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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.12.2015

Biochirurgie mit InsektenMaden als Medizin

Von Ludger Fittkau

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Zur Wundheilung eingesetzte Maden liegen auf einer Mullbinde. (picture-alliance/ dpa - CTK Igor Sefr)
Professor Andreas Vilcinskas setzt sich dafür ein, dass Maden wieder zu Wundheilung eingesetzt werden. (picture-alliance/ dpa - CTK Igor Sefr)

Immer mehr Pharmazeuten interessieren sich für Insekten, sie könnten neue medizinische Wirkstoffe liefern. Auch der Biologe Andreas Vilcinskas macht sich für die Insektenforschung stark. Er will Körperstoffe der Maden als Alternative für Antibiotika einsetzen.

Das Geräusch eines insbesondere in Küchen ungern gesehenen Insektes  – dass sie "Fauchschabe" heißt, erklärt sich von selbst:

Die Fauchschabe ist für den Gießener Biologie-Professor Andreas Vilcinskas nur eine von bisher über eine Million bekannten Insektenarten, die er als eine schier unerschöpfliche Ressource etwa für die  Arzneimittel-Produktion oder ungiftige Formen der Insektenbekämpfung betrachtet:

"Für mich sind die Insekten in ihrer Gänze eine riesige Naturstoff-Bibliothek, die es zum Wohle der Menschheit zu erschließen gilt. Das ist gleichzeitig Kernaufgabe der Insekten-Biotechnologie."

Andreas Vilcinskas ist ein kräftiger Mann Anfang 50 mit freundlichem, rundem Gesicht. Er empfängt mich in T-Shirt und Jeans in einem hässlich-grauen Betonklotz am Rand Gießens, im sogenannten "Alten Chemiegebäude" der Uni.

Sein geräumiges Büro ist frisch renoviert, auf den Fluren stehen noch zusammengefaltete Umzugskartons. Im Gebäude gleich neben den Büros sind die Labore mit surrenden Massenspektrometern, Mikroskopen und langen Tischen mit Glasbehältern verschiedener Größen, in denen es kreucht und fleucht.  In über fünf Standorten seien die inzwischen rund 100 Mitarbeiter des Gießener Zentrums für Insektenbiologie verteilt, weil man rasend wachse, erklärt Vilcinskas, der das Zentrum leitet.  Ein Teil des Teams ist sogar auf dem ehemaligen Geländer der Farbwerke Hoechst in Frankfurt am Main untergebracht

"Wir werden weltweit auch als eine Pioniergruppe auf diesem Gebiet gesehen. Also die Insektenbiotechnologie und Fraunhofer hier ist die größte operative Einheit in Deutschland. Vielleicht sogar europaweit."

Regionale Fliegenmaden statt Antibiotika

Die Insekten, an denen Vilcinskas und seine aktuell rund 100 Mitarbeiter forschen, kommen nicht aus den tropischen Hotspots der Biodiversität, wie man denken könnte:

"Ich habe zwar vom BMBF jetzt ein Projekt bewilligt bekommen, mit dem ich in die Tropen gehen kann nach Indonesien. Dort sollen im Rahmen einer Kooperation unsere Technologien nach Indonesien transferiert werden im Gegenzug gibt es eben Zugang zu der Biodiversität dort, aber unsere bisherigen Forschungen sind tatsächlich mit Insekten geschehen, die wir hier vor Ort sammeln."

Die so gut hörbare Fauchschabe stammt aus Madagaskar – sie ist also nicht erste Wahl für die Gießener. Das aktuelle Lieblingsinsekt des gelernten Zoologen Vilcinskas ist eine profane heimische Fliegenmade. Sie ist deshalb interessant, weil sie in der Wundbehandlung als sogenannte "Wundmade" eingesetzt wird. Für die Gießener Insekten-Biotechnologen sind die Körperstoffe der Made als mögliche Alternative zu Antibiotika interessant. Andreas Vilcinskas:

"Das ist eine traditionelle Medizin, die bei vielen Naturvölkern eingesetzt wird, um eben Wunden zu heilen. Man hat es wiederentdeckt im amerikanischen Bürgerkrieg, da hat man festgestellt, dass die Soldaten, die zwischen den Frontlinien liegengeblieben sind und oft tagelang nicht versorgt werden konnten. Wenn man die dann geborgen hat und die Wunden voller Maden waren, die haben überlebt und die anderen im Lazarett oft nicht, weil zu der Zeit noch keine Antibiotika zur Verfügung standen. Als die Antibiotika auf den Markt kamen, ist diese Madentherapie wieder zurückgedrängt worden. Und jetzt erlebt sie eine neue Renaissance, weil sie eben spektakuläre Erfolge zeigt bei Krankheiten, die jetzt auch modern sind, wie der diabetische Fuß".

Insektenforschung als Alternative zu Tierversuchen

Auch am Uniklinikum Gießen werde die Madentherapie bei der Wundbehandlung angewendet, so Vilcinskas:

"Nun ist es aber so, nicht jeder mag Maden in der Wunde und wenn Maden tatsächlich mal ausbüchsen, können sie sich im Krankenhaus verpuppen und Fliegen produzieren, die dann wieder Keime verbreiten. Unser Trend oder was wir jetzt hier in Gießen verfolgen ist: von der Madentherapie zur Biochirurgie. Das wird oft synonym verwandt, aber ich sage: Wenn man Maden einsetzt, ist es eine Madentherapie. Wenn ich aber nur die Moleküle, die Wirkstoffe der Maden einsetze, bezeichne ist das als Biochirurgie."

Forschung mit Insekten – bei mir weckt das aber auch die Erinnerung an Erzählungen über etwas bösartige Zeitgenossen, die Stubenfliegen Beine ausreißen. Ich frage Andreas Vilcinskas, wo Insektenforschung an ethische Grenzen stoßen könnte. Er macht sich wenig Sorgen:

"Wir profitieren aber davon, dass Insekten im juristischen Sinne gar nicht als Tiere gelten. Das heißt, es sind auch nicht diese aufwändigen Zulassungsverfahren notwendig. Und der überwiegende Teil der Bevölkerung hat eben wenige Probleme, wenn mit Insekten gearbeitet wird, sie werden ja oft als negativ wahrgenommen. Und das ist sogar eine unserer Stärken. Eine unserer Forschungsgruppen fokussiert eben darauf, Insekten als Alternative zu Tierversuchen zu entwickeln."

Auch der Pflanzenschutz kann von der Insekten-Biotechnologie profitieren

Damit sollen künftig die unzähligen Mäuseopfer reduziert werden, die für die Pharmaforschung gebracht werden, hofft Vilcinskas. Ein weiteres wichtiges Anwendungsfeld für die Insekten-Biotechnologie sieht er im Pflanzenschutz. Mit biotechnischen Methoden will er etwa Schädlinge unfruchtbar machen statt Gift zu verspritzen:

"Ein schönes Beispiel ist Kirschessigfliege, Drosophila suzukii, eine invasive Art, aus Japan eingeschleppt, die sich jetzt auch hier in Deutschland breitmacht. Diese Art befällt 300 Früchte. Man kann sie mit herkömmlichen Mitteln – Insektiziden  – nicht bekämpfen, weil sie unmittelbar vor der Ernte die Früchte anstechen. Die Früchte sind dann nicht mehr zu vermarkten. Sie können sie aber auch nicht behandeln mit Insektiziden, so kurz bevor sie verkauft werden sollen. Das heißt alle klassischen Optionen, die wir so haben, funktionieren nicht. Und gerade hier – das ist ein Paradebeispiel- werden wir neue Methoden entwickeln müssen, und je früher wir Technologien haben, desto eher haben wir eine Chance, weitere invasive Arten zu bekämpfen, die die Landwirtschaft bedrohen."

Am Schluss des Gespräches deutet Andreas Vilcinskas auf eine Wiese vor dem Forschungsgebäude, in dem seine Insekten-Biotechnologen jetzt sitzen. Dort entsteht das Gießener Fraunhofer-Institut für Insektenbiotechnologie, das die Uniforschung ergänzen soll:

"Dass die Insektenbiotechnologie hier angesiedelt werden sollte und auch das Fraunhofer-Institut, das liegt an dem Fächerkanon den wir an der Justus-Liebig-Universität haben.
Es ist eine der größten Agrar-Fakultäten in Deutschland, wir haben sehr viele Lebenswissenschaften. Das alles ist so toll hier aufgestellt, das man genau diese Vernetzung hat, die wir brauchen, um ein so interdisziplinäres Forschungsfeld wie die Insektenbiotechnologie zum Boomen zu bringen."

Wenn dieser Forschungsbereich boomt, könnte vielleicht auch die Fauchschabe irgendwann  ein "Haustier" der Gießener Biotechnologen werden. Aber vielleicht ist sie ja auch einfach zu laut...

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