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Studio 9 | Beitrag vom 28.10.2019

Biobauer gegen BundesregierungKein Regen, miserable Ernte − ein Bauer klagt jetzt

Von Vanja Budde

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Biobauer Heiner Lütke Schwienhorst auf dem Biohof der Familie in Brandenburg. Links und rechts vom ihm ist ein Teil seiner Milchkühe zu sehen, sogenannte Deutsche Schwarze Niederungsrinder, eine vom Aussterben bedrohte Zweinutzungsrasse. (Gordon Welters / Greenpeace )
Biobauer Heiner Lütke Schwienhorst klagt zusammen mit zwei anderen Landwirten und Greenpeace gegen die Klimapolitik der Bundesregierung. (Gordon Welters / Greenpeace )

Extrem trockene Sommer verursachen Ernte-Einbußen von bis zu 50 Prozent und damit erhebliche Mehrkosten. Deshalb hat Biobauer Heiner Lütke Schwienhorst aus Brandenburg die Bundesregierung verklagt, weil die nicht genug gegen den Klimawandel tue.

"Ich muss mal hier die Tür öffnen, wir gehen jetzt in die Getreidescheune. Denn wir machen ja nicht nur Milchprodukte und Rindfleisch, sondern auch Cerealien, Getreide, Roggen, Weizen …"

Auf dem Gut Ogrosen zwischen Spreewald und Lausitz müsste die Getreidescheune jetzt nach der Ernte eigentlich voll sein. Doch zum zweiten Mal in Folge hat es hier im südlichen Brandenburg viel zu wenig geregnet.

"Also im Mai, Juni, Juli, August bis Mitte September geradezu gar nichts."

Die Folge: Ernteeinbußen bis zu 50 Prozent. Ein recht kläglicher Haufen Sonnenblumenkerne liegt in der Mitte der Scheune. Biobauer Heiner Lütke Schwienhorst bückt sich, lässt die Kerne bekümmert durch die Finger rieseln.

"Das ist hier die Ernte von etwa 30 Hektar Sonnenblumen. Diese Box hier müsste eigentlich gefüllt sein."

Vergebliche Hoffnung auf ertragreiche Ernte

120 Milchkühe haben er und sein Sohn und Nachfolger Lucas Lütke Schwienhorst. Deutsche Schwarzbunte Niederungsrinder, eine vom Aussterben bedrohte Zweinutzungsrasse, die Milch und Fleisch liefert.

Gottseidank habe es im Herbst endlich geregnet, so dass die Tiere auf der Weide noch etwas Gras zu fressen finden, denn auch die Heuernte war mal wieder miserabel, wie Lütke erzählt. Er schiebt das Tor der modernen, eine halbe Million Euro teuren Heuscheune auf. Auf einer schmalen Eisenleiter steigt er hinauf auf den Heuboden.

Es duftet herrlich nach trockenem Gras und Kräutern. Die Qualität sei auch ganz gut, sagt Lütke, oben angekommen. Der sehr große, schlanke Landwirt greift ins Heu, zieht ein Büschel heraus, schnuppert daran.

"Das ist jetzt hier aus dem zweiten Schnitt, würde ich sagen. Der Schnitt war ein bisschen spät, weil wir gewartet haben und Hoffnung hatten, dass der Masseertrag, die Menge, die wir ernten, sich noch ein bisschen vergrößern würde."

Eine vergebliche Hoffnung, seufzt der Bio-Bauer, lässt das Heu fallen, wischt sich die Hände an der Stalllhose ab.

Greenpeace hilft bei Klage

"Wir haben jetzt hier, also in dieser Scheune, bis zu 7.000 Kubikmeter Heu. Wir hätten neun bis zehn, wenn wir ausreichend geerntet hätten. Und wir haben drüben in der zweiten Scheune, dort haben wir Rundballen, das ist das Futter für die Nachzuchttiere, da ist das Defizit größer. Wir haben dort etwa 400 Rundballen aus diesem Jahr und wir brauchen etwa anderthalbtausend."

Das fehlende Futter muss er zukaufen, was die Bilanz weiter schmälert. Als Greenpeace ihn, den erfahrenen Bio-Bauern, gefragt hat, ob er sich an einer Klage gegen die Klimapolitik der Bundesregierung beteiligen möchte, hat er zugesagt:
  
"Weil es nämlich unerträglich war im letzten Jahr und in diesem Jahr, einfach viel zu trocken. Ich vertraue auf die wissenschaftlichen Angaben, dass diese Klimaveränderungen menschengemacht sind. Und ich finde, eigentlich ist es sehr wohl machbar, das, was Klimaverschlechterung verursacht, einzustellen oder es zu zügeln und zurückzuschrauben."

Klimapaket geht nicht weit genug

Der Landwirt fordert gemeinsam mit zwei anderen Landwirten und Greenpeace von der Bundesregierung, ihre Klimaziele 2020 einzuhalten. Von der Klage erhofft er sich Aufmerksamkeit und damit Druck auf die Politik. Das Klimapaket des Kabinettes geht ihm nicht weit genug:

"Ich bin aber trotzdem froh, dass es überhaupt einen Anfang gibt. Aber das halte ich für absolut unzureichend und es geht sicherlich sehr, sehr viel mehr."

Im Stall verarztet Lütkes Angestellte Klara Lang gerade die Klauen von einer Kuh, die auf einen Stein getreten ist. Die 26-Jährige arbeitet seit sieben Jahren in der Landwirtschaft und beobachtet auch, wie das Wetter sich ändert.

"Ich finde es super wichtig, dass die Gesellschaft und auch vor allem die Politik wachgerüttelt wird. Es ja offensichtlich, dass es Veränderungen gibt. Die, die sagen, es gab schon immer trockene Jahre, die versuchen einfach, ich will nicht sagen, eine Ausrede zu finden, aber irgendwie doch so was, um nicht die Augen zu öffnen. Nicht hingucken ist immer einfacher."

Einfacher, aber gefährlich, meint Landwirt Heiner Lütke Schwienhorst. Er versteht die Klima-Leugner nicht. Die wendeten sich gegen die breite Front der Wissenschaft:
 
"Das ist doch geradezu schwachsinnig."

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