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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.03.2018

Blockchain im MusikvertriebKünstlerrechte stärken mit neuer Technologie

Von Gerhard Richter

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Computertaste mit der Aufschrift Blockchain (imago/Christian Ohde)
Durch Blockchain-Technologie sollen Künstler auch schneller zu ihrem Geld kommen. (imago/Christian Ohde)

CD, Download oder Streaming - mit Musik wird viel Geld verdient. Aber für die Künstler bleibt oft nur wenig. Den Weg zu gerechter Bezahlung und mehr Schutz des geistigen Eigentums soll nun die Blockchain-Technologie eröffnen.

Merkur, der geflügelte Bote. Eine Komposition des Engländers Gustav Holst. Hier in einer Einspielung des symphonischen Orchesters aus Tiflis, Georgien. Produzent ist Memo Rhein, ein Deutscher. Er ließ die Aufnahmen auf CD pressen und hat sie auf den Markt gebracht. Rhein hat aber bald bemerkt, dass andere seine Aufnahmen benutzen, ohne dafür zu bezahlen.

"Eines der am meisten piratisierten Produkte in Asien ist Klassik."

Die Piraten ändern den Orchesternamen, machen die Aufnahmen etwas schneller oder langsamer. Das macht es für Musik-Produzenten wie Rhein fast unmöglich zu beweisen, dass die Aufnahmen ihm gehören. Die Musikindustrie habe es verpasst, eine einheitliche Registrierung zu schaffen, wie eine Datenbank, in der alle Rechteinhaber hinterlegt sind, sagt Rhein. Stattdessen gibt es hunderte Datenbanken für Musikstücke, deren Daten sind aber nicht kompatibel, widersprechen sich oder sind lückenhaft.

"Wir sind 20 Jahre zurück, weil sich keiner wirklich darum gekümmert hat. Weil sie es alle so schludern lassen haben. Und da muss was passieren."

Ein digitales Wasserzeichen in der Musik

Rhein hat mit seiner Firma Cugate ein Wasserzeichen entwickelt, das wird den Songs "beigemischt". Man hört es nicht, aber man kann die Songs eindeutig identifizieren. So könne ein Produzent oder ein Musiker genau nachvollziehen, wo seine Musik gespielt, gestreamt oder heruntergeladen wird. Aber kaum jemand interessiert sich für diese Lösung. Marktbeherrschende Musikplattformen wie Spotify oder iTunes haben Verträge mit den Verwertungsgesellschaften wie Gema oder GVL, zahlen eine Pauschale für die Musiknutzung. Welcher Künstler was davon ausbezahlt bekommt, ist wenig transparent.

"Es kann zwischen 20 Cents bei 1000 Klicks sein und kann hochgehen zu 4, 5 bis zu 10 Euro pro 1000 Klicks. Aber Einblick haben wir keins da drin, deshalb muss es andersrum funktionieren."

Die britische Musikerin Imogen Heap hat so einen Andersrum-Weg ausprobiert. Ihren Song "Tiny Human" hat sie ins Netz zum Download gestellt. Bezahlen kann man ihn nur mit Ethereum, einer Kryptowährung, die auf Blockchain-Technologie basiert. Ethereum ist aber mehr als eine Währung. Imogen Heap kann die Daten ihres Songs in die Blockchain hineinschreiben kann. In einem sogenannten smart contract hat sie beispielsweise festgelegt, wer alles Geld bekommt. Sie als Komponistin und Interpretin bekommt 91,25 Prozent, ihre sieben Musiker kriegen je 1,25 Prozent. Bezahlt jemand in Ethereum für den Song, verteilt sich die Kryptowährung nach diesem Schlüssel sofort und ganz von selbst auf acht verschiedene Konten.

"Statt zu einer Plattenfirma oder einem Vertrieb zu gehen, oder direkt mit den Leuten von Spotify oder itunes Verträge zu schließen, die sich dann um meine Musik kümmern, zu ihren Bedingungen und zu ihren Gebühren, eröffnet Blockchain einen Raum, in dem der Künstler nicht am Ende der Nahrungskette steht. Wo nicht jede Menge Leute zuerst ihr Geld bekommen und viel, viel später dann die glücklichen Musiker."

Künstler warten oft lange auf ihr Geld

Tatsächlich warten Musiker oft ein Jahr oder länger auf die Ausschüttung von Gema oder GVL. Und dann wissen sie nicht genau, wofür. Wer die Songs wann gekauft, und wer sie wo und wann gespielt hat. Mit der Blockchain und den smart contracts, hofft Imogen Heap, kann sie dagegen sehr viel mehr über ihre Fans und Kunden erfahren.

"Wenn jemand in Krakau meinen Song spielt, sehe ich, wer das ist. Ich könnte ihm einen Tweet schicken, und sagen: `Danke, dass du mein Lied spielst. Und ruf an, wenn du ein Interview willst. ´ Ich kann eine Beziehung aufbauen. Das die Hauptsache, die ich bei der Musikindustrie vermisse, diese Kontakte zu haben, mein Netzwerk zu erweitern." 

Das Experiment mit dem Song "Tiny Human" war kommerziell nicht sehr erfolgreich. Der Bezahlvorgang mit der Kryptowährung Ethereum war vielen Fans offensichtlich zu neu, zu kompliziert, oder angesichts der Kursschwankungen zu unsicher. Aber die Blockchain gilt weiterhin als Hoffnung für Künstler. Auch die Europäische Union will die Verbindung von Musik und Blockchain im Rahmen des Juncker-Plans für strategisches Investment fördern. Die Rechte von Künstlern stärken, und gleichzeitig große Streamingdienste wie Spotify, Deezer oder SoundCloud unterstützen.

Die EU unterstützt die Ideen

"Weil Streaming-Music im Internet einer der wenigen Bereiche ist, wo europäische Unternehmen Weltmarktführer sind. Und weil Blockchain eine der wenigen Technologien ist, die ganz entscheidend aus Europa gekommen sind und auch zu einem entscheidenden Teil aus Mittweida in Sachsen, wo die ganze Ethereum-Welt ja geboren wurde. Das heißt, wo wir eine Erfahrung haben, über Europas kulturellen Pluralismus eine Prägung haben und deswegen speziellen Gestaltungsspielraum vor uns haben, den wir nutzen sollten."

Holm Keller leitet das EU-Projekt Music Now. Er hat schon begonnen internationale Experten zu vernetzen: Das Fraunhofer Institut für digitale Medientechnologie in Ilmenau, das schon das mp3 entwickelt hat. Das Jožef Stefan Institute aus Slowenien, Mycelia, ein think tank von Imogen Heap und Firmen, die bisher schon nach neuen Wegen digitaler Musiknutzung suchen. Die Europäische Investitionsbank stellt Geld zur Verfügung, bietet Bürgschaften auch für kleinere Firmen oder Startups, die sich mit Musik und Blockchain beschäftigen. Europa, die Wiege des Urheberrechts will weiter die Nase vorn haben.

"Das ist neu, dass ich quasi nicht nur sehe, wow! das ist letzte Woche mit meinem Zeug passiert, sondern dass das eine Basis für eine faire und transparente Kompensation für meine Arbeit als Künstler gilt. Und da haben wir eine Riesenchance!"

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