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Vollbild | Beitrag vom 12.10.2019

Bong Joon-ho über seinen Film "Parasite"Klassenkampf in der Vertikalen

Moderation: Patrick Wellinski

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Szene aus dem Film "Parasite" von Regisseur Joon-ho Bong. Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen in einem Badezimmer und starren auf ihr Smartphone.  (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)
"Arm und Reich sind Dinge, die uns alle betreffen. Es geht um uns", sagt Regisseur Joon-ho Bong über seinen Film "Parasite". (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)

In dem Film "Parasite" wohnt eine arme Familie im Keller einer reichen und schleicht sich in das Leben der Wohlhabenden ein. Die Dialektik von "Arm und Reich" könne man nur in der Gegenüberstellung von "Oben und Unten" erzählen, so Regisseur Bong Joon-ho.

Patrick Wellinski: "Parasite" ist eine Geschichte einer armen Familie, die sich als Dienstbotenpersonal in das Leben einer reichen Familie einschleicht. Diese schwarze Komödie thematisiert sehr unterhaltsam und kunstfertig Fragen nach sozialer Ungerechtigkeit und ist dabei sehr allgemeingültig. Dabei sollte "Parasite" eingangs ein Theaterstück werden. Als Ich Bong Joon-ho interviewen konnte, wollte ich daher eingangs wissen, wieso "Parasite" letztlich ein Kinofilm geworden ist.

Bong Joon-ho: Ich hatte das Angebot, am Theater zu arbeiten. Und ich wollte es wirklich gern machen. "Parasite" war also für die Bühne gedacht. Aber dann merkte ich, dass ich einfach ein eingefleischter Filmemacher bin. Außerdem bin ich verliebt in die Regenszene und die Komplexität der Häuser der beiden Familien. Und ich durfte nicht das ganze Theater fluten. Im Film geht das leichter.

Patrick Wellinski: Ja, das stimmt. Diese zwei Räumlichkeiten symbolisieren Arm und Reich. Das ist überhaupt ein Thema, das sie sehr interessiert. Schon in Ihrem Film "Snowpiercer". Was ist es denn an dieser Kluft zwischen Arm und Reich, das Sie als Regisseur, als Geschichtenerzähler so stark interessiert?

Bong Joon-ho: Arm und Reich sind Dinge, die uns alle betreffen. Es geht um uns. Es bestimmt Familienverhältnisse auf der ganzen Welt. Und es stimmt, dass mich das Thema schon in "Snowpiercer" beschäftigt hat. Aber da war alles überhöht durch die Regeln des Sci-Fi-Genres. Jetzt ging es mir um einen realistischeren Ansatz, weil ich eine gegenwärtige Geschichte erzählen wollte.

"Die beiden Familien begegnen sich wie Außerirdische"

Patrick Wellinski: Besonders hart wirkt das bei Ihnen, weil sich der Gegensatz von Arm und Reich im Kern zweier Familien abspielt. Und das ist ja der privateste Kern, den man hat. War es Ihnen deshalb so wichtig, diese zwei Familien zu wählen? Weil eigentlich sind die Familien ja gleich: Vater, Mutter, Kinder ... Und doch trennen sie Welten?  

Bong Joon-ho: Ja, da haben Sie völlig recht! Der ursprüngliche Titel war auch gar nicht "Parasite", sondern lautete "Das Abklatschbild". Weil es mir genau darum geht, dass sich beide Familien im Film nicht fundamental unterscheiden. Wie Sie sagen, Vater, Mutter, Kinder. Sie müssten so viel gemeinsam haben. Die Kinder miteinander, aber auch die Eltern. Aber es gibt diesen Unterschied des Wohlstands. Und so begegnen sich die beiden Familien wie Außerirdische.

Patrick Wellinski: Eine meiner Lieblingsszenen des Films, oder Einfälle müsste man sagen, ist, dass die reiche Familie irgendwann einen Sinn für den Geruch der Armut und der armen Familie entwickelt. Sie können Armut riechen. Armut stinkt ihnen irgendwie. Können Sie erzählen, wie Sie das entwickelt haben, weil ich diese Idee genial finde.

Bong Joon-ho: Das Motiv lag für mich auf der Hand. Der Geruch musste ein Unterscheidungsmerkmal zwischen diesen Familien sein, neben den visuellen Ideen, wie den Häusern. Denn wenn die arme Familie sich ins Leben der Reichen einschleicht, legt sie ja die Armut ab. Aber es bleibt der Geruch. Und der Geruch ist ein sehr intimes Detail. Etwas worüber man so ungern spricht. Armut riecht. Und das liegt auch daran, dass Arme und Reiche völlig verschiedene Wege gehen. Sie begegnen sich nie. Es ist ein bisschen wie im Flugzeug, wo jemand in der Business-Class einen Gast aus der Economy Class nicht zu sehen bekommt. Er bekommt auch anderes Essen. Dabei sind beide im gleichen Flugzeug. Und in meinem Film erlaube ich, dass sich Arm und Reich begegnen, aber die einen wissen es nicht. Doch der Geruch bleibt. Man kann es nicht verleugnen. Und das war die Idee hinter dem Motiv.

Szene aus dem Film "Parasite". Die Schauspielerin Yeo-jeong Jo geht eine Treppe hinauf. (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)"Mir ist es wichtig, dass meine Filme eine Architektur haben, die der Form der Geschichte entspricht", sagt Bong Joon-ho. (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)

Patrick Wellinski: Der eigentliche Hauptdarsteller des Films ist ja das Haus der reichen Familie. Das ist nicht nur eine abgefahrene Architektur, es ist auch eine Art von Horrorarchitektur. Und Sie erzählen dann eine Geschichte von Menschen, die oben wohnen und welchen, die unten leben. So wie Sie in "Snowpiercer" davon erzählten, dass die Reichen rechts im Zug leben und die Armen links. Sie erzählen jetzt eine vertikale Struktur. Wie haben Sie dieses Haus entwickelt? Haben Sie es gebaut oder so gefunden?

Bong Joon-ho: Ja, das stimmt. Mir ist es wichtig, dass meine Filme eine Architektur haben, die der Form der Geschichte entspricht. Bei "Snowpiercer" war es die horizontale Anordnung der Handlung. Bei "Parasite" musste es vertikal sein. Man kann von der Dialektik von "Arm und Reich" nur in der Gegenüberstellung von "Oben und Unten" erzählen. Dadurch kann ich die Lebensrealität – und auch Lebenslüge – unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten bloßstellen. Das hat natürlich die Kameraarbeit und die Schauspielführung geprägt. Allein wie behutsam und vorsichtig die "Armen" die Treppen rauf gehen, aber immer schnell runter, zeigt ja, dass sie instinktiv wissen, in welche Richtung die Gesellschaft sie schickt. Nicht nur das Haus mit seiner Architektur zeigt das ganz gut. Selbst die Wohngegend der Armen haben wir so gebaut, dass das ganze Viertel quasi im Untergeschoss der Reichen platziert ist. Wie schon gesagt: Oben und unten ist das Prinzip des Films auf allen Ebenen.

"Film als Propaganda liegt mir fern"

Patrick Wellinski: Ich finde Ihren Film großartig. Auch weil er so unterhaltsam ist. Er macht einfach Spaß, weil Sie ein sehr guter Genre-Regisseur sind. Aber ich frage mich auch, weil Sie schon so viel über Klassengesellschaften sprechen, und das ist ja nicht nur ein Problem der koreanischen Gesellschaft, sondern auch unserer Gesellschaft, sehen Sie sich denn auch als politischer Filmemacher? 

Bong Joon-ho: Glauben Sie mir, ich will keine Botschaften vermitteln. Film als Propaganda liegt mir fern. Ich möchte, dass meine Filme nur eins sind: unterhaltsam. Ich will, dass Kino Spaß macht. Das ist mein Antrieb. Aber natürlich bin sehr nah bei meinen Figuren. Ich mag meine Figuren. Und da ich ihre Lebensumstände recht real beschreibe, bekommt der Film etwas Politisches. Mir ist das bewusst. Ich kann dem nicht entkommen, obwohl ich das immer wieder probiere, indem ich explizite politische Bezüge und Dialoge rausstreiche. Das Medium Film ist ja vielleicht immer politisch, auch wenn ich nur unterhalten will.

Patrick Wellinski: Sie sind ein sehr visueller Regisseur. Man sieht förmlich, wie viel Spaß sie selber dabei haben, Ihre Bilder zu entwickeln, und ich frage mich, wie arbeiten Sie? Hatten Sie bei "Parasite" diese tollen, glatten Hochglanzbilder schon im Kopf, bevor Sie das Drehbuch geschrieben haben? Oder entwickeln Sie so etwas während des Drehs?

Bong Joon-ho: Ich bin ja nicht nur der Regisseur meiner Filme. Ich schreibe auch meine Drehbücher selber. Und bevor der erste Satz geschrieben ist, weiß ich schon, wie der fertige Film aussehen wird. Alles, vom Kostüm, über die Orte, die Figuren. Es ist alles einfach schon in mir. Als Kind habe ich Comics und Animationsserien geliebt. Daher kann ich auch recht gut zeichnen. Nach dem Drehbuch verfasse ich auch meine Storyboards selber. Und ich bin immer wieder erstaunt, dass der fertige Film meinen Zeichnungen bis ins kleinste Detail gleicht. Ich mache natürlich nicht alles alleine. Meine vielen Mitarbeiter und Kollegen helfen mir dabei, meine Vision zu verwirklichen. 

