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Fazit | Beitrag vom 16.05.2020

Birgit-Jürgenssen-Retrospektive in BremenEin faszinierendes Werk über feministische Selbstbefreiung

Von Anette Schneider

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Surrealistisch anmutendes Schuhobjekt in Form eines Raubvogels. (picture alliance/dpa/Carmen Jaspersen)
"Netter Raubvogelschuh": Jürgenssen griff auch den Fetisch "Frauenschuh" auf und entwarf surrealistisch anmutende Schuhobjekte. (picture alliance/dpa/Carmen Jaspersen)

Zornig, sarkastisch und ironisch hat Birgit Jürgenssen die gesellschaftliche Benachteiligung der Frau thematisiert: herrschende Rollenzuweisungen, sexuelle Gewalt und Schönheitsideale. In der Bremer Weserburg wird nun das Werk der Österreicherin gewürdigt.

Was für eine barbarische Bilderfindung! "Stiefelknecht" heißt eine kleine Zeichnung. Darauf: Eine Frau, die durch einen Stiefelknecht im Nacken fixiert wird, durch den Seile verlaufen, die die Frau fesseln und bewegungsunfähig machen.

Ebenso beklemmend: Das große Aquarell eines nackten Paares, das eng nebeneinander auf dem Boden kauert und durch den Griff eines Kinderwagens auf ewig aneinander gefesselt ist! Entsprechend heftig presst sich auf einer Fotografie eine junge Frau gegen eine Glasscheibe, auf deren Brustansatz steht: "Ich möchte hier raus!"

Der weibliche Körper und seine Zuschreibungen

Raus aus gesellschaftlichen Verhältnissen, die für die Frau nichts weiter vorsahen als die Rolle der braven Hausfrau und Mutter. Seit Anfang der 1970er-Jahre führte Birgit Jürgenssen diese Zurichtung des Individuums exemplarisch an ihrem eigenen Körper vor Augen – in feinen, farbigen Zeichnungen, in Fotoinszenierungen, Objekten und Malerei.

Im Mittelpunkt stand dabei, so die Direktorin der Bremer Weserburg, Jannekke de Vries, "der weibliche Körper und seine gesellschaftlichen Zuschreibungen: Mit was für Ansprüchen geht Frau an sich selber heran? Was für Rollen und Ansprüche werden von der Gesellschaft an die Frau herangetragen? Wie reagiert sie darauf? Fügt sie sich? Befreit sie sich?"

Verblüffende, poetische, verstörende Motive

Birgit Jürgenssen gehörte zur feministischen Avantgarde. 1949 in eine konservative Arztfamilie hinein geboren, brach sie früh von zuhause aus: Sie studierte Kunst in Wien, experimentierte mit Fotografie, erlebte die Männerbünde des Kunstbetriebs, protestierte dagegen mit Kolleginnen und entwickelte bis zu ihrem Tod 2003 ein umfangreiches, faszinierendes Werk über gesellschaftliche Rollenbilder, patriarchale Gängelung und feministische Selbstbefreiung.

"Das Charakteristische ist, dass es unfassbar schwer zusammenzufassen ist, weil es so eine unglaubliche Fülle und eine unglaubliche Neugierde von Birgit Jürgenssen gibt, diese verschiedenen Themen anzugehen", erklärt de Vries. Schon die rund 200 Arbeiten, die in den weiten Räumen der dritten Etage großzügig chronologisch gehängt sind, präsentieren immer neue verblüffende, poetische, verstörende oder ätzend-böse Motive:

In einer Fotoserie tanzt die Künstlerin mit dem Tod. Sie malt sich eine gekrümmte Wirbelsäule auf ihren nackten Rücken. Sie zeichnet sich mit einem raubtierähnlichen Nagerfell über dem Kopf und führt damit das Gerede von der Frau als "Mäuschen" ebenso ad absurdum wie das Klischee, alle Frauen hätten Angst vor Mäusen oder Ratten. Und sie greift den Fetisch "Frauenschuh" auf und entwirft surrealistisch anmutende Schuhobjekte: Mal sind sie aus rostigem Metall, mal besteht die Sohle aus dem Unterkiefer eines Tieres mit scharfen Eckzähnen.

Beeinflusst durch Meret Oppenheim und Louise Bourgeois

"Das hat sie eben auch ganz deutlich gesagt, dass Meret Oppenheim und Louise Bourgeois ihr viel, viel näher sind als die zeitgenössischen Künstlerinnen um sie herum, weil sie eben dieses Subversive, was die gehabt haben, und auch Lyrische viel spannender findet als andere Haltungen", sagt die Museumsdirektorin.

Der männliche Kunstbetrieb fand all das nicht so witzig und stellte Jürgenssen damals ebenso selten aus wie andere Frauen. So musste sie sich viele Jahre als Assistentin von Arnulf Rainer über Wasser halten, der ihr als Erstes erklärte, dass Frauen nicht malen könnten, woraufhin sie in den 80er-Jahren großformatige, expressive Bilder malte – aufgerissene Münder, blutig rotes Fleisch.

"Ich finde das als Strategie extrem spannend, plötzlich expressionistisch, primitivistisch Anklänge in ihrer Malerei zu verarbeiten, weil: Das ist, glaube ich, so die machohafteste Kunstbewegung, die man sich vorstellen kann. Und dass sie sich das aneignet auch durchaus als Hieb gegen diese sehr männlich dominierten Bewegungen." 

Männer werden gebügelt und ad acta gelegt

Und sie reagierte mit Humor: Auf einer Zeichnung sieht man, wie eine Frau an einem Bügelbrett Männer bügelt, dann exakt zusammenfaltet und in einem großen Wäschekorb ad acta legt. Was eben so passieren kann, wenn Mann von seinen Privilegien nicht lassen will! Nur, warum blieb so einer Künstlerin zu Lebzeiten der internationale Erfolg so völlig versagt?

Vielleicht, überlegt Jannekke de Vries, weil sie sich – anders als Valie Export oder Cindy Sherman – nicht so leicht zuordnen ließ: "Von der Qualität her ist sie absolut vergleichbar. Und sie selber hat einmal gesagt: 'Ich bin viel zu sehr daran interessiert, Experimente zu machen, als mir Markenzeichen auszudenken.' Für ihre Bekanntheit wäre das vielleicht hilfreich gewesen, ihre Bilder immer auf den Kopp zu hängen."

Seit einigen Jahren wird Birgit Jürgenssen nun endlich entdeckt und ausgestellt, auch international. Und so bitter es ist, dass das Werk der 2003 mit 54 Jahren verstorbenen Künstlerin heute noch immer aktuell ist, so faszinierend und Mut machend sind ihre unbändige Kreativität und ihre Energie, mit der sie unermüdlich gegen die das Individuum deformierenden Verhältnisse anging.

Die Ausstellung "Birgit Jürgenssen. Ich bin." ist noch bis zum 4. Oktober in der Bremer Weserburg zu sehen.

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