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Literatur | Beitrag vom 09.02.2020

BiografenHonig saugen aus den Geschichten der anderen

Von Christoph Vormweg

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Illustration eines Mannes in einem Buch, auf dessen Cover er auch zu sehen ist. (imago images / Ikon Images)
"Der Biograf ist ein Einbrecher", meint Manfred Flügge, der u.a. die Lebensgeschichten von Heinrich Mann, Marta Feuchtwanger und Stéphane Hessel aufgeschrieben hat. (imago images / Ikon Images)

Biografen sind Lebenstaucher, Spurensucher, Zeitreisende – und Klatschbasen. Sie fahnden nach Zusammenhängen zwischen Leben und Werk bei berühmten Persönlichkeiten. Indiskretion gehört zum Berufsbild, ebenso wie Spürsinn. Auch der eigene Ton zählt.

Sicher beantworten Romane, Erzählungen, Gedichte und Sachbücher jeder Art zuweilen drängende Fragen von Leserinnen und Lesern. Meist aber stellen sie neue Fragen, und nicht selten sind es mehr und weitreichendere als zuvor. Darauf lässt sich bestens mit erneuter Lektüre reagieren, insbesondere der Lektüre von Biografien. Die Gattung nimmt an, dass es einen Zusammenhang zwischen Vita und Werk gibt, zwischen Elternhaus, Liebschaften, Schicksalsschlägen und diesem oder jenem Buch. Weil aber ein jeder Leser und eine jede Leserin über eine Vita verfügt und in dieser Hinsicht, mag das Leben gelingen oder nicht, ein Experte ist, verspricht die Biografie die Klärung manches Buchrätsels. Biografien versprechen Antworten.

Spiegelkabinette

Ihre Verfasserinnen und Verfasser müssen sich nicht nur im jeweiligen Gegenstand auskennen, sei es nun Literatur, Kunst oder Quantenphysik. Sondern auch in Psychologie, Geschichte, Politik und vielem mehr. Sie forschen in Archiven nach Briefen und Dokumenten, recherchieren den historischen Hintergrund, befragen Zeitzeugen und das Objekt der Begierde selbst, sofern sie oder er noch lebt. Oft zieht sich solches Tête-à-tête über Jahre hin. Denn Unwägbarkeiten gibt es viele, und die Geschichten, die Künstlerinnen und Wissenschaftler über sich erzählen, sind nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss – oft sind sie nicht einmal wahr. Weshalb auch das Leben (die Erzählung von ihm) interpretiert sein will, zumal, wenn sie Aufschluss über das Werk geben soll. So wie sich beim Leser die Fragen vervielfältigen, multiplizieren sich beim Biografen und der Biografin also die Probleme der Interpretation.

"Der Biograf ist ein Einbrecher"

Warum unterziehen sich die Verfasserinnen und Verfasser von Biografien solcher Mühsal? Weil sie sich die Fragen, die ihre Lektüre weckte, selbst beantworten wollen? Weil sie keine Künstler oder Wissenschaftlerinnen sind, sie aber zu verstehen meinen? Weil sie ihre eigenen Neurosen und Traumata in der Biografie, also in der Analyse von Leben und Werk anderer, produktiv wenden können? Weil sie, lustvolle Indiskretion hin, ehrwürdige Seriosität her, schmarotzend teilhaben möchten an der Berühmtheit anderer? Zumindest will jeder Biograf und jede Biografin erkannt werden an der Art, wie er oder sie sich recherchierend, einfühlend, fragend, interpretierend und darstellend das fremde Leben aneignet. "Der Biograf ist ein Einbrecher", meint der über Heimatverlierer und Lebenserfinder schreibende Manfred Flügge.

(pla)

Manuskript als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat

Erstsendedatum: 15.05.2011

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