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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.12.2014

Blick zurück"Hier waren mehr Westler als Ostler"

40 Jahre DDR-Alltag, Teil 1: Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte

Von Dieter Bub

Blick auf den Eingang von Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)
Blick auf den Eingang von Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)

"Clärchens Ballhaus", kurz: "Cläre", war zu DDR-Zeiten das große Vergnügen für kleines Geld. Ein Ball der Einsamen Herzen, ein Vergnügen für alle, die sich zu benehmen wussten. Beliebt bei Witwen, Geschiedenen und vielen Gästen aus Westberlin.

Freitagabend 19:30 Uhr. Seit über einer Stunde kommen die Gäste in "Clärchens Ballhaus" – fast alle Tische sind schon besetzt. Auf der Tanzfläche werden südamerikanische Tänze geübt. "Vorwärts, seitwärts und – zurück!"

Ich bin mit Herrn Schmidtke verabredet, der, wie ich weiß, nicht mit "Sie" oder mit "Herr" angesprochen werden möchte.

"Ick bin der alte Günther oder Keule, so werd' ich genannt. Der Chef sacht zu mir 'Der Alte' und die janzen Gäste, die Stammgäste, die mich kennen, die sahren 'Keule' zu mir und Frauen: 'Günther'. Dit Wort 'Keule' könn' die nich ab."

Schmidtke ist "noch immer da", wie er sagt: "Bis ick mitm Arsch nach oben lieje". Ich habe ihn sofort wieder erkannt – nach über 30 Jahren. Damals war ich ein paarmal mit Freunden ins "Clärchen" gegangen, die einzigartige Atmosphäre zu erleben: ein Ost-West-Treffpunkt in Ostberlin.

Keule hat 1967 angefangen. Da war er nebenbei noch Kipperfahrer. Zuerst hat er nach der Schicht bei Clärchen Reparaturen gemacht. Früher, als Handwerker schwer zu bekommen waren, hat das alles Opa Günther gemacht. Seine Frau, seine Mutter, sein Bruder – damals waren sie acht aus der Familie, jetzt sind es noch vier.

Keule stand schon bald hinter der Garderobe und hat manchen Krakeeler unsanft vor die Tür befördert. Oft hat er auch als Kellner gearbeitet. Fast seine ganze Familie war damals hier beschäftigt. Sie waren acht, seine Mutter, seine Frau, sein Bruder und dann auch die Kinder. Heute sind es noch vier aus seinem Clan. Er gehört mit bald 81 noch immer zum Personal – Maskottchen und elder statesmann, Senior-Empfangsdirektor, beredter Zeitzeuge und jeden Abend in seinem großen Wohnzimmer. Mit Politik hatte er nie was am Hut. Es war ihm egal, ob da ein Kaiser, der Hitler, der Ulbricht regiert hat. Oder der Honecker.

"Hier waren mehr Westler als Ostler. Die Kellner ham jesehn: Ach, der is ausm Westen. Die war'n alle scharf auf das Westjeld. Wat ick ja nich schön fand. Die Kellner hatten ein Blick: Das waren Wessis, die wurden besonders bedient, weil die mit Jeld rumjeschmissen ham, wat so eener von hier ja nich so jemacht hat. Das war ja billich. Hier hat een Bier früher jekost 50 Pfennje Ost. Mit n Zwanzigpfennichstück biste den janzen Tach mit der U-Bahn oder Straßenbahn durch Berlin jefahrn. Das war allet spottbillich. Die ham nen Zehner umjetauscht, da hattense fünfzig Ostmark. Da konntense fünf Flaschen Wein, fünf Flaschen Sekt saufen und zehn Bier und drei Bockwürschte essen, da hattense immer noch wat übrich."

Ausjereist, einjereist, zack, war' se wieder hier

In den Westen wär er nie gegangen. Viele von den Wessis haben angegeben und die große Show abgezogen. Konnte ja keiner überprüfen, wie sie in Westberlin gelebt haben. Später hat Keule einen von denen drüben mal besucht – "Nischt dahinter", sagt er. Alles auf Abzahlung.

Hochachtung hatte Keule vor Gästen, die ursprünglich nicht in Westberlin zu Hause waren.

"Damals die Türken, die in den Siebziger Jahrn jekomm sind, die waren so. Ihre Enkel kannste heutzutage vajessen, aber die alten Türken, die hier kamen, die kaum Deutsch sprachen, waren jut anjezoren, ham sich benomm'. Allerdings warn se alle scharf auf dicke blonde Weiber. Nach der Wende war ick mal drübn. Ick hab een jetroffen- in der Herrmannstraße: n hübscher Kerl so alles. Is mit eener jelofen, zujebunden. N Mantel bis an die Knöchel. So ein Arsch. Der hat bloß immer so jemacht zu mir. Ich soll ihn nich ansprechen. Mipm Finger vorn Mund. Det war seine Frau. Ick dachte, is seine Urgroßmutter. Und der hat hier aber so richtig auf King jemacht und so."

Die Türken brachten immer Geschenke mit: Seidenstrümpfe, Lippenstifte, Parfüm, Apfelsinen, Bananen. Sie ließen es sich gut gehen, trotz Aufenthaltsbeschränkungen bis Mitternacht, die sie für sich einfach außer Kraft setzten.

"Dann hatten se Privattaxis. Bis Friedrichstraße sind se ausjereist, einjereist, normal, zack, war'n se wieder hier. Ja, zwölfe mussten se drüben sein, halb eins warn se wieder hier."

Dann ging´s weiter bis früh um drei und danach privat. Meist blieb es nicht beim Flirt, sondern daraus wurden muslimisch–sozialistische Affären.

"Die eene, die hat hier vermietet an Bauarbeter, Erich seine Bauarbeter, ne jrosse Wohnung jehabt, die hatn Türken jeheiratet. Vierzehn Tage in der Türkei, zack, warse wieder hier. Is se abjehaun. Is se wieder einjereist hier."

Jeld verdienen und nich tanzen

Die Tanzpartnerinnen waren damals fast alle schon um 40, unter ihnen viele Witwen. Es gab auch Jüngere.

"Aber keene Nutten. Das hieß zwar im Westen, hier, ja. Aber das stimmt nicht Die Nutten warn in der Oranienburger Straße. Jetzt sowieso. Die wollen Jeld verdienen und nich tanzen. So ein Blödsinn. Dat war verrufen. Dat stimmte aber nich."

Anfang der siebziger kam man nur mit Schlips und Kragen rein. Schlips konnte man sich auch zu Beginn der Achtziger noch ausleihen. Aufenthalt an der Theke war verboten. Außer für die Typen von der Stasi mit der Ost-Limo oder Ost-Cola. Sie standen an der Bar. Nach drei Musiktiteln war Pause, damit die Kellner neue Bestellungen entgegennehmen konnten. Auf der kleinen Bühne spielte eine Drei-Mann–Kapelle, wie Keule sagt, „olle Kamellen". 'Wat anderes hätten die och gar nich gekonnt.´ Die Puhdys - das ging gerade noch.

Zu den Hits der sechziger bis in die achtziger Jahre gehörte der Schneewalzer, der auf Wunsch immer wiederholt wurde.

"Ach, die alten Witwen sind dann hier herumjeschwebt. Am Rande rum, damit sie och alle jesehn wern. Ach, hör uff. War langweilig. Jetzt is die Hölle hier."

Alte Zeiten: Clärchens Ballhaus, der Ost-West-Treff. Herr Schmidtke alias Keule trauert ihnen nicht nach.

"Hier is eigentlich immer die Hölle los. Sonnabend, das war die Oberhölle. Die ham so jestanden ab elfe, halb zwölfe. Um elfe fängt die Band an, die jute. Die ham jestanden in achter oder zehner Reihen vorn am Bürgersteig, das sind 30 Meter. Da noch hunderte die rin wollten. Jing jar kener mehr rin."

Nachtrag: Meine Hoffnung, mit einem der türkischen Gäste von damals sprechen zu können, war naiv. Es gibt sie noch, ich war ihnen auf den Fersen, fand eine Frau, die sich an die Ost-Eskapaden ihrer Landsleute erinnert. Aber wie konnte ich erwarten, sie, verheiratete Großväter, würden heute von der Liebschaft zu einer Ungläubigen vor langer Zeit erzählen?

 

 

Der Publizist und Buchautor Dieter Bub. (Privat)Der Publizist und Buchautor Dieter Bub. (Privat)

Dieter Bub, Hörfunk-, Fernseh- und Printjournalist. Er war von 1979 bis zu seiner Ausweisung 1983 Korrespondent des „Stern" in der DDR. Heute lebt er in der Uckermark. In Zeitfragen Kultur und Geschichte erzählt er deutsch-deutsche Geschichten – Alltägliches, Kurioses, Abenteuerliches aus der Zeit vor und nach 1989.

 

  

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