Dienstag, 22.01.2019
 

Interview | Beitrag vom 15.12.2018

BKA-Chef Horst Herold"Schleyer saß ihm in mancher Nacht auf der Brust"

Heribert Prantl im Gespräch mit Shanli Anwar

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der frühere BKA-Chef Horst Herold trägt eine große Brille und schaut streng (Heinz Wieseler/dpa)
Erfand die Rasterfahndung: der frühere BKA-Chef Horst Herold. (Heinz Wieseler/dpa)

Ein nachdenklicher Kriminalphilosoph sei der frühere BKA-Chef Horst Herold gewesen, sagt der Journalist und Jurist Heribert Prantl. Er war einer der wenigen Journalisten, mit denen Herold sich austauschte.

Shanli Anwar: Er bezeichnete sich selbst als letzten Gefangenen der Roten Armee Fraktion, der frühere Chef des Bundeskriminalamtes Horst Herold, der im deutschen Herbst zahlreiche RAF-Mitglieder inhaftierte und dann als Frühpensionierter selbst 35 Jahre lang zum Schutz hinter den Mauern einer Grenzschutzkaserne in Oberbayern leben musste. Jetzt ist Horst Herold mit 95 Jahren gestorben, und ein Mann, der ihn in dieser Abgeschiedenheit immer wieder besucht hat und der ihn sehr gut kannte, ist der Journalist Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung". Guten Morgen, Herr Prantl!

Heribert Prantl: Guten Morgen, Frau Anwar!

"Als Rechtsstudent war mir Herold suspekt"

Anwar: Herold hat ja in den letzten Jahren nicht viele Menschen an sich herangelassen, vor allem nicht unbedingt Journalisten. Was machte diesen Menschen für Sie aus? Wir erinnern uns an einen bulligen Mann, viele denken vielleicht auch an seine große, schwarze Brille, heute würde man sagen, eine Hipsterbrille. Und er hat die Rasterfahndung erfunden.

Prantl: Er hat die Rasterfahndung erfunden, die er immer wieder verteidigt hat. Er hat zu mir gesagt, Mensch Prantl, was die aus der Rasterfahndung gemacht haben, ist nicht das, was ich wollte. Was heute gemacht wird, wenn nach Terroristen, nach islamistischen Gewalttätern gesucht wird, ist die positive Rasterfahndung. Man hat irgendwelche Wagenkennzeichen und sucht dann mit diesen Kennzeichen in riesigen Datenbestände. Er wollte und hat erfunden die negative Rasterfahndung, die sehr viel bürgerrechtsschonender ist. Aber da ist man schon bei diesen Vorurteilen gegen diesen wirklich genialen Polizisten. Als ich 1988 Journalist wurde, war Herold längst Pensionär, er war ja im Alter von 58 Jahren nach der gescheiterten Befreiung von Hanns Martin Schleyer entlassen worden. Und ich schrieb über die RAF als junger Journalist und ich schrieb über die Ermordung von Alfred Herrhausen, dem Chef der Deutschen Bank. Herold schickte mir dann eine kurze Notiz, eine kleine Korrektur, und ich rief ihn an, wollte seine Einschätzung vom Stand der Fahndung haben.

Anwar: Gut, man muss sagen, Herr Prantl, Sie hatten ja Vorurteile.

Prantl: Ich hatte natürlich Vorurteile, als Rechtsstudent war mir dieser Herold unglaublich suspekt, er war für mich ein Computerwahnsinniger, wie gesagt, die Rasterfahndung war für mich nichts Positives. Und dann rief ich ihn an, erwartete einen Law-and-Order-Freak, erwartete die Personifizierung von polizeilicher Hybris in seiner Gestalt. Und ich muss sagen, ich habe mich selten in meiner journalistischen Karriere oder nie so getäuscht. Ich erlebte erst am Telefon und dann in natura keinen zackigen und keinen polternden Sheriff, sondern einen nachdenklichen Kriminalphilosophen, einen Herrn von vollendeten Umgangsformen und bestrickender Liebenswürdigkeit und wir kamen ins Gespräch und aus dem Gespräch wurden viele. Und viele dieser Gespräche waren wie Vorlesungen, wo er von seiner Art zu verfolgen und Fahndung aufzubauen erzählte. Und auch darüber, das war für mich besonders faszinierend, er erzählte darüber, wie Extremismus entsteht und wie sich Extremismen von links und rechts berühren. Er war ein Denker, ein kriminalphilosophischer Denker.

Herold: "Schleyer sitzt mir in mancher Nacht auf der Brust"

Anwar: Als Kriminalphilosoph bezeichnen Sie ihn, der lange in dieser Abgeschiedenheit, in der er dann lebte, über den Terror nachdachte, Aufzeichnungen "Lehren des Terrors" überschrieb und generell darüber nachdachte. Was muss man sich darunter vorstellen, was bedeutet das? Also er hat über den islamistischen Terror auch nachgedacht, nach der RAF?

Prantl: Er hat versucht, Verbindungen herzustellen, was unterscheidet den islamistischen Terror vom RAF-Terror. Der RAF-Terror war ja ein Terror, der aus deutschen Familien, der aus der deutschen Gesellschaft heraus gewachsen war. Der islamistische Terror ist ein ganz anderer Terror, ein viel fremderer Terror. Er hat nachgedacht, welche Grundkonstellationen, auch geopolitisch, weltpolitisch, Terror beflügeln. Und er hat immer wieder darüber nachgedacht, wie man hätte anders mit dem RAF-Terrorismus umgehen können. Er sagte zu mir, Prantl, ich war der Polizist, ich musste fahnden, ich musste Gesetzen zum Recht verhelfen, aber vielleicht hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben ...

Anwar: Haben Sie das Gefühl, Herr Prantl, hat er manche Entscheidungen bereut? Zumindest hat er den Tod von Martin Schleyer als etwas, das er sich selbst vorgeworfen hat, auch wenn er selbst nicht die Mitschuld unbedingt trug an dem Fahndungsfehler.

Prantl: Er sagte immer wieder, Hanns Martin Schleyer sitzt mir in manchen Nächten auf der Brust, es quält mich, dass ich keinen Erfolg hatte. Er hatte ja ganz früh dieses Computerfahndungssystem aufgebaut und durch einen ganz furchtbaren menschlichen Fehler eines einzelnen Polizeibeamten, der die entscheidende Spur nicht eingegeben hat, die Computer nicht richtig gefüttert hatte, wurde das Versteck, die Wohnung, wo Schleyer von der RAF gefangen gehalten wurde, nicht entdeckt. Und das quält ihn natürlich, das quält ihn auch deswegen, weil man ihn deswegen entlassen hat, weil man dann sagte, diese ganze Informatik, dieses ganze digitale Zeug ist doch Unsinn. Und er sich dann, als Google entstand, bestätigt gefühlt und gesagt hat, genau das wollte ich schon 30 Jahre früher für die Polizei, ich wollte ein polizeiliches Intranet, habe das aufgebaut, und dann hat man diese Entwicklung jäh abgebrochen. Er war einer, der Prävention ganz groß schrieb und sie mit wirklich klugen Mitteln durchsetzen wollte.

"Er machte das BKA schlagkräftig"

Anwar: Heute morgen huldigen Sie ihm auch in der "Süddeutschen Zeitung" und nennen auch diesen ersten Satz, Google könnte auch Herold heißen. Also, Ende der 70er-Jahre, als Computer eben noch gar keine Massenware wie heute waren, hat Herold da den Zweck besser verstanden als andere? Kann es auch sein, dass er darunter litt, dass sein Umfeld nicht begriff, was er da entdeckt hatte?

Prantl: Genau so war es und deswegen fühlte er sich im hohen Alter dann sehr bestätigt, als er sah, wie Jungunternehmer globale Unternehmen aus dem Boden stampften mit im Prinzip seiner Idee. Wie man googelt, er, Herold, hat so Polizeiarbeit gestalten wollen. Er sagte immer, so wie Google soll ein, muss ein polizeiliches Intranet funktionieren. Und er hatte es schon bei der RAF-Fahndung in den 70er-Jahren aufgebaut – und hätte man ihm gefolgt, hätte man ihn nicht frühzeitig entlassen, glaube ich, wäre die Polizei weiter. Horst Seehofer, der Innenminister, sagte ja in einer Erklärung zum Tod von Horst Herold, das BKA tritt noch heute in seinen Fußstapfen. Das ist richtig, er hat das Bundeskriminalamt, das zu seiner Zeit, als er 1971 BKA-Chef wurde, war das eine Kriminalklitsche, ein ziemlich mickriger Laden. Er hat aus diesem BKA eine wirklich schlagkräftige, wissenschaftlich durchdrungene Behörde gemacht, eine, wenn man so will, kriminologische Akademie.

Anwar: Herr Prantl, haben Sie das Gefühl, dass man Horst Herold im Rahmen der Erinnerungsarbeit zum Deutschen Herbst würdig wird?

Prantl: Ja, ich glaube, die großen Vorurteile, die es in den 80er- und 90er-Jahren gab, die sind wieder verschwunden, man hat erkannt und entdeckt, dass dieser Mann wohl einer der genialsten Polizisten war, die Deutschland je hatte.

"Er wollte mit sich alleine sein"

Anwar: 2017 kehrte er in seine Heimatstadt Nürnberg zurück, alleine, seine Frau war schon verstorben. Würden Sie sagen, das war ein einsamer Mann?

Prantl: Ja, es war bewusste Einsamkeit. Er wollte bewusst mit sich und mit seinen Erinnerungen alleine sein und er wollte sich nicht in den Vordergrund drängen. Es gibt ja unendlich viele RAF-Bücher, von ehemaligen Terroristen, von Journalisten. Es quälte ihn einerseits, dass so viele Leute schreiben über den Terror, von denen er glaubte, sie sehen allenfalls nur Ausschnitte, und zugleich wollte er nicht selber der Siebengescheite sein. Ich glaube, wenn man ihm früher die Möglichkeiten gegeben hätte, an die Akten zu kommen – er hat ja nach seiner vorzeitigen Entlassung den Innenminister damals, Gerhard Baum, gebeten, ihm die Akten zur Verfügung zu stellen, um wissenschaftlich arbeiten zu können, um ein großes Buch, ein großes Werk über den Terror zu schreiben. Das hat er nicht mehr gemacht, er hatte die Möglichkeiten dazu nicht, sagte er, weil man ihn abhielt. Vielleicht gab es auch gewisse Ängste in der Politik und der Ministerialbürokratie, dass da einer, der keine Angst vor großen Namen hat, plötzlich Dinge sagt, die nicht genehm sind. Dass er nicht ein großes Testament hinterlassen konnte, ein politisches, ein kriminologisches, ein kriminalistisches, das hat ihn gequält und darüber hat er immer wieder geredet.

Anwar: Journalist Heribert Prantl über den früheren Chef des Bundeskriminalamtes, Horst Herold. Ich danke Ihnen für diese Erinnerung, man hört Ihnen auch an, er stand Ihnen doch nahe.

Prantl: Natürlich, wenn man jemanden 30 Jahre lang begleitet, immer wieder miteinander redet, dann entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, wie man sie zu nur wenigen seiner journalistischen Gesprächspartner hat.

Anwar: Danke, dass Sie uns an diesen Erinnerungen haben teilhaben lassen.

Prantl: Danke, Frau Anwar!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Bilder, Klischees und Narrative - Wie an den RAF-Terror erinnert wird
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 28.09.2017)

Terror der RAF im Herbst 1977 - Warum der Vergleich mit dem Islamischen Staat Unsinn ist
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 06.09.2017)

Ex-Innenminister Otto Schily - "Ich bin kein typischer Achtundsechziger"
(Deutschlandfunk, Zeitzeugen im Gespräch, 27.07.2017)

Interview

Élysée 2.0"Vor allem Deutschland steht auf der Bremse"
Gedenkzeremonie für die Opfer des Ersten Weltkriegs in Paris: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dessen Frau Brigitte und Russlands Präsident Vladimir Putin in einer Reihe von links nach rechts. (imago/Mikhail Metzel)

Mit dem Aachener Vertrag vereinbaren Deutschland und Frankreich eine Zusammenarbeit weit über den EU-Rahmen hinaus. Doch Élysée 2.0 lenke auch davon ab, wie sehr beide Länder derzeit mit eigenen Problemen beschäftigt seien, meint Ulrich Fuchs.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur