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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.03.2014

BiografienLeben im Schatten der DDR

Ines Geipel: "Generation Mauer", Marianne Birthler: "Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben"

Von Maike Albath

Die Abendsonne scheint  in Berlin auf die Rückseite der "East-Side-Gallery". (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Die Abendsonne scheint in Berlin auf die Rückseite der "East-Side-Gallery". (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Ines Geipel und Marianne Birthler haben sich am Beispiel ihres eigenen Lebens mit der DDR-Vergangenheit auseinandergesetzt. Ein Gespräch über die Auswirkungen des Staates auf das private und öffentliche Leben einer Generation.

Maike Albath: Die Mauer gibt es nicht mehr, aber wie es um die Generationen bestellt ist, die in ihrem Schatten aufwuchsen, darum soll es heute in unserem politischen Buchmagazin gehen. Welche Auswirkungen hatte die DDR auf das private und öffentliche Leben?

Zwei Autorinnen haben sich am Beispiel der eigenen Biografie mit der Vergangenheit auseinandergesetzt. Beide sind heute auf der Bühne des Deutschlandradios zu Gast: Marianne Birthler, DDR-Oppositionelle, Brandenburgische Bildungsministerin, bis 2011 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, hat unter dem Titel "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben" ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Guten Tag, Frau Birthler!

"Generation Mauer" nennt die Publizistin und Professorin für Verssprache Ines Geipel, ehemalige DDR-Spitzensportlerin, ihre Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR. Guten Tag, Frau Geipel!

Erinnerungen sind ja immer so etwas wie eine Zeitschleuse. Man schlägt alte Kalender auf, alte Tagebücher und beginnt in die eigene Vergangenheit zurückzugehen. Wie erging es Ihnen bei der Beschäftigung mit diesem Material? Haben Sie eine Fantasie entwickelt, was aus Ihnen geworden wäre, wenn es die Mauer noch weiter gegeben hätte, Frau Birthler?

Marianne Birthler: Ja, wenn es denn mal so viel Material gegeben hätte – ich habe noch nie so sehr bedauert, nicht regelmäßig ein Tagebuch geführt zu haben wie in der Zeit, als ich mein Buch schrieb. Ich musste also andere Quellen suchen, Gespräche, Fotokisten, Musik, die ich gehört habe, damit ich die alten Zeiten wieder heraufbeschwöre. Aber dieses, was wäre gewesen, wenn, das habe ich mich eigentlich wenig gefragt. Das ist ja auch eine Frage, die sehr schwer zu beantworten ist.

Dafür ist  mir beim Schreiben aber sehr deutlich geworden, wie sehr diese ganz konkrete historische Situation, das Leben in der geteilten Stadt Berlin, dann im zugemauerten Ostberlin, wie sehr das in mein auch persönliches Leben hinein geragt hat, auch dass ich damals eigentlich nie wirklich wütend darauf war. Es ist merkwürdig, dass die Wut ausgeblieben ist. Die habe ich fast erst im Nachhinein erlebt. Ich habe das empfunden, eingemauert zu sein, aber ich frag mich, warum ich nicht wütend war.

"Mich hätte es nicht mehr gegeben"

Albath: Das ist etwas, was man bei Ihnen, Frau Geipel, sehr stark merkt. Man hat eigentlich das Gefühl, dass dieses Kind Ines Geipel ungeheuer wütend gewesen sein muss, obwohl Sie zunächst auch eher angepasst waren. Aber allein der Schritt in den Sport war ja schon so etwas wie Wut. Haben Sie denn eine Fantasie entwickelt, was aus Ihnen geworden wäre, hätte es die Mauer länger gegeben?

Ines Geipel: Na ja, mich hätte es nicht mehr gegeben. Das ist ganz real so. Also, das Bewusstsein, glaube ich, atmet dieses Buch. Aber es war natürlich vor allen Dingen ein Generationsversuch. Es ist vor allen Dingen die Suche des Selbst in den anderen. Das war das, was mich darin sehr viel mehr interessiert hat. Und das Ich in dem Buch, das erzählende Ich, ist nur das Bindemittel in dem Sinne, als es versucht, die anderen Protagonisten stark zu machen, und es sind ja auch starke Protagonisten: Ilko-Sascha Kowalczuk, Moritz Götze, Sabine Adler als Deutschlandfunkkorrespondentin.

Und das war für mich auch das sehr Tröstende, die anderen Geschichten zu hören, wie sie in dieser Zeit gestanden haben, was sie gemacht haben, wie sie gelebt haben, was sie versucht haben. Dadurch ist das Ich natürlich auch sehr viel breiter geworden. Also, wir haben uns ja wie selbst über dieses 89 erzählt. Und das war auch, glaube ich, das Besondere. Das ist das Herz in dem Buch, dass eigentlich alle sagen, 1989 ist für die Generation unser inneres Zentrum.

Albath: Es hat auch etwas Tröstendes, weil man sich spiegeln kann in den Erfahrungen der anderen und plötzlich auch Dinge miteinander teilt, sogar im Rückblick, und sich dadurch besser versteht. Marianne Birthler, Sie sind Jahrgang 48. Ines Geipel ist Jahrgang 1960. Sie haben die Chance gehabt, durch Ihr Elternhaus, denke ich, doch noch ganz anders mit der DDR umgehen zu können. Wie hat Sie das geprägt von zu Hause?

"Von Anfang an eine sehr kritische Haltung"

Birthler: Na, in meiner Familie gab es von Anfang an eine sehr kritische Haltung gegenüber der SED. Von DDR wurde gar nicht gesprochen, sondern von der Ostzone zum Beispiel. Das sagt ja alles, so dass ich gleich in solch einem kritischen Geist auch mit dem Blick in den Westen, obwohl wir in Ostberlin gewohnt haben, groß geworden bin.

Ich bin dafür auch ganz dankbar, weil meine Mutter ja keineswegs politisch blind war, sondern mit uns auch politische Debatten verfolgt hat. Wenn im Fernsehen Bundestagsdebatten übertragen wurden, hat sie uns hingesetzt, hat gesagt, setzt euch hin Kinder, guckt euch das an. Das ist Demokratie. So ging das bei uns zu Hause zu.

 "Halbes Land, Ganzes Land, Ganzes Leben" von Marianne Birthler (picture alliance / dpa / Paul Zinken) "Halbes Land, Ganzes Land, Ganzes Leben" von Marianne Birthler (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Wir wohnten auch ganz nah an der Sektorengrenze, an der Oberbaumbrücke. Und solange die Mauer noch nicht gebaut war, war es ganz normal, hin und her zu gehen. Und das hat schon mein Leben stark beeinflusst.

Albath: Frau Geipel, als Leserin des Buches von Marianne Birthler erkennt man da einen Punkt, an dem ein Umschlag stattfindet und eine stärkere Politisierung einsetzt?

Geipel: Es ist ja ein bisschen eine Spiegelgeschichte, also, auch gerade von der Herkunft – ich in so einem urkommunistischen Haushalt und, daran ist ja gar nicht zu rütteln, mit einer starken Indoktrinierung als Kind. Da hat mich natürlich diese Szene in dem Buch, dieses Eingewickeltwerden in die Decke als Kind, das finde ich so eine berührende Szene. Ich hab so das Gefühl, das ist ein fast symbolisches Bild für die Familie, in der Sie groß geworden sind. Also, da war ein Schutz da. Und ich finde, das ist ein sehr starkes Bild.

Das hat mich beim Lesen sehr berührt. Also, wo ich mit Bewunderung stehe und dieses Ausgelotetsein in der Zeit, da ist jemand als junge Frau mit kleinen Kindern in Mecklenburg und dann kommt die große Geschichte und man hat so das Gefühl, das läuft so synchron: Ihre persönliche Entwicklung und die Weltgeschichte. Die Welt dreht sich einmal und Marianne Birthler geht in die Politik und ist auf den Punkt da. Das zu lesen, ist so stark. Also, es hat mich unwahrscheinlich mitgenommen, nicht zuletzt, weil es auch so einen richtig guten erzählerischen Strom hat.

"Das war ihr nicht ganz geheuer"

Albath: Es hat etwas sehr gefestigtes, was sich vielleicht in diesem Bild des Kindes, das von den Eltern, weil es in der Küche am Wärmsten ist, in der Küche immer in die Decke eingepackt wird und dann ins Schlafzimmer gebracht wird, das ist fast so ein Bild eines Nestes, was dann auch beim Leser entsteht. Nun hat die Kirche ja eine große Rolle gespielt in Ihrer Biografie.

Birthler: Das ist ein ganz anderer Kontext, ich bin ja nicht religiös erzogen worden. Die Kirche war ja für mich eher der Raum, den ich für mich in der Pubertät erobert habe, um mich von zu Hause abzugrenzen. Also in einem Alter, wo kirchlich sozialisierte Kinder von der Kirche weggehen, um ihr Eigenes zu finden, war das bei mir umgekehrt. Meine Mutter hat das irgendwie mit großem Unverständnis, zum Teil auch Unbehagen begleitet, dass ich, die ich zunächst mal nur aus traditionellen Gründen konfirmiert werden sollte, plötzlich da so eine Heimat fand und meine Freizeit da verbrachte.

Das war ihr nicht ganz geheuer. Das war aber für mich nochmal ein ganz anderer Raum, weil anders als im Westen die Kirche sich dann zunehmend auch zu einer Art Ersatzöffentlichkeit entwickelte, wo ich mit Menschen, mit Themen in Berührung kam, von denen man in den Medien oder in Büchern oder so wenig fand in der DDR.

Albath: Wie ist es denn mit dieser Erfahrung der Staatssicherheit? Das ist ja etwas, wenn man das von außen betrachtet, gerade als Westdeutsche, das wie eine Art Beziehungsvergiftung wirkt.

"Wer von uns arbeitet für die Stasi?"

Birthler: Ich kann ja mal anfangen, weil ich meine, das ist eine Erfahrung, die wir beide gemacht haben. Wie wirkt sich das eigentlich im persönlichen Leben aus, zu wissen, dass da möglicherweise oder wahrscheinlich andere Leute Berichte schreiben, zuhören, dass unter unseren Freunden jemand ist, der für die Stasi arbeitet? Wir wussten um diese Möglichkeit. Wie viele das dann waren, das haben wir erst nachher erfahren.

Wir haben es nach besten Kräften versucht auszublenden. Es war natürlich immer ein Thema unter Freunden. Wer von uns arbeitet für die Stasi? Aber wir haben dann gesagt, wir versuchen, wir bemühen uns so zu tun, als gäbe es das nicht. Denn wenn wir anfangen gegenseitig misstrauisch zu sein, dann hat die Stasi ja schon die Hälfte ihres Ziels erreicht, dass sie Beziehungen, persönliche Beziehungen zerstört, beschädigt, zersetzt. Und das wollten wir nicht zulassen. Wir haben versucht es auszublenden. Und ich denke, das war eine allgemeine Erscheinung auch von Generationen, dieses Wissen, dass der Staat übermächtig ist und versucht, unsere Leben auszuspähen. Diese Erfahrung werden Sie auch gemacht haben.

Geipel: Absolut. Also, einerseits das Wissen um die Omnipräzenz, also, im Alltag, im Studium usw. Aber gerade nach 89, das war schon nochmal eine andere, sehr seltsame Schule, zu verstehen, das ist der Vater, das ist der Lehrer, das ist der Trainer, das ist der Freund. Eine Wunde kann sich schließen, aber die Wunde bleibt die Wunde. Ja, also, man kommt nie ganz ungeschoren heraus.

Albath: Das arbeitet ja auch in einem, wenn man weiß, dass es existiert und dass da immer wieder jemand auf einen angesetzt wird. Es verändert ja auch die Beziehungen ganz allgemein im Alltag.

"Dann tauchte das in meinen Träumen auf"

Birthler: Ja, auch nicht nur die Beziehungen. Ich hab das versucht an einem anderen Beispiel zu beschreiben. Wer von Ihnen Berlin kennt, weiß, dass es zu DDR-Zeiten so genannte Geisterbahnhöfe gab. Also, da gab es U-Bahnlinien, die von West nach West fuhren und die U-Bahnstationen im Osten waren in diesen Jahren geschlossen, und fuhren so drunter weg. Man spürte das aber oben.

Man merkte so dieses Vibrieren, wenn diese Züge unter der Straße weg fuhren. Manchmal kamen aus diesen Luftschächten auch noch so ein Geräusch oder ein Lufthauch. Das wussten wir, aber wir haben uns gar nicht damit beschäftigt.

Dann tauchte das in meinen Träumen auf. Plötzlich war ich in meinem Traum in einem von diesen Geisterzügen, hätte im Westen aussteigen können, hab mich aber nicht getraut, weil ich Angst hatte, nicht wieder zurückzukommen. Und später habe ich dann erfahren, dass viele Menschen solche Träume hatten, plötzlich im Westen zu sein. Das heißt, unser Unterbewusstsein hat sich schon sehr stark mit dieser wirklich perversen Situation der geteilten Stadt auseinandergesetzt. Darüber ist, glaube ich, noch gar nicht so viel geschrieben worden, aber das wäre mal interessant, wie sehr diese seltsame Situation doch in uns eingedrungen ist.

Geipel: Die Traumbücher kommen noch.

Albath: Es gab ja umgekehrt dann auch immer, wenn man vom Westen in den Wedding fuhr, also von Neukölln in den Wedding, diese Situation der Westdeutschen, die durch diese Bahnhöfe gefahren sind.

"Verlangsamt durch halbdunkle Bahnhöfe"

Birthler: Richtig. Das muss auch schrecklich gewesen sein. Da fuhr man verlangsamt durch halbdunkle Bahnhöfe durch.

Albath: Wir sprachen über Marianne Birthlers Buch "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben." Der Demokratisierungsprozess ist dann für Sie auch eine ganz aufregende Phase. Ines Geipel, Sie beginnen ja mit der Kindheit. Sie waren, Sie haben den Begriff schon genannt, ein indoktriniertes Kind. Wie ist das mit dem Wir dann, mit der Erfahrung, zu sehen, es haben ganz viele Ihrer Altersgenossen unter ähnlichen Umständen mit der Wirklichkeit umgehen müssen? Haben Sie damals auch schon ein Wir sehr stark erfahren? Das Kollektiv spielte ja eine sehr große Rolle.

Geipel: Na ja, ich versuche diese Generation ja zu erfassen als die Generation der Fackelträger, als die "Glücksritter", schreibe ich auch in dem Buch, also die Kämpfer fürs Glück. Es war ja die Generation, die im Grunde den Auftrag des Staates aufnehmen und diesen Kommunismus umsetzen sollte. Das war eigentlich ursprünglich der politische Auftrag. Und das ist genau die Generation, die gesagt hat, stopp, aus, 89, keine Reformen mehr, kein Sprechen mehr. Wir gehen über Ungarn, wir gehen über Tschechien.

Das ist, glaube ich, die Differenz auch zwischen den in den 50er-Jahren Geborenen oder auch denen, die später geboren sind, dass es die Generation gewesen ist, die gesagt hat: Schluss aus mit der DDR! Vielleicht macht es sie aus. Darüber können wir sicher lange sprechen. Und das fand ich schon erzählbar, denn es sollte kein Ich geben, weil sie ganz stark in das Wir-Kollektiv oder in diesem großen Wir aufwuchsen und sozialisiert wurden und eben an diesem Wir sehr rumgezoppelt wurde. Und auch jetzt in der Rezeption merke ich das, dass es schwierig ist, überhaupt von Generation zu sprechen.

"Moment des Generalisierens"

Was sind Erinnerungen? Erinnerungen sind letztendlich auch diese Geschichten mit der Heimat ein Stück. Da wird es, glaube ich, noch ein langes Gespräch brauchen. Diese Erinnerungen sollen ja verschieden sein, das ist ja großartig. Trotzdem gibt es einen Moment des Generalisierens. Und das ist der Versuch zu sagen, es ist die Generation, die ein vollständiges Leben zu Zeiten der DDR hatte, aber sich eben auch ein neues Leben aufgebaut hat nach 89. Und dieses "25 plus 25 plus Bruch (oder Zeitschnitt)" ist ja doch ein Narrativ. Und das ist der Versuch auch des Buches.

Und da gibt es natürlich unendliche Amplituden. Einerseits aus einer Familie zu kommen, die eher Opposition war, andererseits ich, in Dresden, ahnungsloses Land. Wo war die Mauer in Dresden? Also, das sind schon sehr große Unterschiede.

Albath: Ihr Vater war immer auf Dienstreise und fuhr, wie sie dann später begriffen haben, in den Westen auch im Auftrag der Stasi. "Generation Mauer" heißt dieses Buch. Es gibt einen Begriff, den Ines Geipel verwendet, Marianne Birthler, der lautet: "Schweigesystem". War das ein Kennzeichen der DDR, dass Sie auch kennen? Oder ist es Ihnen in dem Buch von Ines Geipel noch einmal gegenwärtig geworden?

Birthler: Ines Geipel hat eben deutlich gemacht, in wie viel unterschiedlichen Biotopen man leben konnte. Also, ich habe schon immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich auch mit Frauen spreche, die gleichaltrig sind und in Ostberlin gelebt haben, und wir reden miteinander, als hätten wir auf zwei verschiedenen Planeten gelebt. Deswegen hab ich das mit großer Faszination gelesen, also nicht nur, was Ines Geipel über ihr eigenes Leben schreibt, sondern auch über andere Leben. Das ist wirklich sehr lohnenswert.

Worüber ich noch nachdenke, ist, ob man wirklich so eine Typologie anhand von Generationen oder Geburtsjahrzehnten oder so machen kann. Damit habe ich mich vielleicht auch noch nicht lange genug beschäftigt, um das tun zu können. Aber dieser Riss – DDR Verändern oder gehen? – der zieht sich ja auch durch meine Generation. Wir haben ganz schmerzhafte Debatten gehabt. Und in Ihrer Generation, der in den 60er-Jahren Geborenen gab's eben auch ganz unterschiedliche Verhaltensweisen.

Also, da müsste man, glaub ich, noch mehr Biografien anschauen, um da sicher zu sein. Ich hab das bis jetzt nicht an Generationen festgemacht, sondern auch an Herkünften, an Leidenschaften, an Neigungen und so. Und die sind natürlich extrem verschieden.

Auf die Klassendiskussion trainiert

Geipel: Also, trainiert sind wir ja eigentlich auf die Klassendiskussion. Deswegen war das natürlich auch interessant, mal mit der Generation zu kommen. Und es gibt ja auch ein bilaterales Gespräch in dem Buch: Also, es gibt die Babyboomer, die Babyboomer des Westens. Und natürlich orientiert sich dieser Titel auch an "Generation Golf". Es ist ja nicht zeitgleich dieselbe Generation, aber mit "Generation Mauer" sage ich natürlich, dass das eine Generation ist, die explizit politisch ist, in politischen Kontexten gesteckt hat und – das fand ich sehr faszinierend an dem Buch – wirkliche wirklich eine Erfahrungsgeneration ist.

Das ist bei Marianne Birthler der nämliche Fall, aber es wird immer erzählt, die Soziologen sagen immer, wir sind die Glücklichen, wir waren pragmatisch und hedonistisch genug, um die DDR im Grunde schon hinter uns zu lassen. – Und ich versuche, schon auch die Brüche mit hinein zu erzählen, weil, so heiter, komplex heiter war es nun wiederum auch nicht in der Generation.

Birthler: Aber das ist wirklich das Besondere, finde ich, an dieser Generation. Ich entdecke das auch bei meinen Töchtern, dass die sagen, sie sind sehr froh darüber, dass sie einerseits wirklich eigene Erfahrungen mit der DDR haben, und sich nicht alles aus zweiter Hand besorgen müssen, zweitens aber noch jung genug waren, um nochmal durchstarten zu können, nochmal, wo es sich noch lohnte, Träume zu identifizieren und umzusetzen oder so.

Das ist natürlich auch ein Reichtum, aber die DDR wird ihnen immer an den Hacken kleben, um das mal so zu sagen. Sie haben es im Guten und im Bösen. Es ist drin. Denn die ersten Jahre im Leben sind nun mal sehr prägend. Und wir werden sie nie los.

Albath: Zu diesen ersten Jahren gehört auch die Erfahrung mit der Schule. Ich habe aus Marianne Birthlers Buch erfahren, dass man in der DDR möglichst so da sitzen sollte und sich rechtwinklig melden, was mir auch nicht klar war.

"Nicht denken, dass alles nur eins war"

Birthler: Das hing von der konkreten Schule und den konkreten Lehrern ab. Man darf auch nicht denken, dass es alles nur eins war.

Albath: Das wird bei ihnen beiden sehr deutlich.

Birthler: Es gab manchmal benachbarte Schulen, in denen ein ganz verschiedener Geist herrschte. Also, es gab durchaus Spielräume, die Lehrerinnen und Lehrer hatten und sie genutzt haben oder eben auch nicht.

Albath: Wie war denn die Erfahrung mit der Schule in Ihrer Generation?

Geipel: Auch in den Erzählungen immens unterschiedlich. Es gab Lehrer, die unglaublich fürsorglich und auch politisch ganz wach waren und die Schüler geleitet haben. Und es gab natürlich auch eine große Zahl von staatsnahen…

Birthler: Gedankenpolizisten.

Albath: Wie steht es um die Rolle der Frauen? Da habe ich den Eindruck, dass man das zum Teil gerade aus westdeutscher Perspektive etwas idealisiert hat. Denn es wird klar, dass diese Frauen 40, 50 Stunden arbeiten in ihrem Beruf und dann noch die ganze Familie organisieren und nebenbei noch die "politische Befreiung" leisten. Das ist sehr, sehr viel, was auf deren Schultern lastet.

"Eine neue Rolle übernommen"

Birthler: Ja, es gab ja so ein Ideal. Wir nannten sie immer so grinsend die "Für-Dich-Frau", also, im Dreischichtsystem Fernstudium mit drei bis vier Kindern, aber abends ein tolles Essen für den Ehemann auf den Tisch gebracht usw. Das wurde auch immer wieder transportiert, die Allrounderin, aber das war eine unglaubliche Überforderung von Frauen.

Eine Freundin von mir, die in all diesen Jahren auch als Ärztin gearbeitet hat, sagte, ihr Sprechzimmer ist stets voll von Frauen, die darunter leiden, dass sie dieses Bild überhaupt auch nicht annähernd erfüllen können.

Man muss ja auch mal sehen, wir hatten keine Geschirrspüler. Wir hatten keine Haushaltshilfe. Wir haben angestanden nach allem, was wir brauchten. Dann mussten die Kinder früh raus, und die Straßenbahnen, Busse waren voll von weinenden Kindern, die schon um halb Sieben aus dem Bett gezottelt wurden, damit sie rechtzeitig zur Krippe kamen. Das war ein hartes Leben. Und ich will nicht unterschätzen, dass es für Frauen selbstverständlich ist, berufstätig zu sein und ein eigenes Einkommen zu haben. Das ist was wert, aber der Preis war sehr hoch.

Die Frauen haben eine neue Rolle übernommen, ohne die alte loszuwerden. Denn für den abben Knopf am Sakko ihres Mannes waren sie immer noch zuständig. Und sogar beim Frauenarzt wurde noch gesagt, "der" Nächste bitte.

Albath: Haben Sie denn an der Universität, Ines Geipel, schon andere Verhältnisse erlebt. Sie haben in Jena ja Germanistik studiert und hatten da natürlich viele Kommilitoninnen, eine, die auch immer sehr gern schon tagsüber in das Schichtarbeiterkino ging, erinnere ich mich, die dann dadurch auch sehr stark ästhetisch geprägt wurde. Wie war das unter Ihren Freundinnen?

"Neue Generation von jungen Frauen"

Geipel: Na ja, ich glaub schon, dass das eine neue Generation von jungen Frauen war. Ich kann mich erinnern, dass das eine ziemliche Bauchlandung war, als ich im Westen ankam in Darmstadt, so eine Beamtenstadt, und dann plötzlich wieder auf so einen Typus von Mann traf, wo ich so dachte, das ist aber seltsam.

Ich dachte, das haben wir hinter uns. Aber auch diese Debatte mit den westdeutschen Frauen, das ist ja ein hoch affektives Thema, Frau Ost, Frau West. Und klar ist, und das haben wir ja auch immer wieder gesagt, allein die Realität zu arbeiten, einen Beruf zu haben, eine Ausbildung zu haben, das ist noch nicht das gelobte Land, da haben wir noch nicht genug Land gewonnen.

Ich kann mich an die Diskussion erinnern von westdeutschen Feministinnen, als ich 1989 in Darmstadt ankam und die mir immer Virginia Woolfs "Ein Zimmer für mich allein" empfahlen, also diese Diskussion, wie viel Eigenes, wie viel Individualität habe ich, bezogen auf das Ich als Frau in der Gesellschaft – das war schon eine andere Diskussion. Und ich kann mich an Jena erinnern.

Wir haben diese ganzen intellektuellen Französinnen und Amerikanerinnen, wir haben das alles gelesen und diskutiert und es war aber klar, dass unsere jungen Doktorandinnen, die in den Alkohol kippten und ziemlich verzweifelt waren, weil sie eben an der Universität nicht das sein konnten, was eine emanzipierte Frau wirklich sein will im universitären Raum – also, das war alles sehr hoch bigott und elend.

Wenn Erinnerungen schablonenhaft werden

Geipel: Und was war der Maßstab dafür? Der Maßstab für erfülltes Frauenleben war, dass man möglichst alles erreichte, was Männer erreichen können. Dass es eine eigene weibliche Sozialisation gibt und man vielleicht auch, oder frau in diesem Falle, eigene Ziele definiert, die sich von denen der Männer unterscheiden, das war überhaupt kein Thema.

Albath: Ein Punkt in Ihrem Buch ist ja auch, dass es passiert, dass Erinnerungen schablonenhaft werden, auch bei einem selbst. Damit versuchen Sie ja umzugehen, Ines Geipel. Gab es etwas, das Sie jetzt wirklich überrascht hat auch in der Auseinandersetzung mit Ihrem eigenen Lebensstoff, wo Sie Ihre Meinung revidieren mussten, Überraschungen im Umgang mit der Vergangenheit?

Geipel: Ja, na gut, das passiert ja täglich. Das ist ein ewiges Gewebe. Und die Ich-Erzählerin sitzt sozusagen wie im Auge des Taifun. Und das ist ja vielleicht auch die geschützteste Position fürs Schreiben. Ich hab versucht, so offen wie möglich das Ich mit in den Text hinein zu erzählen, eben wegen dieser ganzen Ostalgiegeschichten…

Mir ging es auch nochmal darum zu sagen, Frage glückliche Generation, in meiner Wahrnehmung, bezogen auf diese Generation, Menschen, die aus sehr belasteten Verhältnissen kamen, wo die Eltern wie auch immer Stasi, Polizei usw. … und die andere harte Erfahrungen gemacht haben, zum Beispiel Gewalterfahrung in den Familien, da ist wenig öffentlich bisher, bezogen auf die DDR, hatten es schon schwer, das 89 so zu nutzen und zu sagen, okay, das ist jetzt eine freie Welt. Also, dieser innere Ablösungsprozess war ein richtig harter Gang.

Zum Beispiel Marianne Birthler und Ihre Arbeit in der Stasiunterlagenbehörde. Ich muss sagen, das finde ich so etwas Fundamentales, dass ich die Möglichkeit hatte, über Jahre nicht nur die eigene Akte, sondern auch die Akte des Vaters, viele andere einsehen zu können und Leben zu klären und damit auch die Wunden und die Risse und die Schmisse zu integrieren und eine Sprache dafür zu finden. Ich würde ja mein Leben lang nur über Watte laufen. Ich wüsste doch gar nicht, wer ich bin. Und das ist wirklich eine große, große, große Leistung, die ich sehr, sehr wertschätzen kann.

"Deswegen waren Freunde für mich so wichtig"

Albath: Etwas, das in beiden Büchern eine große Rolle spielt, sind Freundschaften, die Rolle der Freundschaften auch für diesen Prozess der Demokratisierung, als es dann 89 gelang, in bestimmten Positionen auch in Verantwortungen zu treten. Marianne Birthler, das waren Geflechte, die sich herausgebildet haben und die auch zentral waren für die Politisierung breiterer Schichten.

Birthler: Ja, anders geht das ja gar nicht. Also, ohne Freunde – das gilt vielleicht insgesamt fürs menschliche Leben, aber in solch etwas bedrohlichen und schwierigen Situationen erst recht – ohne Freunde lässt die Kraft auch schnell nach oder man wird bitter. Ich hab an einer Stelle dieses Sprichwort verwendet: "Wenn du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn du weit gehen willst, gehe mit anderen zusammen." Und das ist auch die Erfahrung in meinem Leben.

Wenn man etwas erreichen will, lässt die Kraft auch manchmal nach. Und dann ist das Netz von Freunden oder Gesinnungsfreunden das, was einen hält oder wieder ermutigt oder mit denen man sich auch entlastet. Also, das gilt nicht nur in Diktaturen, das gilt immer, wenn man was macht oder an spannenden Projekten dran ist. Vielleicht gibt’s Leute, die am liebsten alleine kämpfen, aber zu denen gehöre ich ganz bestimmt nicht. Und deswegen waren Freunde für mich so wichtig, vor allen Dingen Freundinnen auch.

Albath: Wie reagieren Sie denn, Ines Geipel, auf die Tendenz zur Verniedlichung, die es ja, wie Sie sie nennen, bei der dritten Generation Ost ein bisschen gibt, also die Ostalgie und die Sehnsucht vielleicht auch nach der eigenen unbeschadeten Kindheit?

Geipel: Na ja, zunächst hab ich ja versucht, das auch mit Verständnis zu schreiben. Diese Ortlosigkeit oder dieses Aufwachsen dieser Generation in dem Chaos nach 89, das ist ja eigentlich das, was sie die ganze Zeit formulieren, was sich nur ein bisschen umgeschoben hat in so ein Märchenland DDR. Und was kann man tun? Ich kann ja nur als Schriftstellerin versuchen, Bücher dagegen zu stellen oder meine Sätze und zu sagen, hört mal, es gibt Generationen davor, die haben andere Erfahrungen gemacht. Lasst sie uns mitteilen. – Also, es gibt jetzt hier nichts Vorwürfliches, sondern den Versuch, das möglichst auch in der Reibung miteinander auszutragen. Das fände ich toll, wenn es zu so einem Gespräch käme.

Empfehlungen für die Hörer

Albath: Und von den Verletzungen und von den Versehrungen ist in beiden Büchern die Rede, über die wir sprachen. "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben." von Marianne Birthler, erschienen bei Hanser Berlin, 14,90 Euro kostet es, und "Generation Mauer", herausgekommen bei Klett-Cotta, 17,90 Euro, von Ines Geipel.

Jetzt haben wir noch Zeit für Lektüreempfehlungen. Marianne Birthler, was möchten Sie unseren Hörern ans Herz legen?

Birthler: Mir ist bei dieser Frage als erstes ein Kinderbuch eingefallen, vielleicht weil ich hier gerade in Leipzig bin, weil dieses Kinderbuch in Leipzig spielt, im Leipzig des Jahres 1968. Es heißt "Der Vorhang fällt". Und Viola Türk hat das geschrieben. Und wenn Sie eine Zwölfjährige demnächst zu beschenken haben, dann fragen Sie nach diesem Buch, denn es gibt ja ganz wenig Kinder-Belletristik zu DDR-Themen. Und in diesem Buch wird das Leipzig des Jahres 1968 ganz lebendig – der Abriss der Universitätskirche, die Auseinandersetzung darum, im Hintergrund 68 in Prag, und das alles verpackt in eine spannende, wirklich spannende Geschichte, auch mit Liebe für junge Mädchen. Das finde ich ein wunderbares Buch.

Albath: Ines Geipel, Ihre Empfehlung?

Geipel: In dem Buch "Generation Mauer" gibt es ein Buch, auf das ich mich beziehe, "Die Wellen" von Virginia Woolf. Also, es ist was ganz Klassisches, aber es ist einfach ein Lebensbuch. Also, ich habe immer wieder dieses Buch in die Hand genommen, jetzt auch neu, wieder neu gelesen. Es ist ein Buch, das immer wieder aufsteht – die Sprache ist grandios, großartig, dicht, präzise, analytisch. Also, es ist etwas, was jeder gelesen haben sollte.

Albath: Ein Buch als Lebensbegleiter. – Ich bedanke mich herzlich bei Ines Geipel und Marianne Birthler, die in der Lesart zu Gast waren.

 

Ines Geipel: Generation Mauer
Klett-Cotta, Stuttgart 2014
 275 Seiten, 19,95 Euro

 

Marianne Birthler: Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben
Hanser Verlag, München 2014
424 Seiten, 22,90 Euro

 

 

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