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Tonart | Beitrag vom 25.03.2019

Biopic über "Mötley Crüe"Die Spitze des Schmutzberges

Fabian Elsäßer im Gespräch mit Mathias Mauersberger

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Auf einer rot beleuchteten Bühne stehen im Vordergrund Sänger und zwei Gitarristen, im Hintergund tanzen zwei leicht bekleidete Frauen. Etwas erhöht sitzt der Schlagzeuger. (Getty Images / Theo Wargo)
Motley Crue zu Besuch bei der Jimmy Fallon Show (Getty Images / Theo Wargo)

Biopics über Musiker werden oft zu Kassenschlagern, so zuletzt "Bohemian Rhapsody" über Queen. Ob das auch für "The Dirt" über die Band Mötley Crüe gilt, ist fraglich, denn der Film spart die drogenbedingte Verrohung der Band nicht aus.

Biopics über Musiker sind längst ein eigenes Genre, das Kassenschlager fast schon garantiert, solange die Vorlagen bekannt genug sind: Johnny Cash, Ray Charles oder zuletzt – mit überwältigendem Erfolg – Queen.

Die Glamrock- und Hairmetal-Ära der 80er-Jahre tauchte bisher aber allenfalls in Parodien ("This Is Spın̈al Tap") oder fiktiven Geschichten ("Still Crazy") auf, nicht aber in einem Biopic, also einem Spielfilm, der die Geschichte einer Band anhand biografischer Dokumente und Überlieferungen, Biografien und Autobiografien nacherzählt.

Story vom Aufstieg und Fall einer Band

Der Streamingdienst Netflix hat jetzt die Geschichte der US-Band "Mötley Crüe" verfilmt: "The Dirt". Der Film ist seit diesem Wochenende abrufbar und hält sich dicht an die gleichnamige Autobiografie der vier Musiker, die 2001 erschien und ein Bestseller wurde. Im Buch schildert die Band schonungslos ihren Aufstieg und ihren Niedergang als Rockstars. Sex, Drugs, Rock'n'Roll, so erzählt diese Geschichte, all das gab es bei "Mötley Crüe" zu viel.

Für den Musikjournalisten Fabian Elsäßer ist "The Dirt" in erster Linie auch ein Portrait einer Branche, das zeigt, was offenbar in einer bestimmten Zeit – in den 80ern und 90ern – ab einer bestimmten Erfolgs-Stufe zum Musikgeschäft dazu gehörte: eine Art drogenbegleitete Verrohung.

"Es geht wirklich sehr schmutzig zu"

Während das nun hier sehr deutlich und explizit gezeigt wird, war das in dem zuletzt sehr erfolgreichen Film über die Band Queen "Bohemian Rhapsody" überwiegend ausgeblendet. Der Beleg dafür ist die Einstufung des Films durch den Streaminganbieter Netflix:

"Er hat eine Freigabe ab achtzehn und es geht wirklich sehr schmutzig zu." 

Interessant sei aber, dass sich Netflix hier einer Band angenommen hat, die ungleich weniger populär war und mit ihrem musikalischen Schaffen auch nicht so einflussreich war. Allerdings war die "Mötley Crüe" in Amerika weitaus erfolgreicher als in Europa:
"Die Musik von ´Mötley Crüe` gehört bis heute zum amerikanischen Classic Rock Radio-Fest dazu",  betont Elsäßer. "Das ist dort eine Band, die man immer noch kennt." 
Doch eine echte Auseinandersetzung mit dem damals vorherrschenden Bild und der Stellung von Band, Musik und Musikern in der damaligen Zeit ist hier nach Einschätzung von Fabian Elsäßer "ausgesprochen schwierig":

"Frauen tauchen wahlweise auf als herzlose und überforderte Mütter, also der Mütter der zunächst noch jungen Bandmitglieder, später dann wahlweise als Groupies, Stripperinnen oder Ehefrauen."

Allerdings werde hier die Gewalt gegen Frauen überhaupt nicht ausgeblendet. "'The Dirt' ist da sehr schonungslos und verherrlicht diese Musiker mit ihren Exzessen überhaupt nicht."

In ihrer Haltung zu Frauen und ihrem Umgang mit Sex sei hier die Band "Mötley Crüe" "die Spitze des Schmutzberges", so Elsäßer.

(sru)

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