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Lesart | Beitrag vom 18.11.2019

Botho Strauß: "zu oft umsonst gelächelt" Die nächste Trennung kommt bestimmt

Von Michael Opitz

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Das Buchcover zeigt eine in hellen Farben gehaltene Wand mit einer farblich ähnlich gestalteten Tür, die einen Spalt weit offen steht. (Cover: Hanser / Collage: Deutschlandradio)
In Botho Strauß' Liebesgeschichten geht es alles andere als banal zu. (Cover: Hanser / Collage: Deutschlandradio)

Dieses Buch ist das ideale Geschenk für Paare, die noch blind im Liebesglück taumeln: Botho Strauß entwirft in "zu oft umsonst gelächelt" Miniaturen über Geschlechterduelle und Beziehungen, die gefrieren oder schon in Trümmern liegen.

"Man war doch sein Lebtag im Ausweglosen unterwegs", heißt es in Botho Strauß’ "Der Fortführer" (2018). Dieser Befund erfolgloser Verausgabung korrespondiert mit dem Titel seines neuen Buches. Zu häufig ist vergeblich gelächelt worden. Für das Lesen aber gilt der Grundsatz erfolgloser Verschwendung offensichtlich nicht. Denn die Leser und Leserinnen, so ist aus dem "Fortführer"-Buch zu erfahren, sollen durch die Literatur ihre "Umstände, Belange und Geschäfte" vergessen – so jedenfalls lautet das anspruchsvolle Vorhaben dieses Sprache zelebrierenden, sie modellierenden Autors.

Gleich zu Beginn des aus titellosen Kurzerzählungen und Episoden bestehenden neuen Textes ergreift ein alter Romancier das Wort. Sein Weg wird von einer immergrünen Hecke gesäumt, aus der Männer und Frauen heraustreten, bei denen es sich nicht, wie er einwendet, um Bekannte handelt, auch wenn sie das Gegenteil behaupten. In einem weiteren Text geht ein Dichter einen Hotelflur entlang. Alle Türen stehen offen und er schaut in die Zimmer, wo er "sie" alle liegen sieht. Dieser "Flurwandler" wird, wie es bei Strauß heißt, zum "Erinnerer" und dessen Erinnerungen bringen den Vergessenen Schrecken.

Was hinter den Verstellungsmasken liegt

Als Kursivdruck im Text kenntlich gemacht, taucht dieser Romancier an verschiedenen Stellen des Buches immer wieder auf. Es könnte sich von daher bei den Personen, die sich in den Kurzgeschichten zu Wort melden, um seiner Fantasie entsprungene Figuren handeln. Ob dem so ist und wer sich da erinnert, lässt Strauß allerdings offen. Sicher hingegen ist, dass der Autor seine Leser mitnimmt zu immer neuen "Ehetrümmergrundstücken". Er führt sie zu Schauplätzen der Liebe, wobei er mit einem in die Tiefe gehenden Blick die hinter Verstellungsmasken verborgen liegenden wahren Gesichter zum Vorschein bringt, in denen er häufig die Beiläufigkeit eines ultimativen Liebesschwurs aufspürt.

Es geht in Botho Strauß’ Buch um in Zweierbeziehungen ausgetragene Geschlechterduelle, wobei sich der Autor insbesondere für jene auf Distanz gehenden Bewegungen interessiert, die einhergehen mit letzten, subtil vorgetragenen Partnerverletzungen. In diesen Kämpfen wissen die Stilettführenden, an welcher Stelle der Dolch angesetzt werden muss, um aus dem peinigenden Schmerz des/der Anderen eine letzte, ultimative Lustbefriedigung ziehen zu können.

Schaurig schöne Begegnungsräume

Geschichten vom "Planeten der Paare", in denen das Liebesleid strapaziert, die Treueschwüre überdehnt, und Lieben kitschverdächtig in Szene gesetzt werden, kennt man inzwischen zur Genüge. Wenn aber Botho Strauß von den zwischen Mann und Frau bestehenden Liebesverwerfungen erzählt, dann geht es in diesen Geschichten alles andere als banal zu. Er überträgt seine Paarbeobachtungen in eine so kunstvolle Sprache und entwirft so schaurig schöne Begegnungsräume, dass man sich von diesem Autor fort- und stets auch verführt weiß. Gerade wenn es um "Umarmungen unter Niveau" geht, hält er sprachlich das Niveau.

Dieses Buch ist Paaren zu empfehlen, die, noch weitgehend liebesverzückt, eine Trennung für ausgeschlossen halten. Kommentarlos kann es solch Liebestaumelnden geschenkt werden, noch bevor sie vom Liebesgefrieren überrascht werden. Zuvor aber unbedingt selber lesen.

Botho Strauß: "zu oft umsonst gelächelt"
Hanser Verlag, München 2019
213 Seiten, 22 Euro

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