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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.01.2019

Biolandwirtin Sonja Moor"Uns passt das System nicht"

Sonja Moor im Gespräch mit Shanli Anwar

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Vier Wasserbüffel und Landwirtin Sonja Moor in Berlin-Wannsee auf der Pfaueninsel (dpa-Zentralbild/Robert Schlesinger)
Nimmt seit der ersten "Wir haben es satt"-Demo an den Protesten teil: Sonja Moor (dpa-Zentralbild/Robert Schlesinger)

Zu Beginn der Grünen Wochen wollen Tausende gegen die EU-Agrarpolitik demonstrieren – auch die Biobäuerin Sonja Moor. Sie fordert, Fördergelder künftig an Umweltschutz zu koppeln und sagt über das Agrarsystem: "Wir haben es gemacht, wir können das ändern."

Shanli Anwar: Die Landwirtschaftsmesse, die Grüne Woche, hat gestern in Berlin angefangen, und parallel findet heute am Brandenburger Tor eine Demonstration statt, die sich für die ökologische Landwirtschaft starkmachen will, unter dem Motto "Wir haben es satt" rufen 50 verschiedene Organisationen von Lebensmittelherstellern bis zu Landwirtinnen und Landwirten und Imkern zum Protest auf, vor allem gegen die Art, wie die Agrarförderung in der Europäischen Union aktuell läuft, und mit dabei ist auch die Biobäuerin Sonja Moor. Sie habe ich gestern telefonisch erreicht auf ihrem Ökohof in Brandenburg. Hallo!

Sonja Moor: Guten Tag!

Gesundes Essen produzieren – auch ohne Förderung

Anwar: Wenn Sie jetzt einen Punkt nennen müssten, Frau Moor, der Sie besonders stört an der aktuellen Lage für die Bauern, was wäre das?

Moor: Dass die Anforderungen am grünen Tisch konzipiert werden und wir sie dann in der Realität umzusetzen haben, und zwar auf zwei Kommastellen genau. Also ich werde konfrontiert mit Anforderungen, die in der Realität einfach schlicht und ergreifend nicht umzusetzen sind.

Anwar: Welche Anforderungen meinen Sie jetzt?

Moor: Zum Beispiel im Anbau. Ich habe so und so viele Prozente der Flächen mit dem und dem anzubauen, und wenn ich das anbaue, darf ich nur die Fläche mit so viel anbauen und so weiter. Das ist alles gerechnet für Betriebe, die 1.000 Hektar haben. Für einen Betrieb, der mit 100 Hektar arbeiten muss, ist das schier unmöglich. Sie finden niemanden, der Ihnen auf zehn Hektar Getreide drischt oder Mais erntet.

Anwar: Es gibt in ganz Europa die Tendenz, dass es Kleinbauern immer schwieriger haben, immer mehr aufgeben. Wer in Europa, welcher Bauer mehr Land besitzt, der bekommt auch, was die EU-Agrarförderung angeht, mehr Geld. Macht es das schwierig für Sie, mit einem kleineren Ökobetrieb dann gesundes Essen zu produzieren?

Moor: Nein, das macht es nicht schwierig. Wir haben uns entschlossen dazu, gesundes Essen zu produzieren, und das machen wir auch, unabhängig jetzt von dem, was gefördert wird oder nicht. Aber natürlich muss ich mit Unterstützung rechnen können, wenn sie mir angesagt wurde, weil ich da auch betriebswirtschaftlich natürlich es darstellen muss, und wenn ich sehe, dass Großbetriebe auf ihre Flächen riesige Summen bekommen und Kleinbetriebe nichts, dann ist das einfach die falsche Art der Förderung. Fläche, Größe ist nicht förderwürdig.

"Ich würde alle Fördermittel an Umweltschutz koppeln"

Anwar: Was würden Sie sagen, welche politische Maßnahme wäre besser: zum Beispiel Subventionen an Leistung zu koppeln –

Moor: Nur.

Anwar: – an Bauern zu geben, die sich für den Umweltschutz stark machen?

Moor: Nur. Also ich würde alle Fördermittel ausschließlich an Maßnahmen koppeln, die sich für den Umweltschutz als richtig erwiesen haben.

Anwar: Jetzt ist es so, 2018 haben in Deutschland die Menschen 10 Milliarden Euro für Bioprodukte ausgegeben, also es ist ein stetiger Bio-Boom da zu verzeichnen. Davon müssten die Ökohersteller doch profitieren.

Moor: Die Ökohersteller … Also wenn ich als Urproduzentin, so werde ich genannt, wenn ich nicht selber veredle, profitiere da nicht davon. Es profitiert der Handel, es profitieren möglicherweise noch die Betriebe, die veredeln, also die aus meinen Produkten dann Mehl, Milch, Käse, Fleisch zum Verkauf veredelt, aber ich als Urproduzentin verdiene daran gar nichts. Ich habe jetzt gerade einen Architekt da gehabt, der auf einer Messe war. Da kaufen sich Menschen für 10-, 15.000 Euro einen Grill im Garten, und dann legen sie darauf Fleisch, das 1,99 Euro das Kilo kostet. Was soll das? Ich brauche es nur anschauen: Wenn ich ein Kilo Fleisch für 1,99 Euro bekomme, kann ich mir doch ungefähr ausrechnen, wie das zustande gekommen ist.

"Wir haben es gemacht, wir können es ändern"

Anwar: Dann richtet sich die Demonstration heute nicht nur gegen die Politik, sondern es ist auch ein Appell an Verbraucherinnen und Verbraucher, dass sie sich auch bewusst werden sollen, dass sie eine Verantwortung tragen?

Moor: Ich bin ja selber auch Verbraucherin. Natürlich bin ich bewusst im Verbrauch meiner Ressourcen. Und dass das endlich ist, das wissen wir, und dass ich da natürlich auf Produkte schaue, die ich jetzt zwar vielleicht möglicherweise etwas teurer einkaufe, aber dafür vielleicht in 20 Jahren nicht an irgendeinem Medikament hänge, das ich dann brauche, weil der Stoffwechsel oder es Herzprobleme macht oder sonst etwas, das ist mir doch klar, und dass ich als Verbraucherin mehr bezahle für jedes billige Kilo Fleisch oder jede billige Milch, ist mir auch klar, weil die können ja nur so billig sein, weil sie so tolle Fördermöglichkeiten haben.

Anwar: Jetzt gehen Sie heute konkret am Brandenburger Tor auf die Straße gemeinsam mit anderen. Was erhoffen Sie sich von dieser Demo?

Moor: Einfach Flagge zeigen. Ich möchte etwas tun, um zu sagen, macht es anders. Ich bin ja seit dem ersten Mal dabei, und da hieß es immer, das wird der Zug der Wenigen. Wir sind mehr und mehr und mehr geworden. Es geht ja nicht nur um die Landwirtschaft, es sind ja alle möglichen Initiativen da vertreten. Der eine kümmert sich um Schweinemasten, die gebaut werden sollen oder Hühnergroßbetriebe, die gebaut werden sollen, oder Biogasanlagen, die gebaut werden sollen, die sie nicht da haben wollen, oder Windkraft oder was auch immer. Es ist ja Querbeet, es sind ja hunderte von Vereinigungen, die sich einfach auf die Straße wagen und sagen, uns passt das System nicht. Wir haben es gemacht, wir können es auch ändern, also ändern wir es doch bitte schön endlich.

Anwar: Und dementsprechend heißt das Motto "Wir haben es satt". Sonja Moor, Ökolandwirtin wird heute Mittag im Rahmen der grünen Woche mit anderen Unterstützern und Unterstützerinnen der ökologischen Landwirtschaft gemeinsam dann protestieren. Ich danke Ihnen!

Moor: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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