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Studio 9 | Beitrag vom 28.11.2015

Bildungsprojekt in GuatemalaAbitur an der Radioschule

Von Isabella Kolar

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Eine Schülerin verfolgt den Unterricht in einer Schule in Guatemala. (imago/Camera4/Jim)
Viele Guatemalteken haben keinen Zugang zum staatlichen Bildungssystem. (imago/Camera4/Jim)

40 Prozent der Guatemalteken sind Analphabeten. Mit Radiosendungen und Lerngruppen ermöglicht das Institut für Radiobildung in Guatemala sozial schwachen Menschen staatliche Schulabschlüsse. Doch Unterstützung vom Staat bekommt die Nichtregierungsorganisation nicht.

Wilma Beatrice  knetet nervös die Finger der einen mit den Fingern der anderen Hand. Nur selten huscht ein schüchternes Lächeln über das Gesicht des Mädchens, auf dessen weiß-hellblauen Armbändern mit deutlichen Lettern "Amor" geschrieben steht. Die 15-Jährige kommt gerade aus der Abschlussprüfung von ihrem Grundkurs. Sozialwissenschaft, sprachlicher Ausdruck und Mathematik standen auf dem Plan.

Wilma war schnell. Ihre gut zwei Dutzend Mitschüler – Alter geschätzt von zehn bis 50 – sitzen immer noch auf ihren Holzbänken in der überdachten an den Seiten offenen Halle mitten im Grünen  und schauen konzentriert auf die Aufgaben vor ihnen. Gemeinsam mit 36.000 weiteren Guatemalteken ist Wilma  Schülerin der Radioschule. Wie praktisch, dass auch all  ihre Freunde hier sind.

"Sie finden das gut, dass wir hier zur Schule gehen. Sie sind ja auch hier. Die, die weiter weg wohnen, gehen zu einer anderen Lerngruppe von Iger und alle die hier wohnen, lernen hier."

Guatemaltekische Schüler sitzen unter einer Überdachung über Prüfungsaufgaben. (Deutschlandradio / Isabella Kolar)Prüfung am Institut für Radiobildung in Guatemala (Deutschlandradio / Isabella Kolar)

Iger – das steht für das Gualtematekische Institut für Radiobildung mit  landesweit 110 engagierten Mitarbeitern. Tschaikowskys Nussknackersuite bewirbt Iger über drei hauseigene Radiostationen sowie über lokale und kirchliche Sender in ganz Guatemala.

"Bildung verändert dein Leben"

Drei Säulen machen Iger aus: erstens Lehrmaterial - das können Bücher, CDs oder andere Datenträger sein -, zweitens Radiosendungen und drittens Lerngruppen. Iger entwirft, druckt und verteilt Lehrbücher. Täglich gibt es für Wilma und ihre Kollegen von Montag bis Freitag zu bestimmten Uhrzeiten die Radiosendendungen "El Maestro en Casa" – "Der Lehrer im Haus", in denen der Stoff lebhaft erklärt wird. Am Wochenende arbeiten die Schüler in selbstorganisierten Gruppen gemeinsam, meist steht ihnen ein ehemaliger Schüler als Tutor zur Seite.

"Ein Lehrer im Haus" – ist zum Beispiel seit zwölf Jahren Brunemilijo, 36 Jahre alt , aus dem Dort Tschorantscho in der Nachbargemeinde von Wilmas Heimatdorf Cerro las Granadillas. Das idyllische Cerro mit seinen 40 Familien und 150 Einwohnern, mit seinen Palmen und Limettenbäumchen, liegt 50 Kilometer nördlich von Guatemala-Stadt in der Gemeinde San Rajmundo. Brunemilijo ist  Wilmas Lehrer, gleichzeitig Schulleiter und selbst ehemaliger Schüler von Iger.

"Als ich sieben war, ist meine Mutter gestorben. Damals bin ich zur Schule gegangen. Aber wir sind acht Geschwister und ich konnte dann nicht mehr dorthin  gehen. Und dann ergab sich die Gelegenheit,  Iger  zu besuchen. Das war fünf Kilometer entfernt, da bin ich immer Samstag nachmittags hingegangen."

Für die Bildung fünf Kilometer Fußmarsch jeden Samstag - und da ihm alle Fächer so gut gefielen, wusste Brunemilijo schnell: Ich will Lehrer werden.

"Ich konnte nur einen mittleren Schulabschluss machen. Ich konnte nicht mehr zur Universität gehen, weil ich arbeiten musste. Danach  war es  mein Ziel, den nächsten Generationen weiterzuhelfen. Ich bin sehr engagiert in meinem Dorf, denn ich weiß: Bildung verändert dein Leben."

Zwei guatemaltekische Mädchen stehen vor einer bemalten Wand. (Deutschlandradio / Isabella Kolar)Noheydi und Wilma, Schülerinnen des Instituts für Radiobildung in Guatemala (Deutschlandradio / Isabella Kolar)

Ziel Medizinstudium

Iger kümmert sich um die Grundschulausbildung der Kinder und Jugendlichen, aber auch um die weiterführende Bildung in Vorbereitung auf das Abitur. Die Alphabetisierung gehört zum Start der Ausbildung. Die Radioschule in Guatemala, die im ganzen Land 900 Studienkreise unterhält  ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich vor allem an sehr arme Menschen richtet, und das in Gebieten, wo das staatliche Bildungssystem nicht greift.

Iger vergibt ohne staatliche Unterstützung einen staatlichen Schulabschluss und ist daher auf private Spenden angewiesen. Die Schüler zahlen zwischen 20 und 50 Dollar pro Jahr je nach Bildungslevel. Die 13- jährige Noheydi hat gerade dieselbe Prüfung absolviert wie ihre Freundin Wilma. Mathematik ist ihr Lieblingsfach, weil das mit den Zahlen doch am leichtesten sei. Ihr Ziel:

"Jetzt denke ich erst mal daran, den Grundkurs fertig zu machen. Später will ich meinen Bachelor machen und danach den Doktor, weil ich Medizin studieren will. Ich möchte gerne Menschen helfen, ich glaube, das ist etwas sehr Schönes." 

Mehr Informationen über das Gualtematekische Institut für Radiobildung auf dessen Webseite (auf Spanisch)

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