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Studio 9 | Beitrag vom 22.04.2019

Bodensee-FriedensmarschGegen die Rüstungsproduktion im Ferienparadies

Von Thomas Wagner

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Hinter einem Transparent mit einer weißen Friedenstaube haben sich buntgekleidete Friedensaktivisten versammelt. (Deutschlandradio / Thomas Wagner)
800 Demonstranten liefen am Ostermontag von Konstanz nach Kreuzlingen, um für Frieden und Rüstungskonversion zu mobilisieren. (Deutschlandradio / Thomas Wagner)

Mowag, Airbus Defense and Space, Liebherr: Am Bodensee gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen für Militärtechnologie - mit insgesamt 7000 Beschäftigten, so Friedensaktivisten. Bis 2030 sollten die Firmen ihre Produktion umstellen, fordern die Demonstranten.

Das Ganze hat die Anmutung eines entspannten Ostermontags-Ausfluges: blauer Himmel, Sonne, lachende, entspannte Gesichter. Gut 800 Frauen und Männer aller Altersstufen spazieren durch den Konstanzer Stadtgarten, ein paar haben rhythmische Musikinstrumente mitgebracht. Doch dann, beim ersten Halt vor der riesigen Konzertmuschel, nur einen Steinwurf vom Bodensee entfernt, wird der Tonfall ernst, eigentlich schon zornig:

"Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde! Es ist eine Schweinerei, dass hier rund um den Bodensee so viele Waffenfabriken und Unternehmen und Konzerne, die Waffen herstellen, existieren. Das muss endlich aufhhören. Wir wollen, dass diese Waffen endlich vernichtet werden!"

Eine der größten Ferienlandschaften Süddeutschlands

Eine schlanke, eloquent wirkende Frau Ende 60 macht ihrem Ärger Luft: Lilo Rademacher, jahrelang hauptberuflich bei der IG Metall beschäftigt, ist nun im Ruhestand, gehört zu den Mitorganisatoren des "Bodensee-Friedensweges 2018". Rene Frigin aus Sipplingen, einer der Teilnehmer, gehört zu denen, die Beifall klatschen. Er hält ein riesiges Transparent in der Hand.

"Die Überschrift: Eine etwas andere Heimatkunde. Dargestellt ist, dass es rings um den Bodensee Rüstungsbetriebe gibt, ob das Drohnen, Panzer oder etcetera ist. Also, ich wohne schon lange am Bodensee. Das war mir so aber nicht bekannt."

Denn eigentlich gilt der Bodenseeraum als eine der größten Ferienlandschaften Süddeutschlands.

"Das ist ja das Frappierende. Also, ich finde, dieser Gegensatz, dass hier eigentlich eine starke Rüstungsindustrie ist, und auf der anderen Seite haben wir hier eine Ferienregion und eine wunderbare Landschaft, wo man das gar nicht meint, oder gar nicht weiß, und das ist vielleicht auch ganz gut, auch da drüber aufzuklären."

18 Unternehmen mit militärtechnologischem Hintergrund

Er ist an diesem Ostermontag an den Bodensee gekommen, um aus seiner Sicht aufzuklären: Jürgen Grässlin aus Freiburg, bekannter Rüstungsgegner und Sprecher der "Kampagne gegen Waffenhandel" - ihm gehen die Namen der großen Unternehmen, die Militärtechnologie produzieren, schnell über die Lippen: Mowag im schweizerischen Kreuzlingen stellt Panzer her, das Computerunternehmen aus Konstanz hat die Elektronik für den Leopard-Panzer entwickelt.

Dann wären da noch Airbus Defense and Space in Immenstaad, Rolls Royce Power-Systems / MTU in Friedrichshafen, Liebherr und etliche andere mehr - sowohl auf deutscher als auch auf schweizerischer Seite. Von 18 größeren Unternehmen mit militärtechnolgischem Hintergrund ist die Rede. Zwischen Konstanz, Friedrichshafen und Kreuzlingen arbeiteten nach Angaben der Veranstalter des "Bodensee-Friedensweges" rund 7000 Mitarbeiter in der Rüstungsindustrie.

"Ich finde, man darf die Leute nicht beschimpfen, die in Rüstungsbetrieben arbeiten", so die langjährige Gewerkschafterin und Mitorgansatorin Lilo Rademacher. "Aber man muss ihnen Wege aufzeigen, wenn sie mitmachen, dann gibt es auch ein Umsteuern. Das halte ich für ganz, ganz wichtig. Da müssen Friedensbewegung, Gewerkschafter und Unternehmen alle an einen Tisch."

Und an denselben Tisch gehört auch die Bundesregierung, fordert Friedensaktivist Jürgen Grässlin:

"Die Bundesregierung muss mithelfen, und das hat sie ja in geringem Umfang schon getan, aber sie muss einen Fonds einrichten für Rüstungsbetriebe, die umsteigen wollen, zeitlich befristete Finanzierung für einen Umstieg."

Die Forderung: bis 2030 soll umgestellt sein

Denn wer High-Tech für Panzer, Raketen und ähnliches hinbekomme, der könne auch andere - nach Ansicht Grässlins - nützlichere Dinge produzieren:

"Fertigung von Medizintechnik, Fertigung von zivilen Fahrzeugen, die in Not helfen, regenerative Energiequellen - es gibt so viel Tolles zu tun. Lasst uns diesen Weg gehen!"

Ein Weg, der allerdings durchaus ein langer werden könnte. Grässlin gibt sich beim Bodensee-Friedensweg in Konstanz optimistisch: Schwerter zu Pflugscharen, Panzer zu Krankenwagen - von heute auf morgen sind die hehren Ziele der Rüstungskonversion nicht zu stemmen. Zunächst müssten runde Tische eingerichtet werden mit Unternehmens- und Gewerkschaftsvertretern, mit Friedensaktivisten und Managern, auch mit Politikern. Das Jahr 2030 sei, so Grässlin, eine realistische Version für eine Bodenseeregion ganz ohne eine Industrie, die die einen als Rüstungs- und die anderen als Verteidungstechnolgie bezeichnen:

"Das ist die Zukunft des Bodensees: Rüstungskonversion - die Umstellung auf eine sinnvolle zivile, nachaltige Umwandlung von Rüstungsfertigung oder ehemals Rüstungsfertigung, jetzt zivile Fertigung."

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