Seit 14:05 Uhr Rang 1

Samstag, 22.02.2020
 
Seit 14:05 Uhr Rang 1

Zeitfragen | Beitrag vom 12.02.2020

Bombardierung von DresdenUmkämpfte Erinnerung

Von Bastian Brandau

Beitrag hören Podcast abonnieren
Blick vom Rathausturm auf die Ruinen der Dresdener Innenstadt im September 1945. (picture alliance/dpa/akg-images)
Blick vom Rathausturm auf die Ruinen der Dresdener Innenstadt im September 1945. (picture alliance/dpa/akg-images)

Dresden war nicht die einzige deutsche Stadt, die im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde und viele Tote zählte. Aber in Dresden spielt die Bombardierung, der Kampf um das „richtige“ Erinnern, eine ganz eigene Rolle.

Es war Joseph Goebbels, der die Bombardierung Dresdens 1945 umgehend für die NS-Propaganda nutzte. Er setzt die Legende von einer "unschuldig zerstörten Kulturstadt" voller Flüchtlinge in die Welt. Auch die Toten instrumentalisiert er, vervielfacht die Zahl in Berichten. Aus den bis zu 25.000 belegten Toten werden Hunderttausende. 250.000 Dresdner Tote – die Zahl ist bis heute auf Nazi-Aufmärschen zu lesen. Oder in Zuschriften, die der Deutschlandfunk von Hörern erhält. Wenn wir die Zahlen nennen, die eine Historikerkommission vor 15 Jahren ermittelt hat. Trotzdem: Viele der Nazi-Legenden halten sich bis heute:

"War Dresden die am meisten zerstörte Stadt. Waren Sie schon mal in Köln. / Hat die meisten Menschenopfer zu beklagen. / Es gibt auch andere Städte."

Ebenso hartnäckig wie die stark überhöhten Opferzahlen halten sich bis heute Legenden von Phosphorbomben und Tieffliegerangriffen – auch sie längst widerlegt.

DDR-Führung übernahm Teile der Nazi-Propaganda

"So stellt sich die sinnlose Bombardierung Dresdens als ein brutaler Gewaltakt imperialistischer Machtpolitik dar."

Die DDR-Staatsführung – hier der Vorsitzende des Ministerrats Willi Stoph bei der Gedenkfeier 1970 übernimmt Aspekte der Nazi-Propaganda. Die USA sind wieder der Feind. Aus der DDR-Zeit stammen Gedenksteine wie der in Dresden-Nickern, in dem der Opfer des Zitat "Angloamerikanischen Bombenterrors" gedacht wird. 2016 beschließt der Stadtrat, den Gedenkstein mit einer Kommentierung zu versehen. Umgesetzt ist dies bisher nicht, die Gegenwehr ist bis in bürgerliche Kreise groß. Der Gedenkstein: ein beliebter Pilgerort für Neonazi-Demonstrationen.

In den 2000er-Jahren beteiligen sich an den Neonazi-Aufmärschen in Dresden bis zu 6500 Menschen. Der Aufmarsch 2005 gilt als der bis dahin größte Neonazi-Aufmarsch in Europa. Jahrelang marschieren die Neonazis ohne sichtbare Gegenwehr durch Dresden. Auch weil ihr Gedenken an die Dresdner Toten anschlussfähig ist an das offizielle Dresdner Gedenken. Es sind die Zeiten, in denen Ministerpräsident Kurt Biedenkopf den Sachsen bescheinigt "immun gegen Rechtsextremismus zu sein."

NPD-Aufmarsch am 13. Februar 2005 zum 60. Jahrestag der Bombenangriffe auf Dresden.  (imago images/Stefan Trappe)NPD-Aufmarsch am 13. Februar 2005 zum 60. Jahrestag der Bombenangriffe auf Dresden. (imago images/Stefan Trappe)
Erst langsam formierte sich Gegenprotest, koordiniert durch das Bündnis Dresden Nazifrei. 2010 gelingt es Protestierenden, den Neonaziaufmarsch zu blockieren. Die Stadt gründet die AG 13. Februar. Eine Menschenkette am Abend des 13. Februars schützt seit 2010 das Dresdner Zentrum vor den Neonazis – symbolisch. Die Art des offiziellen Gedenkens wandelt sich, Neonazis weichen für ihre Demonstrationen auf den Stadtrand aus. In den letzten beiden Jahren jedoch sind wieder in der Altstadt unterwegs, planen auch für Samstag dort eine Demonstration.

"Der Krieg war schon entschieden, die Stadt überfüllt mit unzähligen Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten, die meisten von ihnen Frauen und Kinder."

Auch der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke bemüht in seiner Dresdner Rede Anfang 2017 die Nazi-Legenden zur Bombardierung Dresdens. Geschichtslehrer Höcke hatte 2010 selbst am Neonazi-Aufmarsch teilgenommen.

Morddrohungen gegen Dresdens Oberbürgermeister

"Ja, liebe Dresdnerinnen und Dresdner, liebe Touristen, Durchreisende, wir alle verfolgen die furchtbaren Ereignisse des Syrienkrieges und in Aleppo…"

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert bei der Einweihung des Monuments vor der Frauenkirche im Februar 2017. Die drei senkrecht aufgestellten Busse erinnern an eine Straßensperre in Aleppo, gedacht werden soll 2017 in Dresden auch Opfern aktueller Kriege. FDP-Politiker Hilbert erhält Morddrohungen, nachdem er in einem Interview sagt, Dresden sei in der NS-Zeit keine unschuldige Stadt gewesen. Der 48-Jährige kann tief ergriffen von den Erinnerungen in seiner Familie an 45 erzählen; wenn er sich mit Jugendlichen und Zeitzeugen trifft, weiß aber auch er, dass in den nachfolgenden Generationen das Thema an Bedeutung verliert.

"Wir wollen nicht, dass das Gedenken an die Zerstörung unserer Stadt, an den 13. Februar missbraucht wird. Umdeutungsversuche gibt und auch man aus der Erinnerung heraus versucht zu löschen, von welchem Boden ist der Krieg ausgegangen. Welches Leid ist über andere Völker gekommen und hat auch dann zur Rückkehr des Leids auf deutschen Boden geführt, auch bei uns viele Zivilisten getroffen."

Verstärkte Politisierung in den vergangenen Jahren

Die Stadt Dresden gedenkt am 13. Februar seit einigen Jahren offiziell der Opfer von Krieg und Gewalt allgemein. Doch warum ist Dresden die wohl einzige deutsche Stadt, in der dieses Gedenken nicht am 27. Januar oder am 8. Mai stattfindet, den Tagen der Auschwitz-Befreiung und des Kriegsendes. Sondern am Tag der Bombardierung der eigenen Stadt, und das in solch einem Aufwand?

"Während auf der anderen Seite der Elbe die Semper-Synagoge brannte, verwies man die Familie Kussy aus ihrem eigenen Betrieb."

Der Mahngang Täterspuren begibt sich jedes Jahr im Februar an die Orte von NS-Verbrechen in der einstmals braunen Musterstadt Dresden, veranstaltet vom Bündnis "Dresden Nazifrei".

Tausende Dresdner versammelten sich 2019 zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt und zum Protest gegen Rechts zu einer Menschenkette. (imago/Max Stein)Tausende Dresdner versammelten sich 2019 zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt und zum Protest gegen Rechts zu einer Menschenkette. (imago/Max Stein)
"Es gab in Dresden auch Täter, zum Beispiel gab es da hohe Nazikader, und es gab viel Rüstungsindustrie", sagt Johannes Schumann, der sich bei verschiedenen Bündnissen in Dresden engagiert.

"Es gab schon Gründe, dass Dresden bombardiert wurde, und ich will keine Zahlen jonglieren. Es gibt auch Städte, die wurden noch viel härter getroffen als Dresden und die machen nicht so ein Theater daraus. Ich finde es total tragisch, dass da ein Haufen Menschen gestorben ist. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht nicht darum, irgendwie zu vergessen, das durch diesen unmenschlichen Krieg da ein Haufen Leute gestorben sind.

Es geht nur darum, dass man auch mal thematisiert: Leute, es gibt einen Grund, warum Dresden bombardiert wurde. Es gibt einen Grund, warum in Dresden viele Leute gestorben sind, der unter anderem ist, dass sich dann einfach schlecht verteidigt wurde, weil man damals nicht daran gedacht hat, dass Dresden überhaupt mal bombardiert werden würde. Da sind so Punkte. Ich hätte es gern im offiziellen Gedenken, das ist halt auch öfters mal zutage getreten."

Fehlende Unterscheidung von NS-Opfern und NS-Tätern

Die Diskussion um das Gedenken hat sich zum 75. Jahrestag der Bombardierung nicht beruhigt, im Gegenteil: Der Mythos Dresden scheint wieder aufzublühen: Kameradschaften und die AFD zeigen Präsenz, auch andere extrem rechte Gruppierungen.

Und auch CDU und FDP wollen die Dresdner Toten vom 13. Februar 1945 wieder mehr in den Mittelpunkt rücken: Vertreter der beiden Parteien planen eine Verlesung der Namen von Getöteten. Ohne zwischen NS-Opfern und NS-Tätern zu unterscheiden. Darüber ist man beim Bündnis "Dresden Nazifrei" schockiert, ebenso wie vom Vorhaben der AfD, großformatige Fotos von Bombentoten zu zeigen. Das Gedenken in Dresden mache aus ihrer Sicht Schritte rückwärts, sagt Sprecherin Rita Kunert.

"Und irgendwie erwarten wir auch von der Stadtspitze eine klare Aussage – zu diesem Datum, und dazu, dass es wieder missbraucht wird, für irgendwelche Opfermythen und irgendwelchen Gedenkzirkus, der eigentlich nicht in die heutige Zeit passt."

Zeitfragen

Zukunftswerkstoff GraphenDer flache Alleskönner
Molekularer Aufbau des neuen Werkstoffes Graphen, Illustration. (image BROKER)

Biegsame Bildschirme, superschnelle Chips: Die Erwartungen an Graphen schießen in die Höhe, als im Jahr 2004 die Entdeckung des sehr leitfähigen und stabilen Werkstoffs bekannt gegeben wird. Ist der Hype berechtigt?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur