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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 05.02.2021

Black Lives MatterAntijüdische Töne machen vielen Angst

Von Thomas Klatt

Ein Demonstrant hält ein Schild mit der Aufschrift: "#BLM #PLM All Lives Matter". (Picture Alliance / NurPhoto / Romy Arroyo Fernandez)
Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat sich bisher nicht von antisemitischen Äußerungen auf ihren Demonstrationen distanziert. (Picture Alliance / NurPhoto / Romy Arroyo Fernandez)

Beim Protest gegen Gewalt an Black and People of Color sind auch wiederholt antisemitische Töne zu hören gewesen. Althergebrachte Verschwörungsmythen gegen Juden lassen sich auch hier finden. Das verängstigt viele.

Der amerikanisch-jüdische Historiker Gil Troy ist fassungslos, wenn er das Maß an Gewalt gegen jüdische Einrichtungen bei "Black Lives Matter"-Demonstrationen ansieht.

"Es ist herzzerreißend. So viele Juden und Rabbiner unterstützen BLM. Wir sahen in Los Angeles eine Zunahme von Gewalt gegen jüdische Geschäfte in jüdischen Vierteln. Wir sahen antijüdische Graffitis und Hakenkreuze. War es ein allgemeines Phänomen? Nein! Aber dafür dürfen wir Null-Toleranz haben. Es ist furchtbar, wenn Menschen die Bewegung für antisemitischen Hass benutzen."

Fratze des Antisemitismus auf BLM-Protesten 

In Los Angeles wurde die Statue des schwedischen Judenretters während der NS-Zeit Raoul Wallenberg geschändet. Mehrere Synagogen wurden mit "Free Palestine! Fuck Israel!" besprüht. Bei Demonstrationen in Washington mischten sich Hasschöre gegen Israel, das "Kinder ermordet" mit den Black Lives Matter-Parolen. In San Diego wurden jüdische Einrichtungen wie das Haus der Studentenorganisation Hillel angegriffen. Dov Wilker, Direktor des American Jewish Committee (AJC) in der Atlanta Region, beobachtete noch mehr.

"Los Angeles, Kenosha in Wisconsin, die Synagoge in Kenosha wurde mutwillig beschädigt. Manche Aktivisten demonstrierten mit Palästina-Fahnen. Umgekehrt wurden in der Vergangenheit auf Palästina-Märschen BLM-Symbole gezeigt. Aber es ist kein generelles Thema auf allen Demonstrationen. Man muss auch sagen, dass die BLM-Führung dezentral ist. Keiner besitzt das Copyright auf BLM. Jeder kann es frei benutzen."

Keine Distanzierung von altem Judenhass  

Das sieht der Theologe Kai Funkschmidt ähnlich. Er ist Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin.

"Wenn auf Demonstrationen von Black Lives Matter Plakate hochgehalten werden: ‚Wer ist jetzt der Terrorist?‘ Und dann wird Israel gezeigt oder der Davidstern, wie es in Paris der Fall war. Wenn bei Black-Lives-Matter-Demonstrationen Synagogen angegriffen werden, jüdische Studentenorganisationen angegriffen werden. Wenn skandiert wird: ‚Israel, der Völkermörder‘ oder ‚Israel, der Kindermörder‘, dann ist das Black Lives Matter zuzuschreiben. Denn die Organisation hat sich nie davon distanziert."

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Während die Black-Lives-Matter-Bewegung, kurz BLM, in der deutschen Öffentlichkeit meist gefeiert wurde, habe es in britischen und französischen Medien zunehmend kritischere Berichte gegeben.

Israel gesagt, Jüdinnen und Juden gemeint

In Paris etwa erscholl der Slogan "Palestinian Lives Matter". Demonstranten schwenkten Fahnen mit der Aufschrift "Israel. Laboratorium für Polizeigewalt". "Kniegelenk ins Genick", wie bei George Floyd.

Dass die US-amerikanische Polizei ihr Handwerk von Israel lernt, werde immer wieder in BLM-Kreisen kolportiert, sagt Funkschmidt. Auf den Black-Lives-Matter-Demonstrationen gehe es aber gar nicht um die sachgerechte Darstellung von Polizeiarbeit. Viel mehr gehe es um Propaganda.

"Meines Erachtens ist dieser Verweis auf Israel, und die Behauptung, die Israelis würden solche Methoden lehren, die zum Mord führen, ist eigentlich der Versuch, die Israelis - also die Juden - für alles verantwortlich zu machen. Das steckt dahinter. Es ist ein klassisches antisemitisches Narrativ. So wie die amerikanische Polizei einen Genozid an den Schwarzen versucht, versuchen die Israelis einen Genozid an den Palästinensern. Dass die Juden hinter all den Genoziden und Morden, die man fantasiert, stecken würden."

Wir nennen das Judenhass

Dass immer wieder das Narrativ auftaucht, die US-amerikanische Polizei würde ihr grausames Handwerk gegen Schwarze gerade von Israel lernen, macht Gil Troy geradezu wütend.

"Die große Lüge dahinter liegt in der Behauptung, die Schuld am Rassismus in der US-amerikanischen Polizei liege bei den Juden. Das Knien auf dem Nacken wie bei George Floyd ist keine Technik der israelischen Polizei. Das ist eine große Lüge. Es ist ekelhaft. Wir bezeichnen das als Judenhass oder Antisemitismus." (*)

Dov Wilker vom American Jewish Committee: "Über 50 Prozent der Juden in der ganzen Welt stammen nicht aus Europa oder Ost-Europa. Aber viele glauben, dass alle Juden weiß sind und Teil der weißen Überlegenheit sind. Viele verstehen nicht, dass Juden diskriminiert wurden und werden und stellen sie mit den Unterdrückern gleich. Der Antisemitismus hat nicht nur bis heute überlebt, sondern wird immer stärker."

Die Einteilung in Schwarz und Weiß sei auch keine Frage der Hautfarbe, sondern der politischen Definition. So kritisierte zum Beispiel die Journalistin und BLM-Unterstützerin Nadine Batcheler-Hunt als Schwarze jüdische Frau einen antisemitischen Tweet der britischen BLM-Bewegung. Daraufhin wurde sie als weiße zionistische Hure beschimpft. Kai Funkschmidt:

"Black Lives Matter hat im Grunde so eine manichäische Weltsicht, eine kulturmarxistische kann man sagen. Es gibt Unterdrücker und Unterdrückte. Das ist das, was das Grundnarrativ der gesamten Menschheitsgeschichte sei. Und das wird in dem Falle dann rassisiert. Es gibt eine Unterdrückungsrasse, das sind die Weißen. Und es gibt die Unterdrückten, das sind die Schwarzen. Und dann sind die Juden plötzlich in erster Linie Weiße. Und dann werden sie ausgesondert für einen besonderen Hass innerhalb der Weißen."

Nicht die Augen verschließen vor vereinzeltem Judenhass

Der Antisemitismus bei BLM sei allerdings kein Flächenbrand, nur in bestimmten Gruppen vernehmbar und äußere sich nur punktuell aggressiv, so Funkschmidt. Aber er sei da und mache den jüdischen Gemeinden Angst. Denn neben Black Lives Matter gebe es eben seit Trump auch noch die Bedrohung von Rechts, sagt die US-amerikanische Professorin für Jüdische Studien Susannah Heschel.

"Was klar ist, dass der Antisemitismus und der Rassismus zusammenkommen. Der Antisemitismus kommt von der Linken und auch von der rechten Seite des politischen Spektrums. Aber die Gewalt kommt von den Rechten viel mehr. Mit Unterstützung von Politikern, auch des Präsidenten. Das kommt als Schock für Juden."

Es gibt keinen nebensächlichen Antisemitismus

Durch die Hinnahme und Akzeptanz von judenfeindlichen Lügen macht sich die Black Lives Matter-Bewegung jedoch angreifbar. Relativierende Antworten auf seine Artikel will Kai Funkschmidt dabei nicht hinnehmen.

"Du ziehst Black Live Matter in den Schmutz, indem Du auf diesen Nebenaspekt hinweist. Das Grundanliegen ist doch positiv. Es gibt keinen ‚nebensächlichen Antisemitismus‘! Das sehe ich nicht! Ich betrachte Antisemitismus nie als nebensächlich. Es gibt immer das Potenzial, dass sich das verselbstständigt und größer wird. Also es gibt keinen nebensächlichen Antisemitismus. Punkt."

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben den ursprünglichen Titel an dieser Stelle um eine Passage gekürzt, weil wir eine Quelle falsch interpretiert haben.

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