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Zeitfragen | Beitrag vom 11.11.2020

Bis heute verschollenWo starb mein Großvater?

Von Julia Smilga

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Altes Porträt von Isaj Bondar und seinem Bruder Miron (privat)
Isaj Bondar (rechts) – der Großvater unserer Autorin – zusammen mit seinem Bruder Miron. (privat)

Die Kesselschlacht von Kiew 1941 war Hitlers größter Sieg – und Russlands größte Katastrophe. Der Großvater der Journalistin Julia Smilgas kämpfte dort. Bis heute gilt er als vermisst. Was ist im zugestoßen? Unsere Autorin begibt sich auf die Suche.

"Dieses Album stammt aus den Fünfzigerjahren. Es sind aber alles Fotos aus der Zeit vor dem Krieg. Das ist mein Vater. Schau, er ist auf allen Fotos in einer Art Feldhemd. Er war bereits vor dem Krieg beim Militär, als Setzer in der Druckerei im Stab des Kiewer Militärbezirks. Im Krieg gehörte seine Druckerei zum Oberkommando der Heeresgruppe Südwestfront. Ein sehr verantwortungsvoller Posten. Damals, zu Stalinzeiten, konnte dir ein Druckfehler schwere Repressalien bescheren."

Ein paar Fotos – das ist das Einzige, was von meinem Großvater Isaj Bondar übrig blieb. Mein Vater war vier, als er ihn das letzte Mal sah. Drei Wochen nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde mein Vater zusammen mit seiner Mutter und dem Bruder im Juli 1941 aus Kiew in den Ural evakuiert. Drei Briefe schickte der Großvater von der Front, voller Hoffnung auf den baldigen Sieg. Dann nach einer langen Pause kam ein halbes Jahr später die Meldung: vermisst.

"Meine Mutter lag den ganzen Tag im Bett und weinte. Ich hoffte trotzdem noch lange, dass er zurückkommt. Doch irgendwann nach dem Krieg traf meine Mutter zufällig seinen Chef, den Leiter der Militärdruckerei. Ihm gelang die Flucht aus der deutschen Gefangenschaft – und er erzählte über das Ende meines Vaters. Es war September 1941, sie zogen sich zurück, Deutsche haben sie eingeholt. Ein Offizier trat vor und befahl: Juden und Kommunisten – ein Schritt nach vorne. Mein Vater machte diesen Schritt, wurde hinter eine Scheune geführt und dort erschossen."

Ein Schritt in den Tod

Ob mein Großvater Isaj Bondar, 1900 geboren, ein Kommunist war, wissen wir nicht. Aber er war Jude. Ich kenne diese Geschichte seit meiner Kindheit – und schon damals ärgerte ich mich, dass mein Opa so ehrlich war und diesen Schritt in den Tod machte. Er hätte sich doch verstellen können!

In der Sowjetunion wussten wir wenig über den Holocaust. Erst mit der Übersiedlung nach Deutschland wurde mir das Ausmaß der Judenvernichtung klar. Trotzdem hielt ich das schreckliche Schicksal meines Großvaters für sein persönliches Pech. Bis ich 2003 in Sankt Petersburg den 83-jährigen Alexander Schuk kennenlernte. Genau wie mein Großvater hatte Schuk 1941 die Stadt Kiew verteidigt und wurde in demselben Kessel gefangen genommen. Auch ihm als Jude drohte die sofortige Erschießung.
 
"Nach drei Tagen in der Gefangenschaft befahl man, während man versprach, uns mit Brot zu verpflegen, uns nach Nationalitäten aufzuteilen: Russen, Ukrainer, Tataren, Juden. Instinktiv gab ich mich als Tatare aus und dachte mir schon einen neuen Namen und eine andere Biografie aus. Doch danach fragte keiner. Nachdem alle sich zusammengefunden hatten, ließ man die jüdische Reihe vortreten, ließ die Männer sich ausziehen und erschoss sie mit dem Maschinengewehr. Das war das erste Gemetzel, dass ich selbst gesehen habe."

Anfragen beim Militärarchiv bleiben ohne Ergebnis

Das erste Mal in meinem Leben traf ich jemanden, der Ähnliches erlebt hatte wie mein Großvater – mit dem Unterschied, dass mein Großvater erschossen wurde und Alexander Schuk überlebte.

Seine Erzählung führte mir vor Augen, dass Großvaters Schicksal als Jude System hatte. Seine Schilderungen der Gefangenenlager, wo Hunderte Rotarmisten täglich vor Hunger und Durst starben, und wo das Wachpersonal immer und immer wieder nach Juden suchte, haben in mir einen Wunsch geweckt. Ich muss herausfinden, wo genau mein Großvater in Gefangenschaft geraten war. Vielleicht steht irgendwo noch diese Scheune, die er als letztes in seinem Leben gesehen hatte. Vielleicht könnten mein Vater und ich dort seiner gedenken?

Doch alle Anfragen bei Militärarchiven und Suchdiensten in Russland und Deutschland blieben ohne Ergebnis. Ich bekam nur die Kopie seiner Vermisstenmeldung: Rotarmist Isaj Bondar gilt seit dem 14. September 1941 als vermisst. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Ich suchte nach Hinweisen zu den Aufenthalten des Oberkommandos Südwest, in der Militärliteratur und im Internet. Ich wandte mich an deutsche Militärhistoriker. Alles ohne Ergebnis. Den Spezialisten, der 2012 ein Buch über den Kiewer Kessel schrieb, finde ich schließlich in Australien.

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"Mitte Juli 1941 nähern sich die Deutschen Truppen der Stadt Kiew. Die Stadt wird im Westen belagert. Gleichzeitig besetzen die Deutschen die südliche Biegung vom Fluss Dnepr. Die Sowjets verteidigen die andere Uferseite. Oben im Norden marschiert eine andere deutsche Heeresgruppe durch Weißrussland Richtung Moskau. So werden die russischen Truppen eingezwängt zwischen zwei deutschen Heeresgruppen", so Historiker David Stahel, Dozent an der University of New South Wales in Sydney.

Adolf Hitler erkennt diese einmalige Gelegenheit und befiehlt seinen Soldaten, statt nach Moskau Richtung Süden zu gehen. Am 15. September sind die sowjetischen Truppen in der Nähe der Stadt Lochwizy umzingelt.

"Das ist der größte Kessel, der den Deutschen im Zweiten Weltkrieg gelingt. 665.000 sowjetische Kriegsgefangene, 900 Panzer, unzählige Artilleriegeschütze haben sie erbeutet. Es ist eine riesige Schlacht. Die sowjetischen Einheiten versuchen, in kleinen Gruppen nach Osten auszubrechen, doch im Großen und Ganzen bleiben diese Versuche erfolglos, nur knapp 20.000 schaffen es. Ende der dritten Septemberwoche erklären die Deutschen die Schlacht um Kiew für beendet und verkünden den großen Sieg."

Die Spur führt zur "Grube Horol" – ein Gefangenenlager

Noch im Juli warnten Militärkommandeure Joseph Stalin vor dieser möglichen Katastrophe. Sie baten ihn um den Rückzug der Armeen. Was die Aufgabe der Stadt Kiew bedeutet hätte. Stalin wollte davon nichts hören, er befahl zu kämpfen – bis zum bitteren Ende. Mein Großvater war mittendrin. Doch wo genau wurde er gefangen genommen?  
 
"Die Tatsache, dass er seit dem 14. September 1941 vermisst wird, muss nicht heißen, dass er genau an dem Tag gefangen genommen wurde. Das war vielleicht seine letzte Unterschrift, die beweist, dass er an dem Tag noch da war. Wenn wir annehmen, dass er mit dem Oberkommando der Südwestfront unterwegs war, so wissen wir, dass dieses, etwa 1000 Mann stark an dem Tag noch intakt war und Richtung Pirjatin zog – etwa 150 Kilometer östlich von Kiew. Doch schon sehr bald gab es keine Kommunikation mehr zwischen den Armeen, der Ring schloss sich, alles brach zusammen. Das Oberkommando nahm nordwestliche Richtung ein – nach Lochwitzy. Kurz davor wurden sie in der frühmorgendlichen Schlacht am 20. September vernichtet."

Die letzte Schlacht fand in einem Waldstück namens Schumejkowo statt, sagt Stahel. Höchstwahrscheinlich geriet hier mein Großvater in Gefangenschaft. Das nächste große Kriegsgefangenenlager, erfahre ich aus dem Internet, befand sich 70 Kilometer weiter südlich in der Stadt Chorol. Also rufe ich dort das Heimatkundemuseum an – vielleicht haben sie noch eine Namensliste aus dem Lager?

Ja, haben sie, sagt mir die Museumsleiterin Nelly Grigorjewna. "Die Grube Horol", wie das Lager damals genannt wurde, befand sich tatsächlich in einer tiefen Lehmgrube bei einer verlassenen Ziegelfabrik.

"Bis 1943 gingen durch das Lager etwa 200.000 Gefangene und gestoben sind hier zwischen 55.000 und 104.000 Menschen. Genauere Daten haben wir nicht, unsere Namensliste ist nicht lang. Die haben wir mühsam zusammengestellt aus Erinnerungen der früheren Insassen. Es sind keinerlei Dokumente oder Kriegsgefangenen-Karteien erhalten geblieben. Unsere Stadt wurde 1943 beim Rückzug der Wehrmacht zu 70 Prozent niedergebrannt."

Keine Überlebenschance für jüdische Kriegsgefangene

Den Namen meines Großvaters findet die Museumsleiterin leider nicht in ihrer Liste. Vielleicht aber kam mein Großvater gar nicht bis ins Lager, sondern wurde sofort nach seiner Gefangennahme erschossen? Die Suche führt mich darum weiter nach Yad Vashem, zum Holocaustmemorial in Jerusalem.

Der israelische Historiker Aron Shneyer forscht schon sein Leben lang zu den Schicksalen jüdischer Kriegsgefangener. Sein Buch "Zum Sterben verurteilt" ist eine erschütternde Lektüre. Manche jüdische Rotarmisten wurden gleich nach der Festnahme von den Wehrmachtssoldaten erschossen, sagt der Historiker. Öfters jedoch geschah dies bei den sogenannten Selektionen in den Kriegsgefangenenlagern.

"Das Einmalige an der Tragödie der jüdischen Kriegsgefangenen liegt darin, dass sie gar keine Überlebenschance hatten. Gefangene anderer Nationalitäten konnten durch Zusammenarbeit mit den Nazis ihr Leben retten. Juden wollten, brauchten die Nazis nicht einmal als Kollaborateure." 

Die Tragödie bleibt unbegreifbar

Von etwa 80.000 jüdischen Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft gerieten, haben nur rund 4700 überlebt. Weil sie so geistesgegenwärtig waren und sich eine andere Nationalität und Identität gaben, erzählt Aron Shneyer. Mein Großvater tat das nicht. Warum aber machte er diesen verdammten Schritt nach vorn?

"Zu dieser Zeit wussten alle jüdischen Rotarmisten, was auf sie in der deutschen Gefangenschaft wartet – eindeutig der Tod. Was ihn zu diesem Schritt bewegte, ist eine sehr komplexe Frage. Es spielten sicher seine Menschenwürde, sein Mut und die Bereitschaft zu sterben, eine Rolle. Vielleicht ahnte er, welch unbeschreiblichen Schikanen ihn als Juden erwarteten, bevor er sowieso getötet würde. Vielleicht wusste er, dass er von seinen Mitstreitern als Jude verraten würde.  Wir können heute diese Tragödie nicht ganz begreifen – vielleicht zu unserem Glück."

Auch in Arons Shneyers Liste der gefangenen jüdischen Rotarmisten findet sich der Name meines Großvaters nicht. Bis heute gelten 2,4 Millionen sowjetische Soldaten als vermisst. Einer davon ist mein Großvater Isaj Bondar.

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