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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.12.2014

Bismarck und seine FrauSie hasste den "dusseligen Reichstag"

Von Edelgard Abenstein

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Die Schauspieler Andreas Leupold als Otto von Bismarck und Britta Scheerer als Gräfin Orloff, seine Geliebte, bei Dreharbeiten zum MDR-Film "Otto von Bismarck - Der eiserne Kanzler", August 2004 (picture-alliance / ZB)
Die Schauspieler Andreas Leupold als Otto von Bismarck und Britta Scheerer als Gräfin Orloff, seine Geliebte, bei Dreharbeiten zum MDR-Film "Otto von Bismarck - Der eiserne Kanzler", August 2004 (picture-alliance / ZB)

Wie war der Mann privat? Zwei Biografien beleuchten das Verhältnis zwischen Reichskanzler Otto von Bismarck und seiner Frau Johanna Puttkamer. Fast 50 Jahre war er mit ihr verheiratet - die Liebe war innig, er betrog sie trotzdem.

"Sie nennt ihn Ottomar, Herzensfreund, Geliebtester. Er nennt sie Angela mia - mein Engel, schwarze Katze, Geliebteste. Sie unterschreibt Juanina, Dein treuestes Herz, La Tua for ever - die Deine für immer, und er: Bismarck, Dein treuer Bismarck."

Es ist ein romantisches Spiel in Briefen. 40 Reisestunden trennen sie voneinander – den "wilden Junker" im märkischen Schönhausen nahe Berlin und die schwärmerische Gutsherrentochter im pommerschen Reinfeld. Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer. Er ist ein Mann von 30 Jahren mit unklaren Berufsaussichten, vor dem Militärdienst hat er sich genauso gedrückt wie vor einem Verwaltungsamt, seine Spielschulden sind so hoch, dass sie erst nach 30 Jahren abbezahlt sein werden. Und er verliebt sich rasend gern in schöne Frauen. Bis er Johanna begegnet. Sie entspricht nicht dem Frauenideal ihrer Zeit, sie ist auch keine große Partie.

"Er heiratete sie, weil er sich mit ihr nie gelangweilt hat, und weil sie ihn zum Lachen bringen konnte."

(Insel)Gabriele Hoffmann: Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer (Insel)Die Historikerin Gabriele Hoffmann stützt ihre Doppelbiografie auf den lebenslangen, wegen vieler getrennter Reisen überaus umfangreichen Briefwechsel des Paares, auf Tagebücher, Memoiren und Briefe von Zeitgenossen. Alle Quellen sind längst publiziert, neu aber ist das Bild, das sie von Johanna von Puttkamer zeichnet. Als schlichtes Gemüt aus der Provinz, von einer Politikerkarriere erdrückt - so sah man sie bislang. Dabei bewies sie durchaus Unabhängigkeit, sie war schlagfertig und sehr eigenwillig. Hoffmann lässt keinen Zweifel daran, dass Bismarck während der knapp fünfzigjährigen Ehe Halt allein durch sie gewann: "Was sprichst du von langer Trennung, mein Engel? Mach dich mit dem Gedanken vertraut, dass du mit mir musst in den Winter der großen Welt. Woran soll ich sonst mich wärmen?"

Auf den Gütern in Pommern ging es ungezwungen zu

Wie er liebte sie das Landleben, wie er hegte sie zeitlebens eine Abneigung gegen Hof und Salon. Während seiner diversen Krankheiten zog sich die Familie monatelang auf die Güter in Pommern oder im Sachsenwald zurück, da ging es ungezwungen zu, auch für Besucher aus Berlin, Reichstagsabgeordnete, Politiker, Diplomaten. Sie war eine begabte Gastgeberin. Lediglich die an Bismarcks Aufstieg geknüpften Pflichten als Salondame erfüllten sie ein Leben lang mit Sorge.

"Da Du das Unglück hast, meine Frau zu sein, so werden die Zeitungen sich Deiner und Deines äußerlichen Auftretens annehmen. Das ist das Elend dieser Stellung, dass jede Freiheit des Privatlebens aufhört, und deshalb mahne ich, dass Du keine Sparsamkeiten übst. Die Rolle bescheidener Hausfrauen vom Lande ist Dir nicht mehr gestattet."

