützenfest wegen der Cholera ausfallen

Das Schützenwesen selbst, da sind sich die Neusser Thomas Rheidt und Michael Schatten sicher, das wird die Corona-Pandemie überleben. Aber wie wird es drumherum aussehen? 

Schützen-Präsident Martin Flecken macht der Blick in die Geschichte Mut. Es seien schon andere schwierige Zeiten überstanden worden.

"In der Chronik steht, 1831: Das Schützenfest fällt wegen einer von Osten kommenden Seuche aus. Das war die Cholera. Also eine gewisse Parallele."

Ein Jahr später habe das Fest dann wieder stattgefunden. Hoffentlich auch das eine Parallele.

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