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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.01.2007

Biografie über eine große Frau

Renate Wiggershaus: "Virginia Woolf, dtv portrait, 181 Seiten

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Virginia Woolf (AP)
Virginia Woolf (AP)

Renate Wiggershaus hat eine wunderbar lesbare Biografie über Virginia Woolf geschrieben, die vor 125 Jahren geboren wurde. Man lernt ihre Romane kennen und die Autorin dahinter - und wie nebenbei die Bezüge zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen dem eigenen Leben der Schriftstellerin und dem von ihr erfundenen.

Es gibt Personen, die sich in wenigen Worten zeichnen lassen, deren Skizze schnell entworfen ist - überschaubare Figuren in einem überschaubaren Dasein.
Andere dagegen arbeiten, leben und lieben so vielfältig, als seien sie mehrere in sich und sind nicht festzuhalten in einem Bild oder gar in einen Rahmen zu zwingen.

Virginia Woolf z. B., die überaus klug war und hinreißend schön, empfindsam und bissig, Schriftstellerin von Weltrang und Frauenrechtlerin, die schrieb und reiste und lebte und heiratete und andere liebte, eher Frauen als Männer - manche nannten sie androgyn-, die eine großartige Essayistin und witzige Briefeschreiberin war, eine bücherverschlingende Leserin, eine elegante und gesellige Dame, die immer wieder in schwere Depressionen versank. Sie war eine aufmerksame Freundin, eine Frau, die bewundert wurde und geliebt und stets beschützt von ihrem Mann.

Und doch ertränkte sich Virginia Woolf am 28. März 1941 - inmitten einer von Krieg und Tod zerfetzten Welt- in dem Flüsschen Ouse in der Nähe ihres Landhauses. Sie hörte Stimmen, fürchtete sich vor dem Wahnsinn, und wusste, ihr fehlte die Kraft zu kämpfen. Schon zweimal zuvor hatte sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Es werde immer schwerer, schrieb sie Anfang der dreißiger Jahre, "sich zu einer einzigen Virginia zu sammeln". Ihrem Mann hinterlässt sie einen Liebesbrief, einen Dankbrief: "Du hast mir das größtmögliche Glück geschenkt."

Man ahnt die Pein, die ihr das Leben auch war, wenn man das Foto betrachtet, das Gisèle Freund im Jahre 1939 von ihr machte, zwei Jahre vor ihrem Tod. Das lange, schmale, feingliedrig schöne Gesicht von Schwermut gezeichnet. Die Augen wie Spiegel einer klugen Trauer. Verletzlich und unnahbar zugleich.

Renate Wiggershaus hat eine erfrischend klare und wunderbar lesbare Biografie dieser großen Frau geschrieben, die vor 125 Jahren geboren wurde. Man lernt ihre Romane kennen und die Autorin dahinter - und wie nebenbei die Bezüge zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen dem eigenen Leben der Schriftstellerin und dem von ihr erfundenen.

Schon als Kind war Virginia "ruhelos, reizbar, menschenscheu, oft depressiv". Von Anfang an ist der Tod ihr Thema. An den sie die Mutter früh verlor, den Vater, geliebte Geschwister. Und dem sie sich lange zu verwehren sucht. Und vielleicht gerade deshalb so intensiv lebt, so exzessiv. Mit so viel Witz und Lust an Menschen und Reisen. Sie erkämpft sich Lebens-Verlangen- "ich weide mich am Augenblick. Das ist das Geheimnis des Glücks..." Sie erkämpft sich ein Leben als Schriftstellerin –wahrlich keine Selbstverständlichkeit in ihrer Zeit- sie verdient ihr eigenes Geld und ermutigt Frauen, sich aufzulehnen gegen ihre Benachteiligung.

Schreibt sarkastisch und aufmüpfig. "Von alters her ist bekannt, dass Frauen existieren, Kinder gebären, keine Bärte haben und selten kahl werden... doch außer in diesen Punkten wissen wir wenig über sie." Das Times Literary Supplement nannte sie die "brillanteste Pamphletistin Englands." Ihr Buch "A room of one’s own"- ein eigenes Zimmer wurde fast eine kleine Bibel der Emanzipationsbewegung. In Deutschland erschien es übrigens erst 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung.

Ihr erster Leser und ihr wichtigster war stets ihr Mann Leonard - selbst ein angesehener Essayist und Schriftsteller. Bange Tage verbrachte sie, bevor er zu ihr kam und sein Urteil sprach. Die öffentliche Aufnahme war dann weniger bedeutsam. Denn sie hatte für sich erkannt, "dass das Schreiben das profunde Vergnügen", "das Gelesenwerden das oberflächliche" ist.

Was keineswegs heißt, dass sie nur leicht geschrieben hätte. Im Gegenteil, die Schreibqualen kannte auch sie, auch sie wurde von Selbstzweifeln benagt, glaubte nicht an sich, nicht an die Worte, die sie zu Papier brachte. Was ihr doch so großartig gelang. Dieses Hinspüren und Hineindenken, die Analyse, die so poetisch daherkommt, die Stringenz, die zu schweben scheint, die Klarsichtigkeit und die helle Ironie - das macht ihr Schreiben unnachahmlich und die Lektüre zu einem so sinnlichen wie intellektuellen Genuss.

Renate Wiggershaus gelingt es in ihrem Portrait, die Neugier auf Virginia Woolf zu wecken. Man legt ihr Buch aus der einen Hand und hat schon einen Roman oder einen Essay der Autorin in der anderen.

Von Gabriele von Arnim

Renate Wiggershaus:
Virginia Woolf

dtv portrait, 181 Seiten

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