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Tonart | Beitrag vom 22.06.2021

"Blue" von Joni Mitchell wird 50Ein Album entgegen den Spielregeln

Von Goetz Steeger

Schwarz-Weiß-Bild der kanadischen Sängerin und Musikerin Joni Mitchell, die bei einem Konzert mit der Gitarre auf der Bühne steht, vermutlich in den 1970er-Jahren. (picture alliance / Avalon / Retna / Michael Putland)
Vietnamkrieg, Revolution: Das waren die großen Themen der Gegenkultur um 1970. Gefühle oder Beziehungen in Songs zu verarbeiten, war suspekt. (picture alliance / Avalon / Retna / Michael Putland)

Die kanadische Musikerin Joni Mitchell war Anfang der 70er ein Star. Wie schonungslos sie auf ihrem Album "Blue" ihre Gefühle offenlegte, erschreckte zunächst viele. Nun wird das Album, das längst zu den wichtigsten der Popgeschichte zählt, 50 Jahre alt.

"Songs are like Tattoos": Songs sind wie Tätowierungen als Relikte einstiger Liebschaften, deren Anblick heute schmerzhaft an die gegenseitigen Verletzungen, an Eifersucht oder Verlust erinnert. Die erste Zeile des Titelsongs "Blue" fasst Toni Mitchells ganzes Album präzise zusammen.

Mitchells große Liebe mit Graham Nash lag 1971 in Scherben, das kalifornische Hippie-Idyll bekam immer mehr Risse, aber sie war ein Weltstar und eine wichtige Stimme der Woodstock-Generation. Genau das aber machte ihr Angst: Als Ikone angehimmelt zu werden, war das Letzte, was sie wollte. 2013 sagte sie in einem Interview für den kanadischen Sender CBC:

"Als mir klar wurde, wie viele Leute mich hören, dachte ich, die sollten wissen, mit wem sie es zu tun haben – und ich schrieb das Album 'Blue', das viele Leute abschreckte. Die Themen der Songs waren menschliche Belange. Aber die Leute fanden sich selbst nicht in den Songs wieder, und erst dann hat die Kommunikation tatsächlich stattgefunden."

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Der Vietnamkrieg, Revolution: Das waren die großen Themen der Gegenkultur um 1970. Gefühle oder Beziehungen in Songpoesie zu verarbeiten, um sie möglicherweise selbst besser verstehen zu können, wie Joni Mitchell das tat, war suspekt. Warum eigentlich?

"Weil es eben eine Männerwelt war! Kris Kristofferson meinte: ‚Joni, lass Dich selbst aus dem Spiel‘, Johnny Cash sagte: ‚Die Welt lastet auf deinen Schultern.‘ Alle schreckten zurück, weil es nicht den Spielregeln entsprach. Die lauteten: Sei überlebensgroß und gib nichts Menschliches preis. Ich frage mich: Warum?"

Neues Instrument: Appalachian Dulcimer

Der musikalische Reichtum von "Blue" braucht ebenfalls seine Zeit, um sich vollends zu entfalten. Vordergründig bleibt alles schön und harmonisch – steigt man näher ein, entdeckt man die Ecken und Reibungspunkte und vor allem die sublimen Kompositionen.

Bei einem Teil der Songs begleitete Joni Mitchell sich auf Piano oder Gitarre, neu war der Appalachian Dulcimer, das Zither-artige Folkinstrument, das man zum Spielen auf den Schoß legt.

Das Saiteninstrument Appalachian Dulcimer liegt auf einem Hocker. (imago / ZUMA Wire)Ein Appalachian Dulcimer, wie ihn Joni Mitchell gespielt haben könnte. (imago / ZUMA Wire)

Joni Mitchells Dulcimer hat vier Saiten, die alle auf denselben Ton gestimmt sind: eine tiefe, dann eine Doppelsaite in der Mitte und eine hohe. Drei offene und ein abgedämpfter Schlag, das ist ihr typischer Rhythmus, dazu Griffe auf den beiden äußeren Saiten, die mittleren resonieren immer mit, wie beispielsweise bei dem Song "All I Want".

Dieser Song ist wunderbar einfühlsam musiziert. Und ist Teil von Joni Mitchells Meilenstein "Blue" - einem Album, das kein bisschen von seinem Zauber verloren hat, im Gegenteil. Für den vollen Genuss sollte man es jedoch unbedingt ganz durchhören!

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