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Religionen | Beitrag vom 15.04.2018

Boom des PilgertourismusAuf der Suche nach neuen Wegen

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Jakobsweg: Ein Pilger auf dem mühsamen Weg nach Sahagun, Spanien, Kastilien und Leon (imago/blickwinkel)
Ein Pilger auf dem Jakobsweg in Kastilien und Leon (imago/blickwinkel)

Immer mehr Menschen sind auf Pilgerwegen unterwegs – nicht nur strenggläubige Katholiken, sondern auch Wanderer, die Ruhe und Sinn suchen. Ein neuer Tourismuszweig entsteht und bisweilen kommt es auf dem Jakobsweg schon zu Pilgerstaus.

Vor dem mächtigen Gebäude des "Seminario Menor", der größten Pilgerherberge in Santiago de Compostela sitzen junge Italiener und singen das Lied vom "Buen Camino", vom guten Weg. Nach den Spaniern stellen die Italiener die größte Gruppe auf dem Jakobsweg, gefolgt von den Deutschen. Der Weihbischof von München und Freising Wolfgang Bischof ist Präsident des Bayrischen Pilgerbüros, das seit 1994 Reisen auf dem Jakobsweg organisiert, nachdem die Pilgertradition über Jahrhunderte fast in Vergessenheit geraten war:

"Und das ist für mich das ganz Spannende beim Jakobusweg, dass bei aller Kritik, die ich manchmal habe auch an den Entwicklungen, die es genommen hat, aber dass diese Wege wieder entdeckt worden sind und neu ins Bewusstsein geholt worden sind, auch in unsrer Heimat."  

Seit einigen Jahren kommt es zu "Pilgerstaus"

2017 stellte das Pilgerbüro in Santiago de Compostela 300.000 Urkunden aus, 25.000 mehr als im Jahr zuvor. Bürgermeister Martino Noriega warnte im letzten Sommer bereits davor, dass seine Stadt Gefahr läuft, "am eigenen Erfolg zu sterben".

Altstadt von Santiago De Compostela, Spanien. Ende des 19. Jahrhundertes gab es ein reges Studentenleben in der Universitätsstadt mit ihrer fünfhundertjährigen Tradition. (imago / Zuma)Altstadt von Santiago De Compostela, Spanien. Ende des 19. Jahrhundertes gab es ein reges Studentenleben in der Universitätsstadt mit ihrer fünfhundertjährigen Tradition. (imago / Zuma)

Denn in den mittelalterlichen Gassen der Altstadt wird es im Sommer eng: Auf den letzten Metern ihrer Reise, hin zur imposanten Kathedrale mit dem Jakobsgrab kommt es seit einigen Jahren zu regelmäßigen "Pilgerstaus". Katharina Maak, die Sprecherin der Jakobus Gesellschaft Berlin-Brandenburg, erklärt dieses Phänomen folgendermaßen:

"Man kann ja, wenn man die letzten 100 Kilometer zu Fuß, oder die letzten 200 Kilometer per Fahrrad zurückgelegt hat die Pilgerurkunde bekommen, die 'credencial'. Hintergrund ist, dass viele Leute dieses Dokument gerne haben möchten. Aus Prestigegründen, oder weil es einfach schön ist, oder eben aus religiösen Gründen. Und so kommt es, dass viele Leute auf den letzten hundert Kilometern unterwegs sind. Deswegen hat insbesondere die Region Galizien natürlich ein riesiges Infrastrukturproblem."    

Die Begeisterung für den "Camino de Santiago" wird nicht nur von der Pilgerurkunde geweckt: Neben literarischen Bestsellern wie Paolo Coelhos "Auf dem Jakobsweg", Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" und "Der Jakobsweg" von Shirley MacLaine haben auch zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme wie etwa "Saint Jacques – Pilgern auf Französisch" das Pilgern populär gemacht - und es gleichzeitig auch verändert, wie Jürgen Neubarth, Produktmanager beim deutschen Pilgerbüro, erklärt:

"Durch die Medienwirksamkeit des Jakobsweges kamen neue Gäste hinzu und ich würde sagen, es sind speziell auch Leute, die auf der Sinnsuche sind, die nicht mehr so der klassische Pilger sind, wie vielleicht ein katholischer Pilger, der einen Rosenkranz betet, der Gottesdienste mitfeiert. Ich sage manchmal, so vielleicht ein bisschen salopp, dass die Leute, die jetzt da neu motiviert sind, manchmal lieber im Tipi trommeln, als in einen Gottesdienst gehen."

Dass es vielen "neuen Pilgern" verstärkt um eine Selbstfindung geht, kann Katharina Maak bestätigen:

"Ich denke zum einen, Kirche ist immer noch ein Faktor, der viele Menschen bestimmt in ihrem Handeln, aber auch Selbstbestimmung oder mal ausschalten, einfach mal den Alltag hinter sich lassen, auch mal seine Grenzen auszuprobieren, die physischen Grenzen. Zu sagen 'Hey, ich kann das doch' oder 'ich will es auch in meinem Alter noch mal wissen'".