Er gestattet sich hingegen, mit der 25 Jahre jüngeren Gräfin Orloff wochenlang durch das sommerliche Frankreich zu gondeln. Johanna ist mehr als gekränkt durch die Abenteuerlust ihres Gatten.

"Wozu heiraten die abscheulichen Menschen eigentlich, wenn sie doch unmöglich mehr ihrem rechtlich angetrauten Eheherrn die Treue bewahren können und wollen?"

Johanna von Puttkamer nahm den Lebenswandel ihres Gatten also nicht ganz so stoisch hin, wie so oft behauptet, von der Germanistin Waltraut Engelberg etwa in ihrem ebenfalls neu erschienenen Buch "Das private Leben der Bismarcks". Es folgt dem unter demselben Titel 1998 veröffentlichten Buch sowie ihrer noch früheren Darstellung der Beziehung Bismarck-Puttkamer. Die Witwe des DDR-Historikers und Bismarck-Biografen Ernst Engelberg beschränkt sich zudem aufs Private, das Politische klammert sie weitgehend aus. In einem ersten Drittel schildert sie eher nüchtern die Lebensstationen des Paares bis zur Reichsgründung, danach steht Bismarck im Zentrum, als Reisender, Vater seiner Kinder, Jäger, Feinschmecker, Shakespeareliebhaber. Johanna von Puttkamer taucht darin allenfalls als Aperçu auf.

Wutanfälle, wenn er "ins schmierige Berlin" muss

(Pantheon Verlag München)Waltraut Engelberg: Das private Leben der Bismarcks (Pantheon Verlag München)Bei Gabriele Hoffmann erscheint sie oft, manchmal in allzu vielen Details. Trotzdem liest sich diese Biografie kurzweilig und amüsant. Hoffmann verteilt ihre Sympathien auf beide Protagonisten, verkennt auch charakterliche Schwächen nicht, seinen ungebremsten Egoismus zum Beispiel oder ihre ressentimentgeladenen Anfälle, wenn Bismarck vorzeitig zurück muss "…ins schmierige Berlin zum dussligen Reichstag, der ihn wieder Tag und Nacht quälen und ärgern wird, was mich jetzt schon in helle Wut bringt, wenn ich dran denke".

Durchaus differenziert zeichnet die Autorin das Bismarck’sche Handeln nach, vom reaktionären Krawallmacher in der 48er Revolution bis zum Staatsgründer, der sich nach 1871 die Stabilität in Europa auf die Fahnen geschrieben hatte - bei wechselnden Bündnispartnern, von den Erzkonservativen bis zu den Liberalen. Dabei bewegt sie sich auf dem neueren Stand der Forschung und führt auch Neulinge gut durch die Epoche der Reichsgründung.

Über Politik wird zwischen dem Ehepaar Bismarck nicht gesprochen. Aber Bismarck verbirgt nicht, was das politische Geschäft in ihm anrichtet.

"Ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden", schreibt er aus 1871 aus Versailles. "Wenn man zu lange Minister gewesen ist, und Erfolg hat, so fühlt man deutlich, wie der kalte Sumpf von Missgunst und Hass einem höher und höher bis ans Herz steigt; man gewinnt keine neuen Freunde, die alten sterben und die Kälte oben wächst. Kurz, mich friert, und ich sehne mich bei Dir zu sein und mit Dir in Einsamkeit auf dem Lande."

Seine Gegner sind auch ihre Gegner. Wenn er selbst in den Ferien auf dem Varziner Landsitz mit Depeschen überschwemmt wird, regt sie sich auf über die "babyartige Ängstlichkeit, mit der die Berliner Herren gar keine Verantwortung übernehmen zu können glauben, und alles, jeden Quark, herschicken zum Entscheiden".

Gabriele Hoffmann: Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer - Die Geschichte einer großen Liebe
Insel Verlag, Berlin
400 Seiten, 24,95 Euro, auch als ebook

Waltraut Engelberg: Das private Leben der Bismarcks
Pantheon Verlag München
240 Seiten, 14,99 Euro, auch als ebook

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