Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
Donnerstag, 17.06.2021
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.02.2014

Boyle neu übersetztRasant, übertrieben, urkomisch

T.C. Boyle: "Wassermusik"

Von Maike Albath

Der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle (AP Archiv)
Der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle (AP Archiv)

In seinem fabelhaften Roman-Debüt schickte T.C. Boyle 1982 einen Schotten auf eine verrückte Reise nach Afrika. Jetzt erscheint "Wassermusik" in einer schmissigen Neuübersetzung.

Überberstend, rasant, völlig übertrieben und urkomisch – so nimmt sich die Neuübersetzung von T.C. Boyles Erstlings "Wassermusik" aus. Farbenprächtiger kann ein historischer Roman nicht sein, und es ist kaum vorstellbar, dass dieser 1982 im Original erschienene, komplett verrückte Reisebericht wirklich das Debüt des 1948 in New York geborenen Schriftstellers war. Er wirkt bereits mit allen Wassern gewaschen, zumindest mit allen Wassern des Nigers, denn an diesen afrikanischen Fluss führt die Entdeckungsfahrt von Boyles Helden, die sich im Jahre 1795 zuträgt.

T.C. Boyle bedient sich trickreich aus der Geschichte und greift einen schottischen Afrika-Reisenden heraus, dessen gut dokumentiertes Schicksal förmlich nach einem Roman schrie. Mungo Park heißt der Mann, furchtlos und hinreichend leutselig, jedenfalls in der Version von Boyle. Wir haben es mit einer amüsanten Variation des Pikaro-Romans zu tun, und der Autor stellt seinem Quichotte einen schwarzen Sancho Pansa namens Johnson zur Seite, der in London das Leben eines Dandys führte, bevor er bedauerlicherweise bei einem Duell einen Lord ins Jenseits beförderte und aus England verjagt wurde.

Gemeinsam werden sie von grausamen Mauren entführt, flüchten alle Nase lang vor Angreifern, geraten in Sandstürme, bis alles mehr oder weniger glimpflich in Schottland endet, wo Park endlich seine Verlobte Ailie heiratet. Schon bald bricht er zu neuen Unternehmungen auf, die aber nur noch ein fahler Abklatsch seiner ersten Reise sind und außerdem schlecht enden.

Genüsslich politisch inkorrekt

Parallel zu Parks Schicksal entspinnt Boyle schlitzohrig einen zweiten Erzählstrang, der mindestens ebenso haarsträubend ist und schließlich in den ersten mündet: Es geht um den armen Schlucker Ned Rise, einen Pechvogel. Immerhin entkommt er seiner eigenen Hinrichtung und wird auf einem Gefängnisschiff nach Afrika geschickt, wo ihn Parks für seine Tour rekrutiert. Ein bisschen Glück hat er dann doch noch.

Mit genüsslich politisch inkorrekter Haltung nimmt T.C. Boyle die Kolonialgeschichte aufs Korn und schwelgt auch sonst in der Tradition der Abenteuerliteratur. Dennoch war die deutsche Fassung in die Jahre gekommen. Schon Walter Benjamin stellte fest, dass Übersetzungen altern, während Originale keine Patina ansetzen. Werner Richters erste, verdienstvolle Übertragung erschien 1987, jetzt bringt der Hanser Verlag eine neue Übersetzung von Dirk van Gunsteren heraus. Van Gunsterens herrlich schmissige Version ist philologisch präzise, weniger pompös und syntaktisch enger an das Original angelehnt.

Sie besitzt größere Frische und Leichtigkeit, wenn statt von "bloßen Hinterbacken" nur von "nackter Hintern" die Rede ist oder wenn es heißt "sie fletschen zischend die Zähne" statt wie bei Werner "ihre Schneidezähne schließen sich zischend". Aus Werners Satz "Die Sterne strömen über das Himmelszeit wie vergossene Milch; Moskitos greinen in den Bäumen" wird bei van Gunsteren, weniger pathetisch, "Am Himmel leuchten die Sterne wie verspritzte Milch, zwischen den Zweigen der Bäume sirren die Moskitos". Schiefe Bilder oder Fehler, wie die Verwechselung von Alexander Pope mit dem Papst, wurden ausgebügelt. Eine Wiederaneignung der besten Art.

T.C. Boyle: Wassermusik
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Carl Hanser Verlag, München 2014
568 Seiten, 24,90 Euro

Mehr zum Thema:
19.09.2013 | Thema
Mit dem Revolver auf dem Schreibtisch
T.C. Boyle: Damit ich mich nicht erschieße, schreibe ich lieber schnell das nächste Buch
08.09.2013 | Kritik
Buch der Woche - T. C. Boyle: "San Miguel", Hanser Verlag, München 2013, 448 Seiten

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur