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Fazit | Beitrag vom 09.01.2020

Blackitude Museum in KamerunSchutzraum für die kulturelle Selbstbehauptung

Von Vladimir Balzer

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Eine mit Muscheln besetzte Maske im "Blackitude Museum" in Kameruns Haupstadt Yaoundé (Foto: Vladimir Balzer)
Das Blackitude Museum in Kameruns Hauptstadt Yaoundé versammelt über 1000 Objekte, vor allem von Volksgruppen aus dem heutigen Kamerun. (Foto: Vladimir Balzer)

Die Forderungen nach Rückgabe von Kunst, die westliche Kolonialherren vor über 100 Jahren mitnahmen, werden immer lauter. Das betrifft auch die ehemalige deutsche Kolonie Kamerun. In der Hauptstadt Youndé steht ein ganz besonderes Museum.

Zwischen dem Gewusel der kleinen Läden im Zentrum von Yaoundé versteckt sich der Eingang zu einem Museum mit einem stolzen Namen. Blackitude. Gar nicht so einfach zu übersetzen. Schwarzer Stolz vielleicht? In jedem Fall eine Mischung auf Black und Attitude. Schwarz und Haltung.

Geführt wird das kleine private Museum mit einer der besten Sammlungen traditioneller kamerunischer Kunst von Christian Nana Tschuisseu.

"'Blacktitude' verstehen wir positiv. Es ist unsere Haltung als Schwarze. Es geht um die Verteidigung unserer Geschichte und Kultur, es geht um die Wiedererlangung unserer Identität. Wir verbinden Menschen über Afrika hinaus, bis nach Südamerika."

Der Journalist Vladimir Balzer hält dem Direktor des "Blackitude Museums", Christian Nana Tschuisseu, ein Mikrofon zum Interview entgegen. (Foto: Vladimir Balzer)"'Blacktitude' verstehen wir positiv", sagt Museumsdirektor Christian Nana Tschuisseu (re) beim Interview mit Journalist Vladimir Balzer. (Foto: Vladimir Balzer)

Das Blackitude Museum versammelt über 1000 Objekte, vor allem von Volksgruppen aus dem heutigen Kamerun. Gesichter über Gesichter: ausdrucksstarke Masken aus Stoff, Holz oder auch Muscheln. Throne. Rituelle Figuren. Mythische Tiere. Tische. Ganze Räume in denen sonst Könige residieren.

Diese Kunstobjekte werden niemals verkauft

Viele Objekte sind nur kurzzeitig ausgeliehen und werden bei Bedarf von der betreffenden Volksgruppe wieder abgeholt, wenn sie sie für rituelle Feste benötigt. Die private Stiftung, die das Museum betreibt, hat bei den Stammesältesten Vertrauen aufbauen können: diese Objekte bleiben im Land, sie gehen nirgendswohin.

"Auf dem Kunstmarkt in Amerika, aber auch in Europa sind die Objekte die wir haben, gerade sehr beliebt. Ich bekomme regelmäßig Besuch von dort und werde gefragt: verkaufen sie? Nein! Ich verkaufe gar nichts."

Zwei schwarze Masken aus Holz im "Blackitude Museum" in Yaoundé  (Foto: Vladimir Balzer)Masken aus Holz: Das Blackitude Museum schützt die afrikanischen Artefakte vor dem Verkauf. (Foto: Vladimir Balzer)

Für den Museumsdirektor ist das hier ein Schutzraum. Es ist auch ein Versprechen an die Volksgruppen, dass sie nie wieder von fremden Mächten betrogen werden. Und Betrug schließt sogar deren eigene Könige ein.

Weitergabe von Werken an Fremde galt als Verrat

"Zu Kolonialzeiten waren es meistens die Könige, die die Artefakte ihrer Völker verkauft haben. Die Volksgruppen selbst waren daran gar nicht beteiligt. Manchmal wussten sie gar nichts davon. Als sie davon erfuhren, richteten sie sich gegen ihren König und setzten ihn ab. Manchmal wurden Könige auch getötet. Denn das Weitergeben der Werke an Fremde galt als Verrat."

Dieser Umstand macht die Rückgabediskussion mit dem Westen noch schwieriger. Wenn sich westliche Museen heute also darauf berufen, dass die Artefakte doch mit Bewilligung eines Königs mitgenommen wurden, dann heißt dies noch lange nicht, dass er das Mandat dazu hatte. Und wenn es um Rückgabe an Kamerun geht, wird oft nach der musealen Infrastruktur gefragt. Dies lässt Museumsdirektor Christian Nana Tschuisseu, der gleichzeitig auch Chef der Kameruner Abteilung des internationalen Museumsverbands ICOM ist, nicht gelten.

Artefakte müssen nicht ins Museum

"Wir werden immer gefragt: wo ist das Museum, wo die Artefakte hinsollen? Und ich sage dann immer: oft sind es keine Museen, oft sind es rituelle Orte wohin die Objekte zurückgehen müssen. Wir sind es, die darüber entscheiden. Nicht ihr."

Da fällt es schwer, westliche Maßstäbe an den Betrieb dieses kleinen, aber reichen Museums mitten in Kameruns Hauptstadt anzulegen. Die mangelnde Klimatisierung, die schlechte Sicherheitsaustattung, die lückenhafte Betitelung der Objekte. Als Westler hält man sich vielleicht besser zurück. Und dennoch gibt es auch andere Stimmen in der Stadt.

Kunstexporte als Werbung für Afrika

Etwa Chembifon Muna von der Muna-Kunst-Stiftung, die ebenfalls traditionelle afrikanische Kunst sammelt. "Museen in Europa und Amerika haben die nötige Infrastruktur. Die haben die afrikanischen Museen nicht. Daher bin ich dagegen, dass afrikanische Artefakte hierher zurückkommen." 

Ein dunkelhäutiger Mann mit Bart und dunkler Mütze (Foto: Vladimir Balzer)Chembifon Muna von der Muna-Kunst-Stiftung sammelt traditionelle afrikanische Kunst. (Foto: Vladimir Balzer)

Muna sieht eher die andere Richtung. Afrikanische Kunst, die in die Welt geht.

"Das Interesse an afrikanischer Kunst wird immer stärker. Und das hängt auch damit zusammen, dass immer mehr exportiert wird. Das bringt uns ins weltweite Bewusstsein. Deswegen ist es gut, dass so viel afrikanische Kunst ins Ausland geht."

Sätze, die im Blacktitude Museum einige hundert Meter weiter nicht so gut ankommen. Und die zeigen, wie unterschiedlich dieses Thema vor Ort gesehen wird.

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