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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.04.2011

Bistro mit Hinterzimmer

Jean-Michel Guenassia: "Der Club der unverbesserlichen Optimisten", Insel Verlag, Berlin 2011, 688 Seiten

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Das Leben in Paris steht im Mittelpunkt des Buches. (AP)
Das Leben in Paris steht im Mittelpunkt des Buches. (AP)

Jean-Michel Guenassia beschreibt in seinem Buch das Leben in Paris Ende der 50er-Jahre, mit all seinen Schattenseiten. "Der Club der unverbesserlichen Optimisten" wurde in Frankreich bereits preisgekrönt.

Sein Buch spielt – nachdem es im Jahr 1980 mit der Beerdigung Sartres einsetzt – zwischen 1959 und 1964, vornehmlich im fünften und sechsten Pariser Arrondissement zwischen Jardin du Luxembourg und Jardin des Plantes.

Michel, der 1947 geborene Ich-Erzähler, kämpft die üblichen Kämpfe der Adoleszenz. Der Maxime "Die Zukunft gehört dem Fernsehen und den Haushaltsgeräten" folgend, betreibt sein Vater ein rasch expandierendes Einzelhandelsgeschäft. Doch der finanzielle Segen wird überschattet von dem, was Michels älterem Bruder Franck widerfährt. Er zieht freiwillig in den Algerien-Krieg, desertiert und ist, nachdem er des Mordes angeklagt wird, fortan ständig auf der Flucht – ein Familiendesaster, das letztlich auch die Ehe der Eltern zerstört. Interessanter als das zum Chaos neigende Elternhaus erweist sich für Michel ein Bistro namens "Balto", wo sich regelmäßig ein "Club der unverbesserlichen Optimisten" zum Trinken, Diskutieren, Sicherinnern und Schachspielen trifft. Seine Mitglieder sind Emigranten aus Osteuropa, sind "Schatten, Parias, mittellos". Was diese vormals erfolgreichen Ärzte, Schauspieler oder Piloten bewogen hat, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, davon erzählt Guenassia in Rückblenden, voller Humor und mit feinem Gespür für die oft tragischen Schicksale derer, denen die Politik das Lebensglück geraubt hat.

Da sich zudem hochkarätige Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre oder Joseph Kessel im Club zeigen, fühlt sich Michel dort bald wohler als am häuslichen Esstisch. Einem von ihnen, Sascha, der aus Leningrad stammt und sich als Fotolaborant durchschlägt, schließt sich Michel an. Was es mit der Vergangenheit dieses Mannes auf sich hat, enthüllt Guenassia erst auf den letzten Seiten – in einem tragischen, eindrucksvollen Finale, das die Qualitäten dieses Buches bündelt: "Der Club der unverbesserlichen Optimisten" ist das farbige Porträt einer Zeit und einer Szene, in der sich die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts vielfältig brechen.

Zu einem eingängigen Lesestoff wird der Roman, weil Guenassia Charaktere entfaltet, die nicht vom Reißbrett stammen und die weder das Private dem Politischen noch das Politische dem Privaten opfern. Und selbst wer noch nie einen Fuß in den Jardin du Luxembourg gesetzt hat, wird diesen zwischen Melancholie und élan vital changierenden Roman mit Gewinn lesen.

Besprochen von Rainer Moritz

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten
Roman
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Insel Verlag, Berlin 2011
688 Seiten, 24,90 Euro

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