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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.06.2016

Biotechnologie"Menschen erzeugen ohne biologische Eltern"

Regine Kollek im Gespräch mit Nana Brink

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DNA-Strang (imago/stock&people/Science Photo Library)
DNA: Was wir sind, steht unter anderem hier drin (imago/stock&people/Science Photo Library)

Kürzlich haben US-Forscher angekündigt, das komplette menschliche Genom synthetisch herstellen zu wollen. Das werfe einige ethische Fragen auf, meint die Biotechnikerin Regine Kollek.

Eine Gruppe von US-Forschern will ein künstliches menschliches Genom erzeugen. Sie glauben daran, dass dies große Fortschritte in der Transplantationsmedizin und der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen bringen wird. Für das Projekt müssen sie einen extrem großen Aufwand betreiben: Alle rund drei Milliarden der sogenannten Basenpaare des menschlichen Genoms sollen synthetisch hergestellt und dann in lebende Zellen eingepflanzt werden.

Regine Kollek, Professorin für Technologiefolgenabschätzung der modernen Biotechnologie an Universität Hamburg und ehemaliges Ethikrat-Mitglied, sagte hingegen im Deutschlandradio Kultur, ob aus dem Projekt tatsächlich medizinischer Fortschritt erwachse, sei noch offen. Sinn und Zweck des Vorhabens seien nicht auf den ersten Blick ersichtlich – gerade im Bereich der Medizin brauche man gar nicht unbedingt die Synthese des gesamten Genoms.

Die "Herstellung" eines neuen Menschen sei nicht die Absicht der Forscher - da ist sich Kollek sicher. Das werde durch das Projekt aber einfacher und möglicher. Es zwinge uns, darüber nachzudenken, "was uns als Menschen ausmacht und wer wir sein wollen", mahnte Kollek. Eine Genese des menschlichen Genoms würde der Klon-Technik weitere Dimensionen hinzufügen. Denn diese könnte auch die Möglichkeit eröffnen, einen Menschen ohne biologische Eltern zu erzeugen oder frühere Menschen zu reproduzieren.


Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Mehr als 12 Jahre haben Wissenschaftler ja gebraucht, um das erste menschliche Erbgut komplett lesen zu können. Das internationale Humangenomprojekt gilt als Meilenstein in der Wissenschaft, auch wenn sich bis heute ja nicht alle darin gesetzten Hoffnungen erfüllt haben.

Nun soll es aber schon einen Nachfolger bekommen, nämlich ein Projekt, das die Wissenschaftler in die Lage versetzt, auch in diesem Genom schreiben zu können, also das Erbgut des Menschen soll nicht nur lesbar, sondern auch schreibbar gemacht werden, und Ziel ist es, den gesamten Bauplan eines Menschen künstlich im Labor herzustellen.

Nachdem ein Symposium zum Thema zunächst ganz geheim stattgefunden hat, sind die Pläne der US-Forscher jetzt in der Wissenschaftszeitung "Science" nachzulesen. (…) Über dieses Projekt, auch sozusagen den menschlichen Bauplan schreiben zu können, da möchte ich jetzt sprechen mit Regine Kollek, sie ist Professorin für Technologiefolgenabschätzung der modernen Biotechnologie an der Uni Hamburg und war lange im Ethikrat. Guten Morgen!

Regine Kollek: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Wie bedeutend ist das Projekt, wie schätzen Sie das ein?

Kollek: Na auf jeden Fall ist es zunächst einmal sehr ambitioniert und führt Ansätze aus Biologie und Ingenieurswissenschaften zusammen, um DNA-Stücke bisher unbekannter Größenordnungen zusammenzubauen.

Die Kosten sollen drastisch reduziert werden

Ich denke, wichtig ist dieses Projekt vor allen Dingen für die technologische Entwicklung im Bereich der Genomforschung und der synthetischen Biologie, und das primäre Ziel besteht dann auch darin, die Kosten für die Veränderung und Synthese solcher Genombereiche auch drastisch zu reduzieren.

Wie gesagt, das ist besonders im Bereich der synthetischen Biologie außerordentlich wichtig, weil da kann man dann eben auch neue Bausteine zusammensetzen und neue Funktionseinheiten konstruieren. Also ich denke, dass die Herstellung eines neuen Menschen tatsächlich erst mal wirklich gar nicht die Absicht ist, aber sie wird natürlich einfacher und möglicher dadurch.

Brink: Gut, die Frankensteinthese, die können wir vielleicht später noch mal besprechen. Erst mal will ich auch verstehen, warum will man das? Wahrscheinlich ist es eine völlig falsche Frage, die man einem Wissenschaftler stellt.

Kollek: Nein, das ist schon völlig richtig, und sie ist außerordentlich berechtigt, weil das menschliche Genom, die Sequenz ist ja bekannt, und man kann ja aus jedem menschlichen Körper Milliarden Zellen herausisolieren, die dieses Genom bereits enthalten.

Also von daher ist die Frage berechtigt, warum man das denn überhaupt macht. Also biologisch kann man vielleicht sich überlegen, dass es sinnvoll ist, die Sequenz, die man analysiert hat, noch einmal zu verifizieren, also zu gucken, ob man wirklich die richtigen Sequenzen hat, die dann auch …

Brink: Also ob man sie auch verstanden hat, kann ich das so sagen?

