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Tonart | Beitrag vom 29.03.2019

Billie Eilishs PlattendebütDichter Sound aus dem Kinderzimmer

Von Christoph Möller

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Die junge Sängerin Billie Eilish steht in rotem Licht auf der Bühne und singt mit einem Mikrofon in der linken Hand. (Imago / Zuma)
Rockattitüte mit modernem elektronischen Sound: Die Sängerin Billie Eilish ist Medienkünstlerin, für die Musik nur ein Teil der Inszenierung ist. (Imago / Zuma)

Wenn zur Zeit jemand im Popgeschäft durchstartet, dann ist es Billie Eilish. Die junge Musikerin wird vom Feuilleton verehrt, Millionen Menschen folgen ihr im Internet. Nun erschien ihre erste Platte "When we all Fall Asleep, where Do we Go?"

Sie ist gerade mal 17 Jahre alt, doch die New York Times zählt sie zu den wichtigsten Musikerinnen 2019: Billie Eilish. Heute erscheint ihr Debütalbum "When we all fall asleep, where do we go?".

Produktion mit Bruder

Die Musik ist gegenwärtiger Pop mit Einflüssen aus HipHop, Trap und elektronischer Musik. Eilishs Stimme ist nah am Mikrofon, sie flüstert eher, als dass sie singt, reduziert auf wenige Elemente, auf Intimität und Nähe. Dazu ein Sound, der viel Lücken hat, viel Stille und trotzdem dicht wirkt.

Dieses Album ist ausschließlich mit ihrem Bruder aufgenommen. Eine Geschwisterproduktion, abseits von Hollywood, die so erfolgreich ist, das es schon fast ungewöhnlich ist.

Eigentlich ist Billie Eilish gar keine Musikerin mehr, sondern eine Medienkünstlerin, für die Musik nur ein Teil ihrer Inszenierung ist. Mode ist ihr fast genauso wichtig: Wilde Ästhetik, übergroße Klamotten, Haare gefärbt und Ketten um den Hals.

Daneben erinnern ihre Videos an Horrorfilme: "Bury A Friend" ist sehr schnell geschnitten. Billie Eilish schwebt in einem düsteren Flur leblos über dem Boden, Hände mit schwarzen Handschuhen zerren an ihr, und rammen ihr mehrere Spritzen in den Rücken. Dazu singt Billie Eilish mit effektverzerrter Stimme die morbiden Lyrics: "I want to end me".

Das ist avantgardistische Performancekunst gemischt mit Mainstream-Hollywood-Ästhetik. Diese selbstverständliche Gleichzeitigkeit verschiedenster Einflüsse in der visuellen Ästhetik, aber auch im Sound, ist wie gemacht für das Internet.

Spektakel für kleine Bildschirme

Billie Eilish bedient perfekt diese Mechanismen: Ihr Erfolg basiert auf einem Mosaik aus kleinen Spektakeln, gemacht für eine Generation, die am liebsten auf kleine Bildschirme schaut.

Ein Problem der Platte ist, dass Eilish auf ihrem Album keine Geschichte erzählt. Eilish hat nicht so recht was zu erzählen. Zwar bietet sie Abhilfe, ihr Sound ist im Vergleich zu anderen Mainstreamproduktionen wirklich auffällig anders. Dazu kommen teils nachdenkliche Texte über Selbstzweifel, Ängste und Einsamkeit. Das Fazit: Dem Album fehlt auf der Erzählebene noch die Tiefe und die Dichte, die es im Sound aber definitiv schon hat.

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