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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 12.05.2020

Botanische MalereiKunstvolle Pflanzenwelt

Von Heiner Kiesel

Zwetschgenzweig Herbst - Acryl auf Holz von Sylvia Peter (Sylvia Peter)
Zwetschgenzweig Herbst von Sylvia Peter: "Die Naturwissenschaftler und Biologen sagen durch die Bank: Die Malerei ist genauer, weil sie keine Unschärfen hat." (Sylvia Peter)

Gräser und Kräuter mit allen ihren Feinheiten und Facetten zu malen, begeisterte schon Albrecht Dürer. Seit vielen Jahren beschäftigt sich auch die Künstlerin Sylvia Peter mit dieser traditionsreichen Malerei, die immer mehr Beachtung findet.

"Wir sind in Thüngersheim, das ist ein kleiner Weinort im Fränkischen, nahe Würzburg. Unser Anwesen ist ziemlich genau 400 Jahre alt, also ein klassischer Renaissancebau. Wir stehen jetzt hier im Innenhof, der Hof ist übrigens auch eingetragen als Würzgärtlein, das hat uns gut gefallen. Darum sehen sie hier viele Küchenkräuter, diese riesigen Rosmarinsträucher zum Beispiel, Salbei, Lorbeer, Liebstöckel. Und etliche habe ich auch schon gemalt."

Wenn Sylvia Peter Pflanzen malt, dann nimmt sie es sehr genau. Ihr Genre ist die Botanische Kunst. Damit beschäftigt sie sich seit dem Abschluss ihres Kunststudiums Mitte der 90er-Jahre.

Treffpunkt für Kunstfreunde, Botaniker und Biologen

Seit zehn Jahren betreibt sie in Thüngersheim zusammen mit ihrem Mann, eine Galerie mit einem kleinen Café. Das Forum Botanische Kunst: Treffpunkt für Peters Künstlerkollegen, Kunst- und Pflanzenfreunde, Botaniker und Biologen. Für letztere sind Pflanzenbilder nach wie vor wichtig und dem Foto überlegen.

"Die Naturwissenschaftler und Biologen sagen durch die Bank: Die Malerei ist genauer, weil sie keine Unschärfen hat. Im gemalten Bild stelle ich ja jedes Detail scharf dar, egal, ob es weiter vorne oder weiter hinten ist. Ich lasse Blätter weg, schwierige Perspektiven lasse ich auch weg. Ein Blatt, das mir direkt entgegenwächst ist von der Form her ganz schwierig zu verstehen, das drehe ich in der Malerei einfach ein bisschen rüber und schon erkennt man es besser. Und natürlich kann ich auch aus verschiedenen Exemplaren eine Pflanze zusammenfügen."

Handwerkliches Können, ja klar – aber wo bleibt die Kunst bei diesem Genre? Das hört sich jetzt ein bisschen aufgesetzt und provokativ an: Aber ein Gänseblümchen bis aufs letzte feine Härchen am Stängel zu Papier bringen – so akribisch betreibt das Sylvia Peter tatsächlich – wo bleibt da der Ausdruck, die Gestaltung, die Aussage?

"Die Grenzen sind fließend! Es gibt Illustrationen, die den Bereich der Kunst berühren, auf die eine oder andere Weise und die Bilder, die wir auch zum Teil zeigen, die aus der klassischen Kunst kommen, die sind aber auch wieder botanisch ganz korrekt – sonst würden wir sie nicht reinnehmen."

"Das große Rasenstück" von Albrecht Dürer (picture-alliance/dpa/akg-images/Graphische Sammlung Albertina/Wien)Albrecht Dürer malte die Naturstudie "Das große Rasenstück" 1503. (picture-alliance/dpa/akg-images/Graphische Sammlung Albertina/Wien)
Pflanzenmalerei hat eine lange Geschichte seit der Antike. Vor allem als Illustration, in den Naturwissenschaften und der Heilkunde, als Verzierung am und im Gebäude. Selten alleinstehend als Kunst. Albrecht Dürers Aquarell "Das große Rasenstück" vielleicht. In der Galerie ist eine Ausstellung aufgebaut, die sich um die Naturforscherin Maria Sibylla Merian dreht, einer Wegbereiterin der Pflanzenmalerei der Neuzeit, die Ende des 17. Jahrhunderts Südamerika bereiste. Eine Könnerin, genau wie ihr Ausstellungspendant Asuka Hishiki. Die Japanerin gehört zu den bedeutendsten Vertretern des Genres in der Gegenwart. Auch bei ihr fasziniert im ersten Moment vor allem die Präzision und Komposition ihrer Arbeiten.

Gegen Vorurteile: Porträts wehrhafter, verkannter Gewächse

Vor dem Eingang ihres Ateliers bleibt Sylvia Peter stehen. Sie erinnert sich an die Widerstände in der Kunstszene, ihren Kampf um Anerkennung als Künstlerin.