Kollek: Ob man sie tatsächlich auch verstanden hat und richtig zusammengesetzt hat, aber das ist vielleicht nur ein Ziel. Ob und welche medizinischen Fortschritte daraus erwachsen, ist derzeit wirklich offen, weil man hat ja auch andere neue Technologien, also die sogenannte CRISPR-Technologie, die Gen-Editierungstechnologie, mit der man sehr viele Veränderungen relativ schnell und einfach einführen kann. Also von daher ist der Sinn und Zweck nicht wirklich auf den ersten Blick ersichtlich.

Brink: Aber er führt auch dahin, was wir auch in dem Beitrag gehört haben, dass man eben Dinge zum Beispiel dann, auch wenn man sie lesen kann und dann auch schreiben kann, verändern kann – auch im Sinne von Krankheiten? Also das wäre ja etwas, was wir zum Beispiel, ja, was mich zum Beispiel besonders interessieren würde.

Krankheiten: Andere Techniken helfen einfacher

Kollek: Das ist sicherlich ein Gedanke dabei, dass man Gene, die Krankheiten mit hervorrufen – sie sind es ja zumeist nicht alleine –, dass man die genauer versteht und auch korrigieren kann, aber wie gesagt, dazu braucht man eigentlich die Synthese des Gesamtgenoms nicht, sondern das wäre zumindest nach heutigem Stand der Technik einfacher mit dem Genom-Editierungstechniken möglich, weil man da schon bei jetzt lebenden Menschen solche Korrekturen im Prinzip vornehmen könnte.

Brink: Jetzt gucken wir auf den gesamten Bauplan, das ist ja das Ziel auch dieser Forschungsgruppe, den gesamten Bauplan des Menschen auch schreiben zu können. Wir haben es schon angedeutet: Wie wird das denn unser Bild vom Menschen verändern? Ist denn nicht jeder Mensch auch einzigartig, sodass man gar kein 08/15-Genom eigentlich, wie soll ich sagen, schreiben sollen könnte?

Kollek: Ja. Also, ich meine, letztlich verändert natürlich jede anthropologische, psychologische oder soziologische Erkenntnis unser Bild vom Menschen, und so wird es auch dieses Unterfangen tun, aber dennoch zwingt es uns in besonderer Weise, darüber nachzudenken, was uns als Menschen ausmacht und wer wir sein wollen. Schon die Klontechnik hat natürlich die Möglichkeit eröffnet, Menschen, zumindest was die biologische Seite betrifft, zu reproduzieren. Das stößt nach wie vor auf große biologische, aber vor allen Dingen natürlich auch ethische Vorbehalte, warum es auch nicht als akzeptabel gilt, so etwas zu tun.

Die Synthese des menschlichen Genoms würde dem noch weitere Dimensionen hinzufügen. Man könnte Menschen erzeugen ohne biologische Eltern oder eben frühere Menschen reproduzieren, und damit würde das auch deutlich über das Klonen hinausgehen. Menschen werden also reproduzierbar, und wie Walter Benjamin das mal ausgedrückt hat, durch eine unbegrenzte Vervielfältigung oder zumindest auch die Möglichkeit davon könnte die einmalige Aura, die Anmutung des Besonderen auch verloren gehen und zu einer Entwertung führen.

Brink: Muss nicht im Rahmen solcher Projekte, wenn Sie schon die ethischen Bedenken auch angesprochen haben, es so etwas geben wie ein Moratorium, um Forschung zu steuern, also wo man das eigentlich institutionalisiert solche Fragen, die Sie jetzt aufgeworfen haben?

Die Frage ist: Wie weit wollen wir gehen?

Kollek: Eigentlich ist das ja der Fall, denn es gab sowohl im Rahmen der Gesamtanalyse des menschlichen Genoms wie auch jetzt inzwischen bei fast allen Projekten eine ethische und sozialwissenschaftliche Begleitforschung, wo viele dieser Fragen auch diskutiert werden, auch schon lange, bevor die technologischen Möglichkeiten sich realisiert haben.

Das hat sicherlich einen Einfluss auf die öffentliche und politische Debatte, die geführt wird hierzu, und die muss auch weiter geführt werden.

Ob Moratorien hier wirklich so ein gutes Instrumentarium sind, weiß ich nicht. Sie haben sich bisher eher nur bewährt in dem Sinne, als dass das, was noch nicht möglich war, eben auch noch nicht gemacht wurde, und wenn es möglich ist, dann gibt es immer irgendwelche Leute, die es auch machen wollen.

Also auf jeden Fall ist es wichtig, dass wir intensiv darüber nachdenken, wie weit wollen wir hier gehen und für welche Zwecke sollen diese Techniken angewandt werden. Es gibt ja viele harmlose Dinge, die man damit auch machen kann oder auch Erkenntnisgewinne. Von daher ist die Frage, ob ein Moratorium hier wirklich so sinnvoll ist, für mich schon offen.

Brink: Regine Kollek, Professorin für Technologiefolgenabschätzung an der Universität in Hamburg. Danke für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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