Seit 05:05 Uhr Studio 9
Montag, 02.08.2021
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.02.2020

Bov Bjerg: "Serpentinen" Abrechnung mit den Scheißvätern

Von Rainer Moritz

Das Bild zeigt das Cover vom neuen Buch von Bov Bjerg. Es heißt "Serpentinen". (Claassen / Deutschlandradio)
Ein Buch mit starken, aber auch einigen schwachen Momenten: Bov Bjergs "Serpentinen". (Claassen / Deutschlandradio)

Bov Bjergs Coming-of-Age-Geschichte "Auerhaus" war ein Bestseller. Nun folgt mit "Serpentinen" ein Roman, der sehr viel düsterer ist. Er erzählt von Vätern, die nicht zu retten sind, von der Herkunft, der man nicht entkommt, und von Depressionen.

Ein Vater, Anfang 50, unternimmt mit seinem kleinen Sohn eine Reise zu den Orten der Kindheit. Es geht auf die Schwäbische Alb hinter Göppingen, und von Anfang ist klar, dass es keine erinnerungsselige Fahrt sein wird.

Auf der Familie scheint ein Fluch zu liegen

Auf dieser Familie nämlich scheint ein Fluch zu liegen, dem sich der Vater – Soziologieprofessor von Beruf – entgegenstemmen will. "Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt", so setzt Bov Bjergs Roman "Serpentinen" ein und lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Trip zum Kampf gegen diese scheinbar unausweichliche Selbstmordkette wird.

Bjerg gelang – durch das "Literarische Quartett" befördert – mit seinem zweiten Roman "Auerhaus" (2015) der Durchbruch. Obschon "Serpentinen" motivlich auf dieses Erfolgsbuch verweist, ist der Tonfall nun ein ganz anderer, ein düsterer.

Während Vater und Sohn mit ihrem Wagen die kurvenreichen Albsträßchen – die Serpentinen – hinauffahren, steigen Familienerinnerungen an die Oberfläche. Es sind keine beglückenden Kindheitsaugenblicke, die sich da breitmachen, keine heiteren Anekdoten. Nach diesem "Familienbla", diesem "wiederkehrenden Gerede", steht dem Vater, der als Ich-Erzähler fungiert, nicht der Sinn.

Grausamkeit und Verzweiflung

Er will die Generationen vor ihm durchleuchten, will den "Schwarzen Gott" der Depression, der diese Familie heimsucht, ergründen und abwehren. So erinnert er sich an die Reise, die er mit seiner Mutter in den Böhmerwald unternahm – ihre Heimat, aus der sie nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete. Und so zeichnet er ohne Beschönigung das Bild seines Vaters, der ein "Nazi der Meinung" war, diese Haltung nie ablegte und 1968 bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg zu den 9,8 Prozent NPD-Wählern gehörte.

"Serpentinen" ist eine Abrechnung mit den "Scheißvätern" und deren "Scheißwut", die sich "gegen sich, gegen alle" richtete. Und eine zärtliche Hinwendung zum Sohn, dem das Schicksal seiner männlichen Vorfahren um jeden Preis erspart werden soll.

Der Schriftsteller Bov Bjerg bei der Premiere des Films "Auerhaus" in Köln (picture alliance / Geisler-Fotopress / Jens Krickler)Der Schriftsteller Bov Bjerg bei der Premiere des Films "Auerhaus" in Köln (picture alliance / Geisler-Fotopress / Jens Krickler)

Bjerg glücken dabei bewegende Szenen, Momentaufnahmen, die den Erzähler etwa als kleinen Jungen zeigen, wie er seinem Vater beim kreisenden Gang um den Esstisch folgt, um auf ihn "aufzupassen". Grausamkeit und Verzweiflung nisten sich in solche Sätze ein, und Bjerg überzeugt, wenn er darauf vertraut. Dass der Strick, mit dem sich der Vater des Erzählers aufhängt, selbstverständlich weiterverwendet wird, ist ein Motiv, das unvergesslich bleibt – wie die lapidare Erkenntnis: "Der Vater hatte nicht leben wollen. Ich war nicht Grund genug."

Überall Nazis

Leider belässt es Bjerg nicht dabei. Er will mehr, er präsentiert seinen – ständig Bier trinkenden – Erzähler als einen unwilligen, sich selbst kasteienden Kommentator. Überall sieht dieser Spuren einer braunen Vergangenheit, wettert gegen den Autobahnausbau am Albaufstieg, gegen "prototypische Faschismusbächlein", die sich durch die Dörfer ziehen, und gegen "Schwabenkitsch". Und natürlich gegen sein bourgeoises Professorendasein, das er zusammen mit seiner Frau, einer Anwältin, führt und das er in einer der schwächsten Passagen, bei einem Honoratiorenempfang, wohlfeil denunziert.

So regt sich der Verdacht, dass "Serpentinen" trotz seiner großen Momente ein Buch ist, das vor allem Eindruck machen will – mit seinem Suizidthema, seiner "Alles Nazis überall"-Perspektive und seinem parataktischen Stil, der Bedeutung suggeriert, wo nicht immer eine ist. 

Bov Bjerg: "Serpentinen". Roman
Claassen, Berlin 2020
272 Seiten, 22 Euro

Mehr zum Thema

Bov Bjerg über seinen Roman "Serpentinen" - Eine Geschichte vom Fremdsein
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 31.1.2020)

Nele Vollmar über ihren Film "Auerhaus" - Schwere Themen mit Humor und Leichtigkeit
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 30.11.2019)

Überraschungsbestseller - Warum lieben alle "Auerhaus"?
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 9.2.2016)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Daniela Krien: "Der Brand"Diese Ehe steht in Flammen
Buchcover: "Der Brand" von Daniela Krien (Deutschlandradio / Diogenes)

In "Der Brand" erzählt Daniela Krien mit einem gnaden-, aber nie mitleidlosen Blick ein, was ein Eheleben aushalten muss. So liegt über den drei Urlaubswochen eines Paares, die sie in knappen, schlichten Sätzen schildert, eine bedrückende Spannung.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Berliner Rede zur Poesie 2021Ergebnis einer Isolation
Porträt des Lyrikers und Schriftstellers Johannes Jansen an seinem Schreibtisch in Berlin. (imago / gezett)

In seiner „Berliner Rede zur Poesie“, die in Auszügen als „Ergebnis einer Isolation“ erschienen ist, verwendet Johannes Jansen das C-Wort nicht. Die Isolation kann auch so beängstigend viele Gründe haben. Der Lyriker deutet sie in Prosagedichten an.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur