Seit 11:05 Uhr Tonart
Donnerstag, 21.10.2021
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Im Gespräch | Beitrag vom 15.07.2021

Biochemiker Ernst-Ludwig Winnacker„Ich wollte nicht nur Exzellenz verwalten, sondern erzeugen“

Moderation: Ulrike Timm

Ein älterer Herr mit Brille steht in einem Gebäude an einem Geländer. (Michael Till, Genzentrum München)
Nach seiner Zeit als DFG-Präsident war Ernst-Ludwig Winnacker einer der Gründer des Europäischen Forschungsrats in Brüssel. (Michael Till, Genzentrum München)

Ernst-Ludwig Winnacker wollte Dirigent werden, am Ende machte er international Karriere als Biochemiker. Der ehemalige DFG-Präsident hat die Forschungslandschaft hierzulande entscheidend geprägt und setzt sich bis heute für die Förderung von Frauen ein.

Seine gesamte Forscherlaufbahn hat Ernst-Ludwig Winnacker den Viren gewidmet. Der Biochemiker hat die Objekte seines Forschungsinteresses aber auch schon mehrfach am eigenen Leib oder seinem unmittelbaren Umfeld erlebt. Als Kind erkrankte er nach einer verunglückten Pockenimpfung schwer.

Später brach am Arbeitsplatz seines Vaters das Marburg-Virus aus und forderte einige Menschenleben. Als frischverheirateter Ehemann erlebte er in den USA die Erkrankung seiner Frau an der Hongkong-Grippe, die sie nur knapp überlebte. "Mein Leben mit Viren" heißt folgerichtig auch sein neues Buch.

"Es war Goldgräberstimmung"

Dabei wollte Ernst-Ludwig Winnacker, der neben Klavier auch Cello spielte, ursprünglich Dirigent werden. Auf dem Konservatorium entschied er sich allerdings angesichts einiger begnadeter Wunderkinder gegen eine professionelle Musikerlaufbahn und wandte sich fortan der Biochemie zu.

"Es war Goldgräberstimmung", erzählt der Wissenschaftler über die Anfänge der Molekularbiologie, die er in Zürich, Berkeley und am Karolinska-Institut in Schweden erlebte. "Da konnte man wirklich immer wieder Neues entdecken." Später hat der Forscher, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert, in München das Genzentrum gegründet und geleitet.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
Zunächst sei es nicht möglich gewesen, die hochkomplexen pflanzlichen, tierischen oder menschlichen Zellen zu analysieren. Die im Vergleich dazu viel einfacher aufgebauten Viren eröffneten damals die Möglichkeit, über sie die Vorgänge in der Wirtszelle selbst zu untersuchen. "Die Viren waren der Auslöser der modernen molekularen Biologie."

"Das Virus hat uns hier voll im Griff"

Ernst-Ludwig Winnacker vergleicht Viren gern mit U-Booten: Sie tauchten in einer Wirtszelle unter, verrichten dort ihr Werk, und nur, wenn sie einmal auftauchten, habe man die Chance, etwas über sie zu erfahren. Gerade das Corona-Virus zeige aber, wie vieles noch unverstanden sei. Bis heute gebe es kein befriedigendes Medikament für diejenigen, die sich mit Covid-19 infiziert hätten. Es gehe, um im Bild des U-Boots zu bleiben, also eher darum, die Vorgänge im Maschinenraum zu verstehen. "Wir sind hier keineswegs der Kapitän, sondern das Virus hat uns hier voll im Griff."

Wie schnell jedoch am Ende hervorragende Impfstoffe gegen das Corona-Virus entwickelt wurden, sei auch für ihn "ein Wunder" gewesen.

Mit neuen Rahmenbedingungen gegen marode Unis

Neben seiner wissenschaftlichen Karriere hat der Biochemiker die deutsche Forschungslandschaft als langjähriger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auch viele Jahre auf administrativer Ebene geprägt. Als er Ende der 1990er-Jahre die Stelle antrat, seien die Forschungsbedingungen in Deutschland nicht gut gewesen, viele Universitäten marode.

"Ich dachte, ich könnte mit meinen Vorstellungen über die Nachwuchsförderung, die Förderung von Frauen, vor allem über die Stärkung der Forschung an den Unis, die sehr unterfinanziert waren, vielleicht etwas erreichen." Er habe "nicht nur Exzellenz verwalten, sondern auch Exzellenz erzeugen" wollen, indem er die Rahmenbedingungen verbesserte.

"Die EU-Kommission kann vieles, aber sie kann nichts Neues"

Insbesondere die Förderung von Frauen in der Wissenschaft hat ihn nicht nur als Forscher umgetrieben, sondern auch als Wissenschaftsmanager. Als er 2006 als DFG-Präsident aufhörte, waren etwa neun Prozent der ordentlichen Professuren mit Frauen besetzt, heute seien es 21 Prozent. "Aber es dauert immer noch 100 Jahre, bis wir wirklich mal auf 40 Prozent sein werden", sagt der Biochemiker. "Diese alten Themen, die Frauen den Weg versperren, die sind noch nicht weg."

Nach seiner Zeit als DFG-Präsident war Ernst-Ludwig Winnacker einer der Gründer des Europäischen Forschungsrats in Brüssel. Nach einigen Startschwierigkeiten hält er das Projekt, das die Idee der DFG auf europäische Ebene überträgt, heute für gelungen.

Er selbst sei "ein glühender Europäer". Aber dass ausgerechnet die EU-Kommission mit der Beschaffung und Verteilung der Corona-Impfstoffe beauftragt wurde, kann er nach seinen Erfahrungen in Brüssel nicht nachvollziehen. Auf außergewöhnliche Schritte, wie sie in einer Krise wie der Corona-Pandemie mitunter vonnöten sind, sei die EU-Kommission mit ihren bürokratischen Regeln nicht ausgelegt. "Die Kommission kann vieles, aber sie kann nichts Neues."

(era)

Ernst-Ludwig Winnacker: "Mein Leben mit Viren. Eine Forschergeschichte über die faszinierende Welt der Krankheitserreger"
‎S. Hirzel Verlag 2021
192 Seiten, 25 Euro

Mehr zum Thema

Pandemien und kultureller Wandel - Seuchen bewirken Tod – und Fortschritt
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 24.2.2021)

Forschungsfinanzierung - Wie die Wirtschaft die Wissenschaft beeinflusst
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 1.10.2020)

Neue Medikamente - Deutscher Forschung fehlt der Pragmatismus
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 11.12.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Im Gespräch

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur