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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.09.2007

Blicke hinter den Vorhang

Kader Abdolah: "Das Haus an der Moschee", Claasen Verlag, Berlin 2007, 416 Seiten

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Demonstrantinnen in Isfahan im Iran (AP)
Demonstrantinnen in Isfahan im Iran (AP)

Der Schriftsteller Kader Abdolah hat den Iran wegen politischer Verfolgung verlassen und lebt seit 1988 in den Niederlanden. Seinen fünften Roman hat er ganz bewusst für westliche Leser geschrieben. Abdolah schildert darin anhand der Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, den Einbruch des Politischen ins Private und die Perversion von Religion zu politischen Zwecken.

Kader Abdolah breitet Erinnerungen an eine unwiederbringlich vergangene Zeit aus, als die Zukunft Irans noch unentschieden schien und der Widerstand gegen den Schah nicht dominiert war von religiösen Kräften. Er lässt die untergegangene Welt einer frommen Familie von Notabeln entstehen, deren Haus an der Moschee jahrhundertelang nach ähnlichen Regeln und Rhythmen und mit festen Hierarchien geführt wurde. Heimliche Affären, Geburten, Pilgerfahrt und Feste strukturieren den Alltag. Noch ist das Fernsehen des Teufels und der blinde Muezzin kann nur heimlich Radio hören.

Seit 800 Jahren stellt das Haus den Imam, organisiert ein fest im Weltlichen verankertes geistliches Leben. Agha Djan, Teppichhändler, Herr des Hauses und des Basars, trägt die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Tradition. Immer häufiger stellt er fest, wie sehr der vom Schah forcierte Fortschritt die Welt um ihn herum verändert. Auch sein Bruder in Teheran geht eigene Wege und entzieht sich der Kontrolle durch die Großfamilie.

Allmählich dringen die Geschehnisse draußen in den geschützten und überschaubaren Kosmos des Hauses. Ein Schwiegersohn aus dem religiösen Zentrum Qom vertritt die Linie der Ayatollahs und lauert nur darauf, die Kanzel "als Geschütz" einzusetzen. Er mobilisiert gegen eine Kinoeröffnung und muss schließlich fliehen, weil Spitzel und Geheimdienst ein engmaschiges Netz über das Land gelegt haben. Dem Familienoberhaupt Agha Djan wird dabei klar, dass die alten Loyalitäten, die bisher üblichen Methoden, Konflikte zu lösen, nicht mehr gelten.

Mit dem neuen Imam häufen sich die Schwierigkeiten, denn er liebt die Frauen zu sehr und ist Opium abhängig, was der Geheimdienst zur Erpressung nutzt. Die alte Ordnung bröckelt endgültig. Einer der Jungen gehört zur studentischen Opposition, die Witwe des verstorbenen Imams agitiert für die Mullahs, der flüchtige Schwiegersohn Galgal ist Ayatollah Chomeni in die irakische Verbannung gefolgt und begleitet ihn nach Paris. Dort startet die mediale Offensive im Vorfeld der iranischen Revolution.

Der Familienroman erhält nun die Dimension eines politischen und historischen Romans, doch Protagonisten - Täter und Opfer - bleiben die Menschen aus dem Haus an der Moschee. In eindrücklichen Szenen stellt Kader Abdolah die Revolution der Mullahs dar, ihre blutrünstige Willkür, ihr paranoides Schreckenssystem und die Auswirkungen in einem unkalkulierbar gewordenen Alltag. Selbst Schahbal, der Neffe Agha Djans, der die Geschichte des Hauses erzählen wird, greift zum Revolver und bringt unter anderem den nach Afghanistan weiter gezogenen Galgal, den einstigen Schergen und Chef-Schlächter Chomenis um.

Erst die neue Sprache im Exil gibt ihm die Möglichkeit zur Distanzierung ebenso wie zur Annäherung. Nur so kann er die leidvollen Geschichten des Hauses erzählen und dabei auch die großzügigen Charaktere, die menschlich geblieben sind in all dem Wahn, würdigen.
Zu keinem Zeitpunkt lässt Kader Abdolah Zweifel darüber aufkommen, dass die politische Indienstnahme von Religion die Hölle auf Erden schafft: ein schockierendes, ein berührendes Buch.

Rezensiert von Barbara Wahlster

Kader Abdolah: Das Haus an der Moschee
Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby
Claasen Verlag
416 Seiten, 19,90 Euro

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