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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 07.09.2020

Brandenburger WohnungsmarktWittenberge trotzt der Verödung

Von Christoph Richter

Eine Strandbar vor dem Uferturm in Wittenberge (imago images / Peter Schickert)
Wittenberge beweist: Brandenburg ist nicht annähernd so trist, wie viele glauben. (imago images / Peter Schickert)

Alle wollen nach Berlin, Hamburg oder in die anderen Metropolen. Aus Sicht der Jungen ist ansonsten überall "tote Hose". Dabei muss das gar nicht so sein, wie das brandenburgische Wittenberge beweist. Dort kämpft man gegen das schlechte Image an.

Wohnen wird immer teurer. Betroffen sind nicht nur Metropolen wie München oder Hamburg, sondern auch Orte wie zum Beispiel Potsdam, die Landeshauptstadt von Brandenburg. Auch hier, im Speckgürtel Berlins, steigen die Mieten unaufhörlich. Während zugleich Ortschaften am Rand von Brandenburg veröden. 

Wittenberge in der Prignitz – im Dreiländereck von Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt – kennt dieses Problem schon seit 30 Jahren. Doch in der Elbe-Stadt versucht man Abhilfe zu schaffen.

Digitales Arbeiten im alten Zellstoffwerk

Im zu DDR-Zeiten gebauten Verwaltungsgebäude des früheren Wittenberger Zellstoffwerks haben sich junge Kreative eingemietet. Der Ort nennt sich nun Co-Working-Space. Nachwuchs-Unternehmer, Berater und Webdesigner geben sich die Klinke in die Hand. Jeder arbeitet an seinem Projekt, jedoch alle gemeinsam in einem weiß gekalkten Raum. Ein cool-nüchtern gehaltener Arbeitsplatz, wie man ihn eher in München, Hamburg oder Berlin vermuten würde. In Wittenberge hat man sich das Konzept der Metropolen abgeschaut, will gestressten Stadtflüchtlingen in der ostdeutschen Provinz eine Bleibe bieten.

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"Die Stadt wird immer attraktiver. Tatsächlich. Das ist so ein Henne-Ei-Prinzip. Wenn ein schickes Café fehlt, was man vielleicht aus Berlin kennt, dafür gibt es dann andere attraktive Sachen in Wittenberge. Der Leerstand bietet auch Raum für Möglichkeiten, für Ideen. Hier kann man sich ausprobieren, hier kann jeder ohne großes Risiko Sachen machen.", beschreibt der PR-Berater Christian Soult die Situation.

Soult kommt aus Berlin. "Digitalarbeiter" nennt er sich. Und sitzt regelmäßig im Co-Working-Space in der Wittenberger Laborstraße. Ein Raumpionier, der mit anderen das Abenteuer wagt, in der Prignitzer Provinz zu leben und zu arbeiten:

"Insbesondere weil viele Menschen aus den Großstädten das suchen, sowohl die Nähe zur Natur, als auch die Ruhe. Das bietet eine Stadt wie Wittenberge. Daraus können die noch viel mehr machen. Ich glaube, die nutzen das Potential noch gar nicht so wirklich."

Die Leere als Chance

Wittenberge ist keine schrumpfende oder gar tote Stadt, sondern ein Spielplatz der vielen Möglichkeiten. Die Leere als Chance.

Passanten stehen auf der Kreuzung vor einem historischen Gebäude in Wittenberge. (Picture Alliance / dpa / Arne Immanuel Bänsch)Wittenberge verzeichnete nach der Wende einen starken Bevölkerungsrückgang. Seit 2010 hat sich die Stadt durch neue Arbeitsplätze davon erholt. (Picture Alliance / dpa / Arne Immanuel Bänsch)

Die gute Bahnverbindung – man braucht mit dem ICE lediglich eine Stunde nach Berlin oder Hamburg – und die Natur vor der Haustür, haben ihn davon überzeugt, nach Wittenberge zu ziehen, erzählt der 46-Jährige Christian Soult. Eine Stadt in der Peripherie der brandenburgischen Prignitz. Eine Region, die gemeinhin als abgehängt gilt.

Man dürfe sich nicht davon abschrecken lassen, dass in der Stadt nur wenige Menschen unterwegs sind. Oder, dass spätestens um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden und das Leben komplett zum Erliegen kommt: Da mussten wir uns erst dran gewöhnen, gerade wenn man aus Berlin oder Hamburg kommt."

Wo einst 30.000 wohnten

Wittenberge hat in den letzten 30 Jahren arg gelitten. Bekannt war die Stadt an der Elbe für sein Nähmaschinenwerk. 1903 vom amerikanischen Singer-Konzern gegründet, prägte zu DDR-Zeiten die Marke "Veritas" das Leben der Stadt. Es war die Lebensader. 

Bis 1991 arbeiteten über 3.000 Menschen im Werk. Dann wurde es verkauft, geschlossen und liquidiert. Damit begann der Niedergang der einst so blühenden Industrie-Stadt an der Elbe. In dessen Folge ist die frühere Industriestadt massiv geschrumpft, die Einwohnerschaft hat sich halbiert. Heute leben nur noch 17.000 Menschen hier. Tendenz weiter sinkend. 

"Wichtig ist ja, dass der Optimismus ungebrochen ist, dass wir mit den Wunden der Stadt systematisch umgehen.", sagt der gebürtige Wittenberger Torsten Diehn. Er ist Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft.

Schwere Zeiten nach der Wende

Die Folgen der Abwanderung sind in Wittenberge unübersehbar: Geschlossene Fensterläden, leere Wohnungen, vernagelte Läden. Nach Angaben des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen ist gerade der Wohnungsleerstand für Städte in der Peripherie, in den ländlichen Regionen, gravierend. In Wittenberge beispielsweise stehen knapp 22 Prozent aller Wohnungen leer. Ein landesweiter Spitzenwert, der nur noch von Lauchhammer in der Lausitz übertroffen werde. 

Restaurant in der Alten Ölmühle in Wittenberge. (Imago / Peter Schickert)In Wittenberge reißt man die DDR-Plattenbauten ab und saniert die Gründerzeitbauten im Zentrum. In der Alten Ölmühle befindet sich inzwischen etwa ein Restaurant. (Imago / Peter Schickert)

"Der Leerstand ist in vielen Städten hoch. Und teilweise ist es leider auch so, dass er in Städten, wo er besonders hoch ist, noch weiter gestiegen ist." und das trotz des kontinuierlichen Abrisses von Plattenbauten, sagt David Eberhart, Politologe und Sprecher des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen:

"Die Städte sind nach der Wende, nach dem Strukturwandel, mit einem erheblichen Bevölkerungsrückgang konfrontiert gewesen. Und die jungen Leute, die damals weggegangen sind, haben ihre Kinder jetzt woanders. So dass wir jetzt in der demografischen Situation sind, dass ein deutlicher Sterbeüberhang ist."

Doch es hat ein Umdenken begonnen, in der früheren Nähmaschinenstadt Wittenberge. Um das Leben zurück in die Stadt zu bringen, reißt man alte innerstädtische DDR-Plattenbauten ab. Und saniert die Fachwerkhäuser und Gründerzeitbauten im Zentrum, in der Altstadt. Mitbeteiligt am Stadtumbau ist die Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Wittenberge. Eigentümer von 2600 Wohnungen – von denen 500 leer stehen.

50 Quadratmeter für unter 100.000 Euro

Das Ziel scheint klar: Man will die Stadt im Innersten lebendig erhalten. Und je mehr Häuser in einem Ort unbewohnt sind, desto schwieriger werde es, eines davon zu vermitteln, sagt Petra Lüdke, die Wittenberger Stadtplanerin:

"Das ist eine Doppelstrategie: Es ist einmal ein Rückbau von tatsächlich nicht mehr benötigten Wohnungen im Bereich des Plattenbaus, es ist die weitere Sanierung der Innenstadt, auch wenn es mit hohen Kosten verbunden ist. Und es ist die Aufwertung der Innenstadt, indem man für schöne öffentliche Räume sorgt. Und damit Wittenberge als Wohnort attraktiv macht."

