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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.02.2018

Boombranche - Schönheits-OPs für MännerDie perfekte Nase - frisch geschnitten und gemeißelt

Von Thomas Klug

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Die Nase eines Mannes vor einer Schönheitsoperation wird von einem Arzt vermessen (imago/Science Photo Library)
Bei einer Schönheitsoperation wird die Nase nicht gebrochen, sagt Facharzt Matthias Kremer-Thum. (imago/Science Photo Library)

Fachärzte für plastische und ästhetische Chirurgie haben immer mehr zu tun. Sie werden immer häufiger aufgesucht – auch von Männern. Fett, Haare, Nase: Sie sehen bei sich ganz verschiedene Problemzonen. Und sie berichten von großen Schmerzen.

Ein Hammer liegt da und ein Meißel. Es kann beginnen.

Matthias Kremer-Thum: "Man muss sich natürlich desinfizieren. Das macht man hier. Dann gibt es so einen OP-Raum. Das ist das Narkosegerät, mit dem der Narkosearzt den Patienten beatmen kann, die Sauerstoffsättigung im Blut misst, das EKG misst, den Blutdruck misst und heutzutage können die auch die Hirnströme messen und gucken, wie tief der Patient schläft."

Die Operation beginnt gleich. Dr. Matthias Kremer-Thum rückt sich die Lampe zurecht, eine Schwester führt den Patienten herein. Der trägt ein OP-Hemd, schaut weder nach links, noch rechts, sondern legt sich gleich auf den Operationstisch. Hätte er den Hammer gesehen, wäre er wohl noch nervöser geworden. Der Narkosearzt spricht kurz mit dem Patienten. Dann setzt er ihm eine Atemmaske auf. Von irgendwoher ist der Ton eines Fernsehers zu hören. Die OP-Schwester öffnet die Verpackungen der sterilen Instrumente, die gleich benötigt werden. Der Operateur wartet, bis die Narkose wirkt. Dann geht es an die Nase des Patienten – mit Hammer und Meißel.

Das Verschönern einer Nase - eine normale OP

Matthias Kremer-Thum: "Ein junger Mann um die 30, der einfach subjektiv das Gefühl hat, eine große Nase zu haben und sich die ästhetische Korrektur seiner Nase gewünscht hat."

Der Berliner Facharzt für plastische Chirurgie Matthias Kremer-Thum verschönert eine Nase. Das sei eine ganz normale Operation, sagt er.

Matthias Kremer-Thum: "Salopp gesagt ist es gerade bei der Nasenkorrektur relativ häufig so, dass die Patienten mir morgens vor der Operation sagen: Aber bitte machen Sie es schön. Und dann antworte ich immer mit einem Schmunzeln: Ich mache es so schön wie noch nie zuvor. Ich gebe mir Mühe und versuche, die Nase wirklich perfekt zu machen. Klar, es gibt auch da eine gewisse Varianz. Und es gibt die Nasen, die sind wirklich perfekt. Und es gibt die Nasen, wo man sagt, da war Mutter Natur vielleicht nicht so gnädig."

Die Operation wird gut zwei Stunden dauern.

Wer sich verschönern lassen will, muss leiden können. Mal mehr, mal weniger. Das ist der Preis für Verbesserungen. Menschen sehnen sich nach ihnen. Seitdem es Menschen gibt, wird das so sein. Und seitdem gibt es wohl auch den Trend, die Verbesserungen auf Äußerlichkeiten zu beschränken. Vorteilhafte Kleidung, vorteilhafte Bilder. Maler schmeichelten mit ihren Porträts den Auftraggebern, den mächtigen Männern ihrer Zeit. Die Fotografen suchten die Schokoladenseiten ihrer Motive und halfen notfalls mit Retusche nach. Wenigstens die nachkommenden Generationen sollten glauben, die Herrscher waren nicht nur mächtig, sondern auch prächtig. Die Schönheit, die Natur und Künstler hervorbringen, aber genügte wohl auch früher nicht allen. Es musste korrigiert, verändert, verfeinert werden. Das gilt eben nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

Matthias Kremer-Thum: "Generell ist es so und dass eben auch in Berlin, dass die jungen Männer heutzutage auch sehr viel Wert auf ihr Aussehen legen und sich deswegen Veränderungen wünschen und dafür zum Schönheitschirurgen kommen. Und ja, ich denke, das ist in Berlin in besonderem Maße so."

Manche müssen einfach besser aussehen als die anderen 

Gerade jene Männer, die sich im Zentrum der Aufmerksamkeit wähnen, wollen natürlich auf das Schönste wahrgenommen werden, gerade in Berlin, wo an jeder Ecke eine Fernsehkamera lauern kann, wo jede Straße im Prenzlauer Berg eine Casting-Allee und jedes Café in Mitte potentieller Treffpunkt der politischen Elite sein kann. Da muss man einfach besser aussehen, als die anderen. Jung und dynamisch ist wichtiger als nachdenklich und belesen. Wichtig ist nicht im Kopf, sondern uff‘m Kopp. Berlin halt. Und dahin kommt ja jeder mal, der irgendwie prominent ist oder es zu werden versucht.

Haare wachsen. Oder eben nicht. Jürgen Klopp und Christian Lindner, der eine Fußballtrainer, der andere Politiker, haben sich notgedrungen zu ihren Haartransplantationen bekannt. Es fällt ja auf, wenn plötzlich dort Haare sind, wo früher keine waren. Tatsächlich soll es schon Mittzwanziger mit Haarausfall geben – zu erkennen daran, dass sie ihre Kopfbedeckung ungern absetzen oder sich morgens mühsam die verbliebenen Kopfhaare so drapieren, dass der Schwund möglichst nicht auffällt. Dass scheint Männer tatsächlich zu belasten. Aber sie lassen sich auch andere Körperregionen, nun ja, verbessern:

Matthias Kremer-Thum: "Bei Männern ist es ganz klar die Fettabsaugung und da ist es, gerade auch bei jüngeren Männern, die Absaugung der Brust, also der Fettbrust, wenn man so will, der Fachterminus wäre die Gynäkomastie oder Pseudo-Gynäkomastie."

André Lademann: "Ich wurde aufgeweckt nach der Narkose und hatte gleich immense Schmerzen."

Es schmerzt. Es ist teuer. Es soll schöner machen. Danach. Irgendwann. Wenn alles vorbei, der Schmerz vergessen ist, die Narben verheilt und die Rechnungen für die Operation bezahlt sind. Bis dahin helfen Hoffnung und eine gute Vorstellungskraft. Ein Schmerzmittel kann auch nicht schaden. Alles für die Schönheit.

André Lademann: "Die ersten zwei Tage, mir liefen die Tränen. - So schlimm? - Ja. Es gibt da immer die typische Frage, so auf einer Schmerzskala von null bis zehn, zehn ist ganz schlimm, wo befinden Sie sich gerade. Und ich war die ersten zwei Tage immer auf einer Skala zwischen sechs und acht."

Und zwischendurch Situationen, in denen die Skala zwischen null und zehn nicht ausreichte. André Lademann ist froh, dass er es hinter sich hat, seine Schönheitsoperation. Bei ihm ging es weder um Nase, noch Haare, sondern um den Bauch.

André Lademann: "Also ich habe 50 Kilo abgenommen – innerhalb von fünf Jahren."

"Ich war eine richtige Wuchtbrumme"

Andre Lademann sitzt in einem Café in Berlin-Wedding und erinnert sich: "Ich war aber eine richtige Wuchtbrumme, ja. Fehlerhafte Ernährung durch die Kindheit, bin auch ein emotionaler Esser. Hab dann die Ernährung umgestellt, Bewusstsein für Ernährung bekommen. Ich habe mich im Spiegel angeguckt mit 130 Kilo, ich fühle mich da nicht so wohl in meiner Haut, weil man auch sportlich nicht viel machen kann."

André Lademann hat sich die Bauchdecke straffen lassen. Er ist 29 Jahre alt, 1,87 groß und hat 50 Kilo abgenommen. Das Abnehmen hat er allein geschafft, nicht durch eine Fettabsaugung, die auch in Schönheitskliniken angeboten wird.

André Lademann: "Natürlich gibt’s auch Rückschläge. Ich habe ja jetzt nicht von den 130 Kilo runter auf 80 in einem Schwung alles motiviert und kontinuierlich durchgezogen. Es waren halt immer Teilabschnitte, die gekommen sind. Klar gab es auch mal wieder Rückschläge, wo man dann krank geworden ist. Dann hat man seinen Sportrhythmus vernachlässigt, dann muss man den wiederfinden. Dann denkt man, warum tut man sich das an. Gut, nach drei, vier Mal weiß man, man fühlt sich wieder richtig gut nach dem Sport und dann bleibt man auch drin."

Aber irgendetwas ist geblieben. Kein Sport half. Keine Diät.

André Lademann: "Ja, es ist schon schwabbelig. Man sieht das auf dem Bild nicht so, man hätte es vielleicht auf einem Video besser gesehen."

André Lademann hat Fotos mitgebracht, aufgenommen nackt im Badezimmer vor dem Spiegel:

"Beim Sport beispielsweise, bei Sportkursen, da wird einem vom Trainer gesagt: 'Eh, spann deinen Bauch an.' - Der ist angespannt – nur ist halt so viel Haut da, da sieht man halt nicht, ob der Bauch angespannt ist oder nicht."

Für den Arzt ist die Operation Routine.

Matthias Kremer-Thum: "Wenn man jetzt eine Bauchdeckenstraffung macht, wo das Fettgewebe von der Muskulatur gelöst wird, da schneidet man mit Strom, weil der Strom nicht nur schneidet, sondern auch gleichzeitig die kleinen Blutgefäße verödet, verschweißt und dadurch der Blutverlust auf ein absolutes Mindestmaß reduziert werden kann."

Mattias Kremer-Thum, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie in Berlin bei Medical One: "Da macht man einen Schnitt ab der Schamhaargrenze, ansteigend bis zu den Beckenkämmen, wenn man so will unterhalb dieser Falte, die sich da mehr oder weniger andeutet. Dann wird Haut und Unterhautgewebe von der Bauchdecke, also von der Muskulatur im weiteren Sinne gelöst – und zwar über den Bauchnabel hinausgehend bis hier unter den Rippenbogen."

Die Nasen-Operation. Der Patient schläft. Dr. Kremer-Thum bearbeitet seine Nase. Die OP-Schwester reicht die Instrumente. Aus der Nase des Patienten hängen zwei blutige Fetzen, vielleicht Hautlappen. Der Narkosearzt schaut auf einen Monitor. Routine. Nach zwei Stunden ist der Eingriff vorbei. Der Patient wird aufgeweckt. Ein paar Tage lang wird er darauf verzichten müssen, durch die Nase zu atmen. Eines aber will Matthias Kremer-Thum unbedingt klarstellen: Bei der Operation wird die Nase nicht gebrochen. Der Mediziner drückt das etwas freundlicher aus:

Matthias Kremer-Thum: "Gebrochen klingt martialischer als es ist. Ich habe den Knochen geschnitten bzw. gemeißelt."

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