Patrick Wellinski: Spannend finde ich noch, dass wir im Westen, aber besonders in Deutschland, haben wir die Unterscheidung zwischen Unterhaltungskino und Kunstkino. Dazwischen gibt es wenig. Ist das in Korea anders, dass Genrekino zum Beispiel beides verbindet? Und dass man deshalb auch solche Filme wie Ihre immer häufiger aus Korea zu sehen bekommt und nicht aus Deutschland?

Bong Joon-ho: Nein, in Korea gibt es auch diese Schubladen. So funktioniert das Geschäft weltweit. Aber bei mir ist es dann immer wieder so seltsam, wissen Sie, ich schneide meine Filme fertig und sehe sie mir dann an und ich sehe: Das ist ja ganz lustig. Lustiger als ich vermutet habe. Und dann kollidiert Humor mit Ernsthaftigkeit, wie ich es nicht planen kann. Und ich habe immer wieder ein ganz schlechtes Gewissen gegenüber meinen Presseagenten und den Mitarbeitern im Verleih, weil sie mich dann immer anschreiben und fragen: "Was ist das denn? Wie sollen wir den Film vermarkten? Ist das Horror oder Comedy?" Und ich weiß nie, was ich sagen soll. Aber im Grunde herrscht in Korea auch eine Einordnung des Kinos in Unterhaltung und Arthouse. Aber meine Filme scheinen da eine Ausnahme zu sein.

Regisseur Bong Joon-ho mit der Auszeichnung "Goldene Palme von Cannes" im Mai in Cannes. (picture alliance/dpa/Petros Giannakouris)Regisseur Bong Joon-ho mit der Auszeichnung "Goldene Palme von Cannes" im Mai in Cannes. (picture alliance/dpa/Petros Giannakouris)

Patrick Wellinski: Jetzt haben Sie für Ihren Film dieses Jahr den wichtigsten Kunstfilmpreis der Welt gewonnen: Die Goldene Palme von Cannes. Was bedeutet der Preis für Sie? Es ist ja die erste Palme für einen südkoreanischen Regisseur.

Bong Joon-ho: Als mich dieser Preis erwischt hat, war das eine unfassbar verrückte Nacht. Eine Nacht, bei der ich auch etwas zu tief ins Glas geschaut habe. Aber als ich dann am nächsten Tag aufgewacht bin und so aus dem Fenster auf den Strand geblickt habe, habe ich gemerkt, dass sich nichts geändert hatte. Ich muss arbeiten. Schon im Flugzeug habe ich angefangen, an den nächsten Drehbüchern zu schreiben. Mein achter, neunter und zehnter Film entstehen ja nicht von alleine. Die Goldene Palme hilft mir dabei kaum.

"Ich habe mit Netflix kein Problem"

Patrick Wellinski: Sie sind ja auch der Ursprung der derzeit heftig geführten Kinodebatte. Seit Ihr Film "Okja" – eine Netflixproduktion – in Cannes lief, debattiert die Branche, ob Streamingdienste das Kino kaputt machen. Würden Sie denn eigentlich wieder für Netflix arbeiten? Und wie stehen Sie zu der Debatte?

Bong Joon-ho: Also, wenn ich nochmal ein Angebot von Netflix bekäme, würde ich sehr gerne wieder für sie arbeiten. Ich habe mit denen gar kein Problem. Das große Problem, dass es gibt, herrscht ja eher zwischen Netflix und den Kinobetreibern. Und bei "Okja" war es so, dass ich in jeder Phase absolute künstlerische Freiheit hatte. Niemand hat mir gesagt, was ich zu machen habe. Dadurch hatte der Film auch so eine schöne Poesie. Netflix ist da den Regisseuren gegenüber sehr fair. Was den Streit zwischen Netflix und dem Kino betrifft, hoffe ich, dass man sich bald einigen wird, dass beide Sphären schon bald symbiotisch koexistieren.

Patrick Wellinski: Viele Ihrer Kollegen wechseln ja ins Fernsehen, weil sie sagen, das spannendste Geschichten erzählen findet jetzt im Fernsehen statt. Reizt Sie das vielleicht mal, ins Serienfach zu wechseln?

Bong Joon-ho: Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem mich meine US-Agentur nicht fragt, ob ich diese oder jene Serie drehen möchte. Oder wenigstens einen Piloten. Aber ich kann das nicht. Ich ticke anders. Ich kann nicht so schnell auf Zuruf etwas filmen. Jetzt sind Produzenten aus Großbritannien auf mich zugekommen mit der Frage, ob ich aus "Parasite" nicht eine Miniserie machen möchte. Das überzeugt mich schon eher. Es gibt noch Geschichten der Figuren, die im Film nur leicht angedeutet wurden, das könnte man in drei oder vier Folgen ausbauen. Das hätte was.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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