Die Mieten sind günstig. Fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter muss man in Wittenberge zahlen. Eine 50-Quadratmeter große Eigentumswohnung kostet weniger als 100.000 Euro. 

Im Speckgürtel ist es ähnlich schlimm wie in Berlin

Während in der Peripherie, an den Rändern des Landes Brandenburg, die Kommunen mit massiven Leerstand zu kämpfen haben, sieht die Situation im Speckgürtel von Berlin gänzlich anders aus. Auch in Potsdam. Viele Menschen finden kaum noch bezahlbare Wohnungen. 

"Wenn man sich als Alleinstehende eine Wohnung sucht, wird es relativ schwierig, die zu bezahlen.", erzählt eine junge Frau, Angestellte eines Supermarkts. Sie habe etwa 1.400 Euro monatlich zur Verfügung. Mehr als die Hälfte ihres Haushalts-Einkommens müsse sie für die Miete ausgeben. Etwas Günstigeres zu finden, das sei in Potsdam fast unmöglich, sagt sie, während sie vor dem Vermietungsbüro eines Potsdamer Wohnungsunternehmens steht.

Neben der jungen Frau steht ein Mann, um die 50. Und nickt nachdenklich mit dem Kopf: "Es wird ja gebaut, aber alles hochwertig, teuer. Was sich ein normaler Arbeitnehmer schlecht leisten kann."

Laut einer aktuellen Studie des Prognos-Immobilienatlasses klafft in Deutschland eine Wohnungsbaulücke – so auch in der Landeshauptstadt Potsdam. Weshalb man jetzt auf einem früheren Kasernenareal einen ganzen Stadtteil für 10.000 Menschen bauen will. Doch das sei keine Lösung, sagt Mieteranwalt Rainer Radloff, der Vorsitzende des Mietervereins Potsdam:

"Neubau ist relativ teuer. Wir brauchen mehr geförderten Wohnraum. Das heißt, klassische Sozialwohnungen. So, dass man die Mieten bezahlbar halten kann."

Rein in die Provinz

Eine andere Möglichkeit: Raus aus der Stadt, raus aus dem Speckgürtel; rein in die Provinz. Doch wenn das klappen soll, brauche es ein Umdenken. Und man müsse das Augenmerk auf die Verkehrsverbindungen, auf den ÖPNV legen. Erst wenn die Bahn – in vertretbaren Zeiten, verlässlich und regelmäßig – in die entfernteren Regionen fahre, erst dann könne es was werden mit dem Zuzug in entlegenere Regionen. 

"So, dass es dann die Möglichkeit gibt, den Druck vom Speckgürtel zu nehmen, die Mittelstädte zu prosperieren."

 Wittenberge hat das Glück, einen ICE-Bahnhof zu haben. Und setzt auf den "Deutschlandtakt", der irgendwann kommen soll. Alle halbe Stunde werde dann ein Zug ins eine Stunde entfernte Hamburg oder Berlin fahren. Das würde Wittenberge für die Kreativen, für die Großstadt-Gestressten, die Ruhebedürftigen künftig noch attraktiver machen, glaubt man im Rathaus.  

Wittenberge gewinnt durch den ICE-Bahnhof

Einer der schon da ist, heißt Dominik Seele, 37 Jahre alt und kommt aus Bielefeld. Der Geschäftsführer einer kleinen Bio-Limonaden-Manufaktur. Sein Büro beziehungsweise sein Schreibtisch befindet sich im Co-Working-Space in Wittenberge:

"Man ist genau in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg. Das ist einfach super. Für unsere Firma sind das die Hauptregionen, die Hauptmärkte. Und dann wollten wir tatsächlich ganz gerne ans Wasser. Die Elbe, die hier durchfließt ist wunderschön, die Seen in der Umgebung, auch ein Traum."

Wittenberge setzt auf die urbanen Raumpioniere. Mitten auf der grünen Wiese, in der Prignitz, am idyllischen Elbufer - eigentlich am Rand, aber irgendwie doch mittendrin. 

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