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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2006

Blanker Bezirkspatriotismus

Gernot Jochheim porträtiert den Berliner Alexanderplatz

Rezensiert von Nikolaus Bernau

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Der Schatten des Fernsehturms an einem Gebäude des Platzes. (AP)
Der Schatten des Fernsehturms an einem Gebäude des Platzes. (AP)

Der Platz war nie schön, er war zwar berühmt, aber nicht politisch relevant: Der Berliner Alexanderplatz ist bis heute das Symbol für das kleinbürgerliche, etwas piefige, herzhafte und auch aggressive, aber ebenfalls sehr großstädtische Berlin. Der Autor Gernot Jochheim versucht in seinem Buch "Der Berliner Alexanderplatz" allerdings beständig, den Platz wichtiger zu machen, als er war.

Man fragt sich: warum eigentlich wird gerade über diesen Platz so viel geredet?
Ich denke, das hat zwei wesentliche Gründe, und das sind dann auch gleich die beiden großen Anker, an denen sich dies Buch festhält: Erstens die Erinnerung an die 20er Jahre, als dieser Platz zu einem Weltplatz ausgebaut werden sollte - bis in die Werbung für den Frauenbildungsverein Lette ging damals die Wirkung des Wettbewerbs von 1929, wenn ein schlankes, rankes, modernes Berliner Girl vor den rasanten Stromlinienfassaden des Entwurfs der Gebrüder Luckhardt für den Alexanderplatz abgebildet wird. Zweitens ist der Alexanderplatz bis heute das Symbol dafür, dass es nicht nur das mondäne, weltbürgerliche Berlin gibt, sondern auch das kleinbürgerliche, etwas piefige, herzhafte und auch aggressive, aber ebenfalls sehr großstädtische Berlin. Das vor allem wurde ja in dem Roman von Alfred Döblin gefeiert, und das Kaufhaus, das am Mittwoch eröffnet, sowie seine Vorgänger der Firma Hermann Tietz haben in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik eben von dieser Klientel gelebt.

Im Grunde hat der Alexanderplatz keine Geschichte, die ihn vergleichbar macht mit den anderen großen Geschichtsorten Berlins, dem Lustgarten, dem Potsdamer Platz oder dem Platz der Republik.

Der Platz lag ja bis weit ins 19. Jahrhundert sozusagen vor den Toren. 1805 erst wurde der einstige Ochsenmarkt umbenannt in Alexanderplatz, als Kaiser Alexander I. von Russland hier in die Stadt einzog, durch das Königstor, das ziemlich genau da stand, wo sich heute die Straßenbahndurchfahrt unter dem Bahnhof Alexanderplatz befindet. Auch die Revolution von 1848 hat am Alexanderplatz nur eine Nebenrolle gespielt, obwohl es seit einigen Jahren sogar ein kleines Denkmal für eine Barrikade gibt, die hier die königlichen Truppen aufhalten sollte. Und auch wenn hier 1919 die Leichen von Rosa-Luxemburg und Karl Liebknecht im Lehrerhaus aufgebahrt wurden und 1920 einige Aktionen gegen den Kapp-Putsch stattfanden: Der wirklich größte historische Moment des Platzes war zweifellos der 5. Oktober 1989, als sich hier eine halbe Millionen DDR-Bürger versammelten, um das Ende der Alleinherrschaft von SED und Stasi zu fordern und die Reform des sozialistischen Staates - eine Forderung, die sich ja dann fünf Tage später quasi von selbst erledigte.

Und von einem schönen Platz konnte nie die Rede sein - derzeit ist er ja eine Riesenbaustelle, bis vor kurzem glaubte mancher, hier schon sibirische Winde hören zu können.

Dass der Platz kein architektonisches Juwel ist und war kann man auf den vielen guten Fotos, von denen manche selbst Berlin-Kennern unbekannt sein dürften, sehen. Der Platz war immer eher eine Art Verkehrsumschlagsort für die in die Stadt kommenden Arbeiter und Angestellten aus den östlichen und nördlichen Vororten - und das ist er im gewissen Sinn bis heute geblieben. Deswegen ist das architektonische Highlight des Platzes auch unterirdisch zu finden, die großartige U-Bahnhofanlage von Alfred Grenander aus den zwanziger Jahren – sie wird leider viel zu wenig von den Berlin-Touristen wahrgenommen. Oberirdisch aber hatte der Alexanderplatz lange keine wirklich angemessene architektonische Form – erst zu DDR-Zeiten wurde er umfangreich neu gebaut als Symbol der Modernität des Arbeiter- und Bauernstaates. Es hat schon seine Ironie, dass nun ausgerechnet durch den Kaufhaus-Umbau die bisherige ästhetische Einheitlichkeit des DDR-Alexanderplatzes wieder aufgelöst wird in jene Vielstimmigkeit, die früher immer so scharf kritisiert worden war.

Der Platz war nie schön, er war zwar berühmt, aber nicht politisch relevant, und welcher Historiker beschäftigt sich schon gerne mit einkaufenden Kleinbürgern? Auch dies Buch leidet im gewissen Sinn unter dem Vorurteil, denn der Autor Gernot Jochheim versucht beständig, den Platz wichtiger zu machen, als er war. Das Herz von Berlin schlug hier nicht, und bedeutend waren nur die wenigsten der Häuser, die an den Fronten des Platzes stehen. Und das "multikulturelle" Leben im Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz in den zwanziger Jahren - das war nicht multikulturell, dass war, wie man heute sagen würde, eine Parallelgesellschaft der aus dem Osten eingewanderten orthodoxen Juden, anders ausgedrückt: Hier gab es tatsächlich einmal einen Slum in Berlin, der es mit dem Lononer East-End oder mit New Yorks Bronx aufnehmen konnte.

Aber, und das darf man nicht vergessen: Dies ist ein Buch für den Breitengeschmack, keine wissenschaftliche Abhandlung. Für den Historiker sind also manche historischen Fakten etwas sehr kurz geraten. Die komplexe Figur des Kaiser Alexander I., der zwischen Napoleonbegeisterung und seinem Selbstbewusstsein, von Gott begnadeter Herrscher zu sein, hin und herschwankte, auf einer Seite zu schildern - so etwas kann nur in einer Art Lexikonartikel enden.

Kunst- und Architekturhistorikern wird wiederum auffallen, dass manches, was ihnen selbstverständliche Kenntnis ist, dem Autor Jochheim offenbar unbekannt ist. Große Prachttore, wie sie 1840 zum Einzug des neuen Königs Friedrich Wilhelm IV. am Alexanderplatz errichtet wurden, waren kein Zeichen besonderer Hoffnungen von Liberalen oder Bürgerlichen, sondern in Zeiten des Neuabsolutismus selbstverständliches Dekor der Hauptstadt zu Festgelegenheiten. Und manches, was uns Jochheim mitteilt, etwa die bekannte Geschichte der kleinen Berliner Hinterhöfe, ist seit etwa dreißig Jahren von der Forschung widerlegt worden - solche von der Größe der Feuerspritzen definierten Lichtschächte gab es nur sehr, sehr wenige und auch die wurden bald vergrößert. Das ist ein wenig ärgerlich.

Kurz: was wir hier haben, ist eine aus leidenschaftlichem Lokalpatriotismus geschriebene Platzgeschichte - und fast müsste man angesichts der weitgehenden Ignoranz gegenüber der innerstädtischen Konkurrenz von Potsdamer Platz, Friedrichstraße und Kurfürstendamm sogar sagen, dass hier blanker Bezirkspatriotismus herrscht. Für Berliner ist das übrigens ein durchaus bekanntes Phänomen, der ständige Kampf zwischen dem Senat der Gesamtstadt und den Bezirkshäuptlingen ist nicht ganz unschuldig an der finanziellen Misere von Berlin.


Gernot Jochheim: Der Berliner Alexanderplatz
Christoph Links Verlag, Berlin 2006, 208 Seiten

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