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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.01.2015

Blinde Musikerinnen in ÄgyptenKlänge des Lichts und der Hoffnung

Von Elisabeth Lehmann

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Die Stadt Kairo im Sonnenuntergang. (Imago / Xinhua)
In der "Schule des Lichts und der Hoffnung" in Kairo lernen blinde Mädchen nicht nur fürs Leben, sondern auch für ihr Orchester. (Imago / Xinhua)

Seit über 50 Jahren gibt es die "Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung", eine Schule für blinde Mädchen in Kairo. Die Schule hat ein renommiertes Sinfonieorchester, aber seit der Revolution 2011 bleiben die Spendengelder aus. Dabei ist das Orchester für die Mädchen extrem wichtig zur Persönlichkeitsbildung.

Ali Osman gibt mit einem Holzstock den Takt vor, die 40 Frauen im Raum nehmen ihre Instrumente auf und geben sich vollkommen der Musik hin.

Osman, ein rundlicher Mann mit randloser Brille und offenem Blick, lässt sich in seinen Ledersessel fallen, der am Kopf des Saals steht. Mit dem Finger verfolgt er das Spiel der Frauen in einer Partitur vor sich auf dem Tisch.

Osman muss jede einzelne Note im Blick haben, denn er ist der einzige im Saal, der sehen kann. Die Musikerinnen selbst sind blind. Seit 25 Jahren leitet Osman das Orchester des Lichts und der Hoffnung nun schon. Trotzdem ist er immer wieder fasziniert vom Können der Frauen:

"Sie haben ein unglaubliches Gedächtnis. Das ist ein Geschenk Gottes. Sie merken sich nicht nur die Noten, sondern auch die Dynamik, die Ausdrucksweise und schaffen es, alles untereinander abzustimmen."

Etwa 30 Werke hat jede Musikerin im Kopf. Heute soll ein neues dazu kommen. Doch die Bläserinnen haben noch Probleme bei den gemeinsamen Einsätzen.

Frau: "Müssen wir nach der Zwei einsteigen, nach dem Cello?"
Osman: "Nein, eher auf der Drei. Auf Re, genau auf Re..."
Frau: "Refala, wir steigen also auf dem dritten Re ein?"
Osman: "Nein, doch eher auf dem vierten ..."
Frau: "Okay".

Sie wollen das Stück demnächst in einem Kairoer Studentenclub zum ersten Mal aufführen. Nicht die Lieblingsbühne der Frauen, aber im Moment seien sie auf jeden Auftritt angewiesen, sagt Amal Fikry. Die alte Dame kümmert sich seit über 40 Jahren um die Öffentlichkeitsarbeit des Orchesters.

Die Kassen des Orchesters sind fast leer. Die Musikerinnen bekommen für jede Probe und jeden Auftritt Geld. Bisher hat sich das Orchester hauptsächlich durch Spenden und Sponsoren finanziert. Doch seit den politischen Umstürzen im Land geben die Menschen kaum noch Geld für Kultur aus.

Fikry hat ihr Büro gleich neben dem Probenraum. An den Wänden hängen große, gerahmte Fotos. Sie zeigen die Erfolge des Orchesters. Australien, Kanada, Malta, Deutschland – die Frauen haben schon auf allen Kontinenten gespielt.

Seit 53 Jahren gibt es das Orchester – das Herzstück der "Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung".

Amal Fikry: "In den frühen 1950er-Jahren haben die UNESCO und die ägyptische Regierung beschlossen, eine Organisation für die Ausbildung blinder Jungen zu gründen. Und da gab es dann eine Gruppe von Frauen, die für den Roten Halbmond gearbeitet haben. Und die haben gesagt: Wenn die Regierung so ein Projekt zusammen mit der UNESCO für Jungen startet, dann sollten wir das auch für Mädchen machen. Und so haben sie 1954 die Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung ins Leben gerufen, als erste ihrer Art im Nahen Osten damals."

Morgens Schule, nachmittags Instrumentalunterricht

 

Junge blinde Frauen lernen in der Schule der "Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung" in Kairo Körbe flechten. (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)Junge blinde Frauen lernen in der Schule der "Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung" in Kairo Körbe flechten. (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)

Blinde Mädchen aus ganz Ägypten gehen hier zur Schule. 300 sind es mittlerweile. Morgens lernen sie Mathe, Englisch und Geschichte. Am Nachmittag warten die Musiklehrer. Die Mädchen können sich schon in der Grundschule ein Instrument aussuchen, das sie lernen möchten.

So zieht sich das Orchester seinen eigenen Nachwuchs heran, mittlerweile schon die dritte Generation. Seit 1972 tritt das Orchester des Lichts und der Hoffnung öffentlich auf. Und noch nie war es so schwer wie im Moment.

Amal Fikry: "Natürlich hilft uns die Regierung, aber nur zu einem sehr kleinen Teil. Vor der Revolution hatten wir nicht so große Probleme, denn wir hatten viele Sponsoren. Aber nach der Revolution wurde es immer schwieriger, Spender zu finden. Vor allem seit die Menschen ihr Geld in die großen nationalen Projekte wie den neuen Suezkanal investieren, haben wohltätige Organisationen wie wir große Probleme. Das letzte Jahr war das schwierigste seit der Gründung."

Rückblick: Im Januar 2011 gehen Millionen Ägypter auf die Straße und fordern den Rücktritt von Langzeitpräsident Hosni Mubarak. 30 Jahre hat er das Land regiert, Anfang Februar 2011 gibt er dem Druck der Menge schließlich nach und verlässt den Präsidentenpalast.

Die Demonstranten wähnen sich am Ziel, doch seitdem kommt Ägypten nicht wieder zur Ruhe. Tausende sind durch die Unruhen der vergangenen vier Jahre gestorben. Die Wirtschaft liegt am Boden. Touristen, über Jahrzehnte die Haupteinnahmequelle für Ägypten, meiden das Land seitdem.

Shaima Yehia: "Vor zwei Jahren habe ich mal gehört, dass es drei Millionen Blinde in Ägypten gibt, aber ich bin nicht sicher. Aber nach der Revolution ist die Zahl angestiegen, denn viele Leute haben ihre Augen verloren. Leider. Wir sind also jetzt mehr."

Mit Galgenhumor gegen die Resignation

Galgenhumor hilft Shaima Yehia die Ereignisse in ihrem Land besser zu ertragen. Shaima ist von Geburt an blind. Sie ist in der "Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung" zur Schule gegangen und unterrichtet nun English hier. In ihrer Freizeit spielt sie Violine im Orchester.

Shaima ist 30, hat also den Großteil ihres Lebens unter Mubarak verbracht und sich nach Veränderung gesehnt. Doch nun sieht sie, dass sich die Ägypter mit dem neuen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi einen General mit diktatorischem Regierungsstil an die Spitze des Staates gewählt haben. Das frustriert die Lehrerin.

Wie viele andere junge Ägypter hat sie – was die große Politik betrifft - resigniert. Sie konzentriert sich lieber darauf, im Kleinen – bei ihren Schülern - etwas auszurichten.

Shaima: "Ich kann das Sandwich nicht essen, denn es ist?"
Jasmin: "Salty."
Shaima: "Sehr gut. Salty. Was ist die Bedeutung von salty?"
Jasmin: "Salzig."
Shaima: "Bravo."

Jasmin ist in der achten Klasse. Sie steht vor einer wichtigen Klausur. Shaima Yehia geht noch einmal die Prüfungsaufgaben mit ihr durch. Die junge Frau sitzt dem Mädchen gegenüber und führt mit der rechten Hand den Zeigefinger ihrer Schülerin über das weiße Papier, das mit kleinen Löchern übersät ist. Ein Englischlehrbuch in Blindenschrift.

"Wenn ich ehrlich bin, ist die Herausforderung, dass ich nicht nur Lehrerin bin an dieser Schule. Hier bin ich Lehrerin, Freundin, Mutter, ich bin alles für die Mädchen."

Jede Schülerin braucht individuelle Zuwendung. Wenn die Mädchen in die Schule kommen, müssen sie lernen, wie man Braille, die Blindenschrift liest, wie man das Papier richtig in die Schablone einsetzt und den Stichel hält, um damit zu schreiben.

Shaima sieht ihre Aufgabe aber vor allem auch darin, die Mädchen mental zu stärken. Damit sie später in der Welt draußen bestehen können.

"Ich habe das Gefühl, dass ich hier wirklich etwas ausrichten kann. Denn manchmal zerstören Familien ihre Kinder, wenn es niemanden wie uns hier in der Schule gibt, der die Probleme von blinden Menschen versteht. Ich habe das Gefühl, dass ich wirklich existiere. Ich tue etwas und ich habe eine Aufgabe in dieser Gesellschaft."

Integration von Behinderten ist nicht selbstverständlich

Viele der Musikerinnen – wie Shaima - arbeiten außerhalb des Orchesters. In Ägypten ist das keineswegs selbstverständlich. Behinderte in den Alltag zu integrieren, ist nicht üblich. Familien sind oft vollkommen überfordert mit ihrem blinden Kind und isolieren es von der Gesellschaft.

Nahla und Marwa Elbakry hatten Glück. Ihre Eltern mussten damit klarkommen, dass beide Töchter blind sind, haben ihr Schicksal akzeptiert und die beiden Mädchen zu selbstständigen Frauen erzogen.

Metrostation Ramsis im Zentrum Kairos. Es ist 17:30 Uhr. Berufsverkehr. Hunderte von Menschen drängen sich an der Bahnsteigkante, als der Zug einfährt. Nahla wartet im Abschnitt, der nur für Frauen reserviert ist. Die Zugtüren öffnen sich, Massen von Frauen versuchen gleichzeitig ein- und auszusteigen. Wer nicht schiebt, kommt nicht in den Wagon. Nahla fügt sich einfach dem Fluss. Sie hat sich daran gewöhnt.

Jeden Tag fährt die 26-Jährige mit Metro und Microbus zu ihrer Arbeit bei einer Gewerkschaft. Etwa eine Stunde ist sie unterwegs. Schon als Sehender ist man im Kairoer Stadtverkehr oft überfordert. Straßen zu überqueren, scheint manchmal vollkommen unmöglich zu sein.

Nahla Elbakry: "In solchen Situationen bin ich auf andere Menschen angewiesen. Ich frage dann einfach jemanden, ob er mir über die Straße helfen kann. Und die Ägypter sind da wirklich extrem hilfsbereit. Manchmal sprechen mich Menschen auch von alleine an oder ändern sogar ihre Route, nur um mir zu helfen."

In der Metro hilft sich Nahla mit kleinen Eselsbrücken.

"Wenn ich zum Beispiel von der Arbeit zur Probe fahre, sind es elf Stationen mit der Metro. Manchmal vergesse ich, mitzuzählen. Aber ich weiß zum Beispiel, dass bei Saray El Kobra die Türen auf beiden Seiten aufgehen. Und ich höre, dass es dort drei Gleise gibt, eines, wo die Züge einfahren, eines, von dem sie abfahren und ein Notgleis. Wenn wir an der Haltestelle sind, weiß ich also, dass ich die übernächste aussteigen muss."

Ihr exzellentes Gehör hat Nahla dabei geholfen, Geige spielen zu lernen. Auch ihre große Schwester Marwa spielt Geige im Orchester. Die beiden sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Sie tragen das Kopftuch klassisch streng um Hals und Schultern, sind groß, lachen viel und herzlich.