"Es wurde lange sehr belächelt. Ich wurde in den ersten Jahren immer ausjuriert. Ich wurde zum Beispiel in den Berufsverband Bildender Künstler nur aufgenommen, weil ich Kunst studiert hatte. Die Leute, die damals in der Jury saßen, die fanden das schrecklich. Die fanden, man kann als Künstler nicht Blumen malen. Das ging allen Kollegen und Kolleginnen so, das erzählen sie alle. Das hat sich aber in den letzten Jahren sehr gewandelt. Erstens ist die realistische Malerei wieder wichtiger geworden – und dazu gehört die botanische Kunst ja – und die Pflanze selbst hat ja in der Gesellschaft eine ganz neue Bedeutung erlangt." 

Anfangs hat Peter eher verkannte, wehrhafte Gewächse gemalt. Brennnesseln, Disteln. Sie wollte auf keinen Fall als Blümchenmalerin gelten. Hinter der Malerin an der Wand hängt ein düsteres Bild. Ein schwärzlicher Hintergrund, eine tiefstehende Sonne sorgt für einen gleißenden Streifen im oberen Teil. Der Brombeerzweig im Vordergrund ist hoch, 1,70 – genau so groß wie die Künstlerin.

Sylvia Peter. Eine Frau mit langen, blonden Haaren steht vor einem Gemälde. (Heiner Kiesel)Sylvia Peter: "Wenn ich jetzt eine Pflanze male, dann nehme ich mir ein Individuum vor." (Heiner Kiesel)
"Das Bild habe ich schon gemalt, um etwas zu erzählen über den Kreislauf des Lebens, über das Absterben, das Trostlose und Hoffnungslose, diese Finsternis – und dann wieder die Hoffnung auch. Diese Blätter da unten nehmen ja das Licht von ganz oben im Bild auf, die reflektieren das so ein bisschen. Das ist für mich schon ein Sinnbild der Hoffnung, denn auch für uns Menschen reicht ja oft so ein Funke Positives, um weitermachen zu können."

Rechts neben der Brombeere ein zarteres, ein jüngeres Bild. Ein Spitzwegerich. Bei ihrer Vorlage hat Peter die Wurzeln vorsichtig aus dem lockeren Boden gelöst und die Pflanze dann in einem Aquarium schweben lassen. Das Werk zeigt den Spitzwegerich, wie er im Boden aussehen könnte, aber auch wie ihm die Bodenhaftung fehlt, er irgendwie in der Luft hängt. Man möchte ihm helfen.

"Wenn ich jetzt eine Pflanze male, dann nehme ich mir ein Individuum vor. Das hat seine bestimmten Merkmale, das hat seine Geschichte, da hat vielleicht mal ein Tier etwas abgeknabbert, oder der Wind etwas abgeknickt. Das ist nur bei diesem Exemplar so. Ein Illustrator würde solche Besonderheiten weglassen, der versucht das Typische darzustellen."

"Viele Künstler sind Autodidakten"

In den USA und Großbritannien ist die Kunstrichtung schon länger und fester etabliert, sagt Peter, hier in Deutschland ist ein Netzwerk erst im Entstehen. In Ihrer Galerie trifft man sich bei Ausstellungen und Workshops.

"Der Austausch ist sehr wichtig. Denn viele Künstler sind Autodidakten, die haben nicht Kunst studiert, die lernen natürlich immer dazu, allein schon indem sie Werke der Kollegen anschauen und genau studieren, aber auch indem man technische Dinge austauscht. Ich habe ja selbst Malerei studiert, aber diese Pflanzenmalerei ist so etwas Besonderes, dass man da trotzdem noch sehr viel dazulernen muss – zum Beispiel die Darstellung der Durchsichtigkeit von Blütenblättern."

Schlüsselblume - Acryl auf Holz von Sylvia Peter (Sylvia Peter)Eine Schlüsselblume gemalt mit Acryl auf Holz von Sylvia Peter. (Sylvia Peter)
Das Offensichtliche an der Pflanzenmalerei ist die technische Perfektion, mit der sie geschaffen wird. Für viele Besucher, die sich sonst nicht als besonders kunstaffin sehen würden, vereinfacht das den Zugang und die Wertschätzung der Werke. Keine Farbflächen, sondern Konkretes, Verständliches.

"Das ist etwas, was viele Leute schätzen, die mit vielen Strömungen nicht so gut klarkommen. Es ist aber trotzdem so, dass ich in vielen Gesprächen merke, dass es dabei nicht bleibt. Man bewundert erstmal, wie fein das gemalt ist, oh das könnte ich selber nicht, das ist toll! Wenn die Leute aber schon eine Weile da sind, fangen sie schon an über die Bilder zu sinnieren, was da denn nun da drauf ist und warum jemand so etwas malt."

Die Ausstellung "Pflanzen- und Insektendarstellungen" im Forum Botanische Kunst von Asuka Hishiki und Maria Sibylla Merian wird verschoben, voraussichtlich auf den 3. Oktober bis 6. Dezember 2020.

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