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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 10.09.2007

Bisanz: Frauen spielen begeisterter Fußball

Erster Trainer der Frauennationalmannschaft sieht Deutschland als WM-Favorit

Moderation: Tom Grote

Die  Spielerinnen Birgit Prinz (links) und Simone Laudehr jubeln über das 2:0 beim Eröffnungsspiel gegen Argentinien. (AP)
Die Spielerinnen Birgit Prinz (links) und Simone Laudehr jubeln über das 2:0 beim Eröffnungsspiel gegen Argentinien. (AP)

Gero Bisanz hat 1982 die erste Frauenfußballnationalmannschaft aufgebaut und trainiert. Die Spielerinnen seien damals besessen gewesen von der Idee, "Fußball zu spielen und gut Fußball zu spielen". Insgesamt sei bei den Frauen die Begeisterung fürs Fußballspielen größer als bei den Männern, glaubt der heute 72-Jährige. Bei der derzeitigen WM in China sieht der die Deutschen als Favorit.

Grote: Da können die deutschen Fußballmänner nur von träumen: 2003 wurden die deutschen Frauen Weltmeister. Sie sind mehrfacher Europameister und bei der Fußball-WM, die heute in China beginnt, gelten sie also Favoritinnen auf den Titel. Und mit dem Erfolg kamen auch die Zuschauer. Aber das war nicht immer so. Bis 1970 war Frauenfußball beim DFB nämlich verboten. Gero Bisanz war erster Bundesfrauenfußball-Trainer, hat vor 25 Jahren die erst deutsche Frauen-Elf aufgebaut und ist jetzt in unserem Studio in Köln. Guten Morgen, Herr Bisanz!

Gero Bisanz: Guten Morgen, Herr Grote!

Grote: Was hatte denn der DFB gegen Frauen, die Fußball spielen?

Die Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft der Frauen in Schanghai. (AP)Die Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft der Frauen in Schanghai. (AP)Bisanz: Das kann ich nicht sagen, was der DFB hatte. Frauenfußball war in den 60er und 70er Jahren mehr zur Belustigung der Männer, glaube ich, durchgeführt, als nach echten Regeln und der DFB wollte den Männerfußball behalten und den Frauenfußball eigentlich ausklammern. Wenn dann andere Nationen Nationalmannschaften hatten, dann kamen dann auch aus Deutschland Stimmen, die eine Nationalmannschaft forderten und dem konnte sich der DFB nicht verschließen.

Grote: War das denn so einfach, dass dann der DFB gesagt hat, na gut, dann ändern wir halt unsere Meinung?

Bisanz: Ja, ich denke, dass ein Antrag vom Frauenbeauftragten im DFB-Bundestag dann durchgekommen ist. Man sah, dass international Frauenfußball akzeptiert wurde und da konnte der DFB sich ja nicht ausschließen und hat dann auch mich gebeten 1982, eine Frauennationalmannschaft aufzubauen und das haben wir gemacht und auch, glaube ich, ganz gut gemacht.

Grote: Wie war das denn, warum ist man ausgerechnet auf Sie gekommen?

Bisanz: Ja, das ist eine gute Frage. Ich bin Dozent an der Sporthochschule in Köln gewesen und habe in der Zeit mit Studentinnen gearbeitet und habe da auch Frauenfußball, mit Frauen Fußball gespielt und trainiert oder sie methodisch eingewiesen, sagen wir es mal so. Und ich glaube, dass der Herr Neuberger, der Präsident des DFB damals, glaubte, dass ich dafür wohl der geeignete Mann sei.

Grote: Und wie oft haben Sie dann so ein abschätziges "ach, der trainiert die Fußballfrauen" gespürt?

Bisanz: Einige Jahre lang.

Grote: Was haben Sie da gemacht?

Bisanz: Ja, wir haben zunächst einmal suchen müssen nach Spielerinnen, die schon jahrelang oder mehrere Jahre Training hatten. Ich brauchte ja zum Aufbau einer Mannschaft zunächst mal eine Grundlage und das waren damals nur einige wenige Mannschaften in Deutschland, die Fußball spielten, die auch schon ganz gute Spielerinnen hatten. Aber um eine Nationalmannschaft aufzubauen, musste man mit jungen Spielerinnen arbeiten und diese jungen Spielerinnen habe ich dann im Laufe der ersten zwei, drei, vier Jahre gesucht und letztlich auch gefunden.

Grote: Wie schwer war es denn, aus denen dann eine Mannschaft zu formen?

Bisanz: Das ist eigentlich nicht so schwer gewesen. Schwierig war, den Leistungsgedanken an erste Stelle zu stellen. Es war damals üblich, nur ein- oder zweimal in der Woche zu trainieren und damit konnte man keine Leistung erreichen. Ich habe sehr viel Sondertraining gemacht, Sondertraining angeboten, sehr viel individuell gearbeitet und wir haben dann '86/'87 eine Mannschaft gehabt, von der ich glaubte, dass sie jetzt wirklich auch als Grundlage einer Nationalmannschaft dienen konnte. Und das ist dann bewiesen worden, indem wir '89 unsere erste Europameisterschaft gewonnen haben hier im eigenen Lande vor einem herrlichen Publikum in Osnabrück, vor, ich glaube, 23-24.000 Zuschauern.

Grote: Vor dem Sieg damals bei der Europameisterschaft hat sich die Berichterstattung aber hauptsächlich beschränkt auf so lustige Filme a la "Ha, ha, komisch, Frauen versuchen auch Fußball zu spielen". Wie ist denn die Mannschaft damit umgegangen?

Bisanz: Ich habe da, glaube ich, keine Probleme damit gehabt, weil die Spielerinnen, die zu mir kamen oder die ich geholt habe, die wir zusammengebracht haben, um eine Mannschaft aufzubauen, davon überzeugt waren, dass Fußball ihr Spiel war. Sie haben das Fußballspielen gerne gespielt und waren unheimlich aufmerksam in den Trainingseinheiten. Sie wollten, sie waren besessen von dieser Idee, Fußball zu spielen und gut Fußball zu spielen. Und deshalb waren diese abfälligen Bemerkungen oder Kommentare eigentlich gar kein Thema.

Grote: Silvia Neid, Ex-Spielerin und heute Trainerin der Nationalmannschaft, die hat mal gesagt, alle warteten doch damals nur auf einen Trikottausch. Hat sie übertrieben oder stimmte das?

Bisanz: Ja, ich glaube schon, dass das damals so war, dass die Männer Frauenfußball sich angesehen haben, um ein bisschen mehr Belustigung zu haben.

Grote: Sie haben ja mal gesagt, die Männer gingen nicht zum Spiel, um Fußball zu sehen.

Bisanz: Ja, so kann man das, glaube ich, sagen. Es war in den Anfängen wirklich so.

Grote: Was wollten die denn sehen? Was meinen Sie?

Bisanz: Ich kann mir vorstellen, dass das eine Volksbelustigung war, dass Fußball so auf Volksfesten gespielt wurde und eigentlich nicht in richtigen Ligen und das Problem war, das einzurichten, dass ich dann auch sehr schnell eine Bundesliga gefordert habe, um wirklich feste Strukturen reinzukriegen.

Grote: Herr Bisanz, es kursierten damals die merkwürdigsten Vorurteile über Frauenfußball. In einem Fußballchat habe ich die ernsthafte Frage von 1975 gefunden, ob Frauen auch Preisgelder kriegen oder Töpfe und Pfannen als Belohnung für einen Sieg. Hat sich das heute wirklich geändert, oder tun die meisten nur so, als würden sie Fußball spielende Frauen wirklich akzeptieren?

Bisanz: Nein, das hat sich wirklich geändert. Die Qualität der Spiele unserer Frauen sind wirklich … die Qualität ist wirklich sehr gut. Man kann auch als Mann, der gewohnt ist Bundesliga am Samstag und Sonntag zu sehen, auch Frauenspiele anschauen mit wirklich gutem Ergebnis und diese, ja, das was man früher als Preis bekommen hat, ist auch heute passé. Heute gibt es wirklich auch schon Geld. Die FIFA stellt eine sehr hohe Summe zur Verfügung für diese Frauenweltmeisterschaft und auch für die Mannschaften, die da weiterkommen und gewinnen.

Grote: Die Fußballmänner sind lange nicht so erfolgreich, wie die Fußballfrauen. Trotzdem hat bei den Männern ein Sieg ein viel größere und stärkere Bedeutung. Warum ist das so?

Bisanz: Das kann man ja eigentlich nicht sagen. Die Männer sind ja auch schon dreimal Weltmeister geworden, einige Male Europameister geworden. Also der Erfolg ist sicherlich auch da, nur der Fußball in Deutschland ist so dominant, der Männerfußball ist so dominant, dass es sehr schwer ist, für die Frauen, sich dort auch durchzusetzen. Aber mittlerweile wird der Frauenfußball akzeptiert, wird nie den Stellenwert des Männerfußballs erreichen, das ist in allen Ländern so, in denen der Männerfußball jahrelang erfolgreich und gut gespielt wurde.

Grote: Was machen denn die Fußballfrauen besser als die Männer?

Bisanz: Ob sie es besser machen, weiß ich nicht, aber sie sind sehr willig und begeistert, alles im Fußball zu erlernen, was möglich ist. Das habe ich bei den einzelnen Trainingeinheiten festgestellt. Die wollen ihre Leistung verbessern, sie sind trainingsfleißig und das ist sicherlich bei den Männern ähnlich so, aber die Begeisterung, Fußball spielen zu wollen und zu dürfen, das habe ich bei den Frauen festgestellt, die ist größer.

Grote: Kommt diese Begeisterung vielleicht auch daher, dass die Fußballerinnen nicht ganz so satt sind, wie die Männer?

Bisanz: Das ist sicherlich möglich, dass das ein Grund ist.

Grote: Kommen wir zur WM, die heute in China beginnt. Werden wir Weltmeister?

Bisanz: Das ist sehr schwer zu sagen. Man kann es nie voraussagen. Die Grundlagen dazu hat Silvia Neid geschaffen mit ihrem Training, ich habe einige Male zugesehen. Sie ist auch sehr zuversichtlich, dass es klappt. Es hängt sicherlich einmal von dem ersten Spiel heute ab gegen Argentinien. Wenn sie das gewinnt, das gibt Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen. Die Chance ist da, und ich glaube, dass sie mit ihrer Mannschaft zu den Favoriten zählt.

Grote: Auf welche Spielerin müssen wir besonders achten?

Bisanz: In der deutschen Mannschaft?

Grote: Ja.

Bisanz: Wenn Renate Lingor im Mittelfeld ihre gute Form, oder eine gute Form bekommt, eine gute Form bringt und das Spiel lenken und leiten kann, wenn die Abwehr dann einigermaßen sicher steht - ich weiß im Augenblick noch nicht, wer im Tor steht - dann werden wir sicherlich vorne mit Birgit Prinz, die sehr torgefährlich ist und mit anderen schon Tore schießen und auch möglicherweise dann gewinnen.

Grote: Um 14 Uhr gibt es das Eröffnungsspiel Deutschland gegen Argentinien, das ZDF überträgt live. Ihr Tipp fürs Spiel heute?

Bisanz: Ich denke mal, dass wir zwei oder drei:null gewinnen.

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