"Ich habe als Kind angefangen Geige zu spielen, weil der Lehrer so nett war und weil meine Schwester Marwa damals mein großes Vorbild war. Und sie hat nun einmal Geige gespielt. Also, wollte ich das auch unbedingt machen."

Beide sind in der Gesellschaft des Lichts und der Hoffnung zur Schule gegangen, haben hier ihr Abitur gemacht und danach an einer staatlichen Uni studiert, zusammen mit Sehenden. Ein Stück Normalität, das sie sich hart erkämpfen mussten, sagt die ältere Schwester Marwa:

"Die meisten denken, dass wir nicht selbstständig leben können. Erst wenn die Menschen sehen, wie wir uns bewegen in der Stadt und so, fangen sie an, anders auf uns und auf Blinde allgemein zu schauen. Sie realisieren, dass ihre Stereotype über Blinde nicht stimmen und nicht alle Blinden gleich sind."

Spielen im Orchester gibt Selbstvertrauen

Nahla, die kleine Schwester, nickt zustimmend und ergänzt, dass es vor allem das Spielen im Orchester gewesen sei, das ihnen viel Selbstvertrauen gegeben habe:

"Der größte Wert des Orchesters für mich ist der Zusammenhalt. Wir haben gelernt, im Team zu arbeiten, in dem niemand wichtiger oder weniger wichtig ist. Egal, ob du ein Melodieinstrument oder ein Rhythmusinstrument spielst, nur zusammen funktioniert es. Und das ist ja auch die Grundlage unseres Lebens."

Die Schwestern müssen zur Probe. Die letzte vor dem Auftritt im Studentenclub. Die Frauen schauen mit gemischten Gefühlen auf das Konzert, sagt Orchestersprecherin Amal Fikry.

"Das Publikum in Ägypten versteht klassische Musik nicht wirklich. Im Westen ist das anders. Die Menschen bei uns bevorzugen Volksmusik, die sie kennen. Und wenn die Mädchen vor den Studenten spielen, sind sie danach enttäuscht, weil die Menschen die Musik nicht zu schätzen wissen."

Der Tag des Konzerts. Eine dunkle Halle am Ufer des Nils. Draußen dröhnen die Party-Boote und beschallen das Ufer mit ägyptischer Volksmusik. Drinnen warten die Frauen auf der kleinen Bühne auf ihren Auftritt. Ihre weißen Kopftücher mit Goldrand glänzen im Scheinwerferlicht. Der Kontrast könnte nicht größer sein.

Der Saal ist nur zu einem Drittel gefüllt. Die meisten Besucher gehören zum Umfeld des Orchesters. Die Akustik ist schlecht.

Die Frauen lassen sich durch all das nicht irritieren. Sie lauschen wie schon in der Probe dem Takt, den Ali Osman vorgibt, und geben sich dann für knapp zwei Stunden vollkommen der Musik hin.

Entgegen aller Befürchtungen ist es ein dankbares Publikum an diesem Abend. Die wenigen Studenten, die gekommen sind, sind tief beeindruckt.

Menna Mohammed: "Ich persönlich mag solche Konzerte sehr gerne und ich habe großen Respekt davor, was die Mädchen können. Aber vielleicht ist es nicht die richtige Zeit für so ein Konzert."

Mustafa Ahmed: "Diese Art von Musik ist nicht besonders populär in Ägypten. Aber sie verbreitet sich hoffentlich und mit der Zeit werden die Menschen die Sprache dieser Musik besser verstehen. Ich hoffe sehr, dass die Menschen dann solche Konzerte öfter besuchen."

Es sind schwere Zeiten für "Das Orchester des Lichts und der Hoffnung" – so wie für ganz Ägypten. Die Frauen versuchen sie zu überstehen. Ihr größtes Pfand dabei ist ihr Ruf. Sie sind ein Orchester von Weltrang – und das alles ohne Dirigent und ohne eine einzige Note zu sehen. 

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