Natur, Kultur, Geschichte und Tradition

Das 1925 gegründete bayerische Pilgerbüro verbindet in seinen Angeboten Natur, Kultur und Geschichte mit religiösen Traditionen. Die Reisen werden von Geistlichen betreut, und beinhalten oft gemeinsame Gottesdienste, Andachten oder den Segen zum Abendbrot, wie hier in einer traditionellen "Sidreria" einer baskischen Apfelwein-Schänke auf dem Ignatius-Weg:

"Darf ich zum Ritual kurz aufrufen. Ich mach's heute in der absoluten Kurzform, also: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Für Fest und Nass: Deo Gratias. Amen – Guten Appetit!".

Für den Weihbischof von München und Freising, Wolfgang Bischof, sind moderner Tourismus und Pilgerfahrten keine Gegensätze:

"Die ursprüngliche Form, auch des Tourismus, ist letztendlich die Wallfahrt. Denn zu früheren Zeiten haben Menschen ja ihre Orte verlassen, weil sie in die Welt hinaus gegangen sind, sie sind nicht an den Strand oder an die Sonne gewandert, sondern zu den entscheidenden Stätten des christlichen Abendlandes mitgegangen. Und von daher bin ich davon überzeugt, dass das Wallfahrtswesen, dass das Pilgerwesen eigentlich der Ursprung des modernen Tourismus sind und von daher sollte man die beiden nicht gegeneinander ausspielen und die positiven Seiten des einen, wie des anderen auch immer wieder sehen und dann verbinden. Ich glaube, dann tun wir etwas für die Menschen."

Zahl der touristischen Angebote wächst

Aber die Zahl der touristischen Angebote wächst: neben den klassischen alten und neuen Pilgerwanderwegen, dem Jakobsweg, dem Ignatiusweg, dem Olafs- oder Bonifatiusweg gehen die Reise des Bayerischen Pilgerbüros und anderer Anbieter auch zu den klassischen Wallfahrtsorten, wie dem französischen Lourdes und dem portugiesischen Fatima oder auch nach Rom. Sogar im biblischen Kernland bieten Reiseanbieter neue Wanderwege an:

Jürgen Neubarth: "Oder wenn ich mir das Heilige Land anschaue, da gibt's jetzt einen Jesus Trail, einen Gospel Trail, da gibt es Abrahams Weg, da gibt es also alle möglichen Varianten, die jetzt gerade eben auf die Matte kommen."

Ein Blick über die Altstadt von Jerusalem zum Felsendom  (Harald Gesterkamp/Deutschlandfunk)Blick über die Altstadt von Jerusalem zum Felsendom (Harald Gesterkamp/Deutschlandfunk)

Der Pilgertourismus ins sogenannte "Heilige Land" wurde in der Vergangenheit stark von Anschlägen und politischen Spannungen beeinträchtigt. Das habe sich in der letzten Zeit etwas geändert, erklärt Produktmanager Jürgen Neubarth:

"Wenn ich mir überlege, vor 10, 20 Jahren, wenn irgendetwas passiert ist, kam danach eine Stornierungswelle. Und im letzten Dezember war es hoch interessant, als Herr Trump die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem ankündigte, war ich eigentlich der Meinung, dass die nächsten Tage für uns sehr bitter werden, weil die Leute von ihrer geplanten Reise zurücktreten oder schon gar nicht buchen. Und es war dieses Mal nicht der Fall."

"Die Leute haben gesagt, wir warten erst einmal ab und wir differenzieren. Und so ähnlich ist es mittlerweile auch in Bezug auf terroristische Aktivitäten. Früher war es einfach so, wenn irgendwo etwas passiert ist, dann war eine direkte Folge eine Stornierung der Reise in die dortige Region. Und seitdem der Terrorismus eben auch in Europa angekommen ist, unterscheiden die Leute viel mehr, schauen genauer auf die Landkarte und überlegen einfach auch, was war das für ein Anschlag, wem hat er gegolten und die Leute sind hier, würde ich schon sagen, mündiger geworden."

Pilgern hat sich zu einer modernen, oft ruhigeren, intensiveren Form des Tourismus entwickelt. Die Angebote richten sich nicht nur an die ursprüngliche katholische Kernzielgruppe, sondern an Menschen auf der Suche nach neuen Wegen, oder einfach an Wanderfreunde, Naturliebhaber und Kulturinteressierte. Vor dem grundsätzlichen Übel des konventionellen Massentourismus ist der organisierte Pilger allerdings auch nicht geschützt: Je erfolgreicher ein Reiseangebot vermarktet wird, je voller die Wege und werden, umso schneller ist es mit auch Ruhe, Frieden und Schönheit vorbei.

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