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Fazit | Beitrag vom 07.06.2020

Bolsonaros KulturpolitikBrasiliens Filmschaffenden ist das Lachen vergangen

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Regisseur Kleber Mendonça Filho bei der Pressekonferenz der Internationalen Jury anlässlich der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin (K. M. Krause / imago images / snapshot)
Der brasilianische Filmemacher Kleber Mendonça Filho. Für ihn war die Vorstellung, Jair Bolsonaro könnte die Präsidentenwahl gewinnen, vor allem eins: ein Witz. (K. M. Krause / imago images / snapshot)

Brasiliens Filmemacher haben es seit Bolsonaros Amtsantritt schwer: Der Präsident fordert einen "weltanschaulichen Filter" für Filme und setzte einen Evangelikalen an die Spitze des staatlichen Filminstituts. Und streicht Kritikern die Gelder.

"Willst du leben oder sterben?", fragt der alte Mann in Bacurau, im abgelegenen Nordosten Brasiliens. Das Dorf ist plötzlich von der Landkarte verschwunden und seine Einwohner erleiden eine ebenso absurde, wie grausame Apokalypse: Särge stapeln sich und ausländische Jäger töten die Bewohner.

Als Genremischung aus Western, magischem Realismus und quasi dokumentarischen Elementen wurde der gleichnamige Film "Bacurau" - der Kampf der Dorfbewohner gegen die bewaffnete Macht von außen, seit seiner Uraufführung auf dem letzten Filmfestival in Cannes als eine Parabel auf die aktuellen politischen Zustände in Brasilien gesehen.

Filmschaffende von der Wahl Bolsonaros überrascht

Aber die Filmemacher wollen in ihrer ländlichen Dystopie auch die Wiederholung der Geschichten von Unterdrückung, sozialer Ungerechtigkeit und Widerstand darstellen, betont Kleber Mendonça Filho, einer der beiden Regisseure:

"Heute wird der Film im Allgemeinen so interpretiert, als ginge es um die Bolsonaro-Regierung. Aber wir müssen klarstellen, dass wir das Projekt über Jahre hinweg entwickelt haben. Noch als wir die Dreharbeiten beendeten, war die Vorstellung, dass Bolsonaro Präsident werden könnte, ein Witz."  

Mittlerweile ist vielen Filmschaffenden das Lachen vergangen. Eine besondere Liebe zur brasilianischen Kultur hat Jair Bolsonaro nie gezeigt. Nach seinem Amtsantritt am 1. Januar 2019 zerschlug er das Kulturministerium.

Heute wird die Abteilung Kultur von einem Staatssekretär geleitet und ist im Tourismusministerium angesiedelt. Aber der Posten wurde bereits zum vierten Mal vergeben. Zuletzt warf am 20. Mai die 73-jährige Telenovela-Darstellerin Regina Duarte das Handtuch.

Nationale Helden statt Pornographie

Bolsonaro habe keinen Bezug zur Kultur, sagt der brasilianische Schauspieler und Filmproduzent Sidney Martins. In Berlin organisiert er seit 15 Jahren Cinebrasil, ein Festival des afrobrasilianischen Films. Er sagt, unter Bolsonaros Vorgängerregierung, der Arbeiterpartei, habe der brasilianische Film dagegen eine wirkliche Blüte erlebt:

"Wir haben zehn Jahre lang so viele Filme produziert wie nie in unserer Geschichte. Ich spreche von 2002 bis 2012, 2013. Und wir hatten echt viel Förderung, diese Regierung hat uns mit viel Förderung unterstützt. Bolsonaro wollte alles, was die Linke geschaffen hat, zerstören."

Unter Bolsonaro wurde die staatliche Filmförderung für 2020 um fast die Hälfte gekürzt, und der Präsident forderte einen "weltanschaulichen Filter" für die Filmproduktion: Statt "Pornografie" sollen im Film "nationale Helden" dargestellt werden.

Evangelikaler leitet staatliches Filminstitut

In welche Richtung die weltanschauliche Neuorientierung des brasilianischen Films ging, wurde deutlich, als er im Februar an die Spitze des staatlichen Filminstituts Ancine einen evangelikalen Prediger und Fernsehmoderator setzte und an seine Seite die Leiterin des "Internationalen Festivals des christlichen Films".

Rechtsgerichtete Evangelikale gehören zur Machtbasis des Präsidenten. Filme über Schwule, Lesben und Transsexuelle stehen auf der schwarzen Liste ebenso wie die vermeintliche Blasphemie: So erregte etwa die Weihnachtssatire "Die erste Versuchung Christi" der Satire-Truppe Porta dos Fundos, in der ein schwuler Christus zu seinem 30. Geburtstag endlich seinen wirklichen Vater kennenlernt, den Protest christlicher Fundamentalisten.

Gegen Andersdenkende und Minderheiten

Die Ausstrahlung bei Netflix wurde zunächst verboten, das Verbot aber durch ein Gerichtsurteil wieder aufgehoben. Auch der kritische Umgang mit der Vergangenheit des Landes ist für die rechtsextreme Regierung ein rotes Tuch: der tägliche Rassismus seit der Abschaffung der Sklaverei 1899 oder die Opfer der langjährigen Militärdiktatur.

Die Filmpolitik unter Bolsonaro richtet sich gegen politisch Andersdenkende und Minderheiten, gegen kleine unabhängige Filmproduktionen, die auch auf noch so kleine Fördergelder angewiesen waren: "Und das hat vielen Filmschaffenden von den Favelas erlaubt, Filme zu produzieren - darunter viele kritische Filme. Und da hat er versucht, sofort diese Möglichkeit zu sperren", sagt Sidney Martins.

Verschweigen und unterdrücken

"Gott ist Brasilianer" hieß ein erfolgreicher brasilianischer Film aus dem Jahre 2003. "Das muss aber ziemlich lange her gewesen sein", sagt Sidney Martins nicht ohne Sarkasmus:

"Ich denke immer, dass der liebe Gott sehr, sehr enttäuscht mit den Brasilianern war, dass er auf einmal alles Schlechte auf uns geworfen hat: Wir haben eine schlechte Regierung und hinzukommt - nach einem Jahr und fünf Monaten - diese Pandemie, die alles zerstört. Selbstverständlich ist nicht alles, was jetzt in Brasilien passiert, die Schuld von dieser Regierung. Aber gegen die Situation zu kämpfen und dem Volk zu helfen und wirtschaftlich und kulturell die Brasilianer zu unterstützen – da macht diese Regierung gar nichts. Diese Regierung hat diese Pandemie unterschätzt - und diese Unterschätzung hat bis gestern 35.000 Tote gekostet."

Die Gesamtzahl der Pandemieopfer will die brasilianische Regierung in Zukunft nicht mehr veröffentlichen. Das Verschweigen, das Unterdrücken von unbeliebten Informationen charakterisiert auch die Kultur- und Filmpolitik Bolsonaros. Sie macht Feindbilder und Gegner aus, markiert, welche Filme nicht gemacht werden dürfen.

Die von der neuen Leitung des staatlichen Filminstituts angekündigten "Produktionen mit nationaler und evangelikaler Thematik" lassen noch auf sich warten. Aber das ist im Moment sicher der geringste Verlust für den brasilianischen Film.

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