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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.04.2017

BrandenburgImmobilienboom in Cottbus

Von Vanja Budde

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Der Altmarkt in Cottbus (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)
Der Altmarkt in Cottbus (Brandenburg) (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)

Nach der Wende gingen viele fort, jetzt kehren viele zurück – und sogar neue Bewohner kommen hinzu. Cottbus, die zweitgrößte Stadt im Süden von Brandenburg, erlebt einen Aufschwung. Noch sind Grundstücke und Häuser erschwinglich.

Eine kleine Wohnstraße im Cottbusser Vorort Branitz, nur zehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt, aber umgeben vom Branitzer Park, dem Spreeauenpark und dem Eichenpark: riesigen Grünflächen rund um den Tierpark Cottbus. Von einem Laster werden Steine abgeladen, auf einer Baulücke entsteht ein neues Einfamilienhaus. Kein Einzelfall, sondern seit einiger Zeit Alltag, sagt diese Anwohnerin, die mit ihrer alten Schäferhündin vom Spaziergang aus dem Park kommt:

"Die suchen wie verrückt. Die ganze Straße ist schon voll hier, alle Ecken, überall wo noch frei ist, wird noch was hin gesetzt, sehn Sie ja da hinten", so die Anwohnerin.

Und wie findet sie als Rentnerin den Zuzug vieler junger Familien?

"Gut. Kommt auf die Menschen drauf an, ne?"

Ralf Zarnoch sagt: 

"Also ich mag Cottbus wegen seiner Überschaubarkeit, dann auch wegen seiner Altstadt, natürlich auch wegen seinen Menschen, die manchmal immer ein bisschen brauchen, ehe so in Kontakt kommen mit den neu Dazugezogenen. Aber wenn man dann erst mal die Herzen gewonnen hat, dann hat man die auch für immer."

Ralf Zarnoch ist gebürtiger Cottbusser. Er hat ein Jugendstilhaus in der Altstadt aufwändig saniert und zum Kino umgebaut und entwickelt auch andere Immobilienprojekte.

"Ja, und ansonsten liebe ich auch diese Nähe zum Spreewald, dass man da auch mal skaten kann, Rad fahren, paddeln. Gerade wenn dann dieser Ostsee entsteht, das ist ja auch interessant und das war schon früher zu DDR-Zeiten so, als wir diesen Stausee hatten, dass die ganzen Sachsen zu uns gekommen sind, weil, die haben ja nicht so viele Seen, um hier dann mal zu surfen."

Aus einem gigantischen Loch wird ein See

Ortswechsel zur Baustelle Ostsee: Jeder, der hier mit Immobilien und Stadtentwicklung zu tun hat, schwärmt von diesem Riesenprojekt: Der ehemalige Vattenfall-Tagebau Cottbus-Nord ist ausgekohlt. Nun soll aus dem gigantischen Loch der größte künstliche See Deutschlands werden, mit Badestränden gleich vor den Toren der Stadt.

"Wir werden da einen Hafen haben. Wir werden dort Boote liegen haben, da kann man Bootfahren, da kann man drumrum fahren, drumrum skaten, drumrum reiten, drumrum Rad fahren, alles, was die Lausitz ausmacht", freut sich Jan Gloßmann, der Sprecher der Stadt Cottbus.

Und in der Nähe des künftigen Ostsees sollen 1500 neue Wohnungen entstehen, denn der Altbaubestand, die sanierten Stadtvillen, die sind schon weitgehend weg. Auch in den Neubaugebieten sind schon viele Häuser und Wohnungen verkauft, obwohl sie derzeit nur auf dem Papier existieren.

Dort entstehen teils exklusive Penthouse-Wohnungen mit Tiefgarage und eigenem Aufzug, für die neun Euro Miete fällig werden, wie Ralf Henkler berichtet. Der Freiberufler ist wegen der niedrigen Zinsen auf der Suche nach einer Anlagemöglichkeit als Altersvorsorge.

"Interessant dabei ist, dass dieses Projekt, das ich mir dort angeguckt habe... wahrscheinlich eine Grundsteinlegung im September diesen Jahres geben wird und die Wohnungen erst im Frühjahr 2019 beziehbar sind. Und trotzdem sind die schon einen Großteil der Wohnungen los. Der Bedarf ist so groß, die Nachfragen sind so intensiv, dass die Immobilienmakler sich das auch leisten können."

Und die Käufer auch: Die Immobilienpreise in Cottbus sind zwar in letzter Zeit kräftig gestiegen, im Vergleich zu den großen Metropolen aber immer noch erschwinglich, meint Stadt-Sprecher Jan Gloßmann.

"Ein Quadratmeterpreis von knapp 1500 Euro ist im Vergleich zu anderen Regionen sicherlich noch sehr moderat. Ich will jetzt von Berlin gar nicht reden, München sehe ich hier knapp 6000 Euro. Nun wollen wir uns nicht mit München vergleichen, aber wir glauben, dass der Wohnungsmarkt in Cottbus noch relativ stabil und sehr günstig ist, sowohl was den Mietbereich angeht, als auch was Neubauvorhaben im Eigentumsbereich angeht."

Die Cottbusser sind froh, dass ihre abgelegene Stadt an der Grenze zu Polen wieder Zuzug erlebt, so dass ihr Status als Großstadt gesichert ist, dass in den Kitas wieder das Leben tobt, dass ihre Häuser und Grundstücke im Wert steigen.

Die meisten Häuslekäufer sind Einheimische

Zurück in Branitz: Matthias Buchhorn steigt von seinem roten Motoroller. Er ist Mitarbeiter der Fertighausfirma Kampa und hat hier im Grünen ein Baugrundstück im Portfolio.

"Das sind 582 Quadratmeter und der Verkäufer möchte gerne 102 Euro pro Quadratmeter haben. Wenn man Berlin jetzt anguckt oder auch Potsdam anguckt, liegen wir bei Quadratmeterpreisen ab 500 Euro faktisch aufwärts."

Die meisten Häuslekäufer in Cottbus sind Einheimische, die vom Land in die Stadt ziehen oder aus anderen Bundesländern zurückkehren. Matthias Buchhorn zählt aber auch Berliner zu seinen Kunden, die sich angesichts der um 40 Prozent gestiegenen Mieten in der angesagten Hauptstadt überlegen, die rund eine Stunde Fahrtzeit mit dem Zug beispielsweise nach Cottbus auf sich zu nehmen.

"In Neukölln gibt’s nette Eigentumswohnungen. Wie war das? 63 Quadratmeter, 365.000 Euro plus 35.000 Euro Stellplatz."

In Cottbus bekommt dafür ein großes Haus mit Garten. Stolz registrieren die Einheimischen, dass manche Berliner, die einst hochnäsig auf die Provinzstadt am Südrand Brandenburgs herab blickten, nun hier auf Immobiliensuche sind. Matthias Buchhorn überrascht diese Entwicklung nicht:

"Ich komme ja auch ursprünglich aus Berlin, ich habe immer eine Stunde in der Stadt gebraucht, um zur Arbeit zu kommen, und von daher bin ich auch irgendwann selber rausgezogen aus der Stadt, habe gesagt: 'Okay, die Stunde Fahrzeit'. Ich wohne sogar noch viel weiter draußen, da sind die Grundstückspreise dann bei 70, 80 Euro und von daher: Es ist zu empfehlen."

Häuslekäufer oder Geldanleger sollten sich allerdings beeilen, rät Buchhorn:

"Je mehr Leute bauen wollen, rausziehen wollen, werden sich die Grundstückspreise rasant entwickeln. Und wenn man jetzt nach Europa guckt und Hauptstädte anguckt, wie da Preise sind – ähm na ja. Also dann sollte man zusehen, dass man möglichst zügig noch zugreift."

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