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Studio 9 | Beitrag vom 13.09.2014

Bischof Tebartz-van ElstHotline für Geschädigte des Skandals

Aufarbeitung im Bistum Limburg sorgt für weitere Kontroverse

Von Anke Petermann

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Franz-Peter Tebartz-van Elst blickt nach oben.  (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Bis heute wirken die Folgen der Skandale um Franz-Peter Tebartz-van Elst nach. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Der emeritierte Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist längst umgezogen, doch das Bistum Limburg befasst sich noch immer mit den Folgen seiner Amtszeit. Mitarbeiter können bei einer Hotline anrufen und über damals erlittene Kränkungen sprechen.

Der Oberurseler Pfarrer Reinhold Kalteier war in der Ära Tebartz Sprecher des Priesterrats. Er weiß aus eigener Anschauung, wie Gläubige darunter litten, ...

"... dass erkennbar Lügen verbreitet wurden, dass man selbst persönlich belogen wurde, dass es Situationen gab, in denen Entscheidungen nicht diskutiert, sondern gesetzt wurden. Und wenn wir in bestimmten Gremien, in denen ich mitgearbeitet habe, vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, ist das schon enttäuschend."

Härter formuliert Patrick Dehm, der unter dem Regime des Bischofs und seines damaligen Generalvikars als Leiter des Frankfurter Hauses der Begegnung rechtswidrig gefeuert wurde.

"Zahlreiche Menschen sind gekündigt worden, eingeschüchtert, denunziert worden, sind verbal bedroht worden. Hauptamtliche mussten auch erfahren, dass sie abgemahnt wurden, dass sie versetzt wurden, sobald sie sich gegen das Unrechtssystem von Kaspar und Tebartz gewendet haben."

Rund 10.000 potentielle Hotline-Nutzer

Drei Monate lang können nun Bistumsmitarbeiter ihren Kummer und Unmut telefonisch abladen. Nummer und Uhrzeiten kennen nur die eigens angeschriebenen Haupt- und Ehrenamtlichen im Bistum. Der Apostolische Administrator informierte sie brieflich darüber.

Rund 10.000 potentielle Hotline-Nutzer dürften es sein. Insgesamt zehn Seelsorger heben den Hörer ab, sind an die Schweigepflicht gebunden und geben keine Einzelfälle preis. In einem Dokumentationsbogen kategorisieren sie das Gehörte, halten fest, ob sich Mitarbeiter unter Druck gesetzt fühlten, durch Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen, durch Ausfragen über andere oder ein überzogenes Schweigegebot etwa. Pfarrer Ludwig Reichert vom "Refugium" Hofheim:

"Wir fangen ja jetzt hier nicht am Nullpunkt an. Sondern in unserer seelsorglichen Arbeit sind ja diese Themen schon seit Monaten Thema in den Gesprächen. Das fängt ja jetzt nicht mit der Hotline an. Wir sind voll von Erfahrungen und Gesprächen aus den vergangenen Monaten. Dadurch ist natürlich auch die Erfassung der Themen geprägt von dem, was wir schon gehört haben."

Auch wer Druck ausgeübt haben soll, erfassen die Seelsorger in Hofheim und Mainz: Tebartz selbst, sein Fahrer, sein Generalvikar oder andere Bistumsmitarbeiter. Der rechtswidrig geschasste Theologe Patrick Dehm nimmt die Hotline aber nicht in Anspruch. Wer abgemahnt oder gekündigt wurde, meint er, braucht anderes:

"Seelsorgerliche Aussprache kann keine Aufarbeitung bedeuten. Wiedergutmachung ist hier angesagt. Die Leitung muss das Gespräch suchen, nicht die Opfer."

Datengrundlage, um für die Zukunft zu lernen

Die Bistumsleitung rede mit vielen, sagt Sprecher Stefan Schnelle, ohne konkreter zu werden. Personalangelegenheiten behandle man diskret, strittige Fälle sei man mit der Mitarbeitervertretung durchgegangen, der Fall Dehm sei aber abgeschlossen mit einem Vergleich und einer finanziellen Abfindung. Er könne sich neu bewerben. Als Beruhigungspille will Pfarrer Reichert die Hotline keinesfalls verstanden haben, die Dokumentation liefere schließlich die Datengrundlage, um aus der Ära Tebartz zu lernen.

"Das ist es schon wichtig, dass man weiß, da wird etwas gesammelt und hoffentlich daraus auch dann Konsequenzen gezogen. Und so hoffen wir, dass vom Leitungsstil her sich einiges ändert ..."

ergänzt Pfarrer Reinhold Kalteier,

"... dass sich vom Diskussionsstil her einiges ändert, sich vom Beratungsstil sich einiges ändert, bis hin dann auch bei der Auswahl des neuen Bischofs."

Bis zum Auslaufen der Hotline Ende des Jahres bleibt allerdings offen, ob die Ergebnisse öffentlich ausgewertet werden, in welcher Form sie in eine weitere Aufarbeitung einfließen und ob zum Beispiel von Anrufern belastetes Personal zur Verantwortung gezogen wird.